Schemainsky - Viertes Kapitel

Schemainsky - Viertes Kapitel

Beitragvon Sveste » 19. Jan 2011, 12:21

Langeweile

Ich suche Speer in dessen Büro und finde ihn nicht. Mehr aus Langeweile, als alles andere, verlasse ich das Präsidium, gehe um die Ecke und zünde mir eine Zigarette an. Es ist Sonntagvormittag, einer meiner Freunde wurde umgebracht, mir wurde mit Rausschmiss gedroht und in meinem Kopf meldete sich ein leichter Schmerz. Wieder. Ich nehme einen neuen Zug, inhaliere tief, lehne mich kurz an die Mauer und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, sehe ich Speers Wagen. Er sitzt drin und scheint zu warten. Glaubt der, ich bin ein verdammter Hellseher, oder was? Ich schmeiße die Kippe weg, gehe zum Wagen und steige ein. Das bedeutet, ich öffne die Tür, steige ein und knalle die Tür zu, so fest ich kann. Natürlich bekommt er gleich einen Anfall. „Fuck, das ich kein Kühlschrank. Macht es dir was aus, den Wagen ein wenig freundlicher zu behandeln? Er kann zumindest nichts dafür.“ Er liebt sein Auto.
Ich sage nichts und öffne das Fenster ein wenig. Speer startet den Motor, seufzt und macht ihn wieder aus. Anscheinend hat er Redebedarf. Das ist auch so eine Sache, die mich total abtörnt. Speer kann alles in Grund und Boden quatschen. Ich hasse so etwas.
„Pass auf, ich kann es nicht ändern. Kurz vor der Besprechung, du warst ja nicht da, hat der Chef mir gesagt, dass ich hier sowas wie die Leitung bei dem Fall machen soll. Du kannst mich hassen, aber hey, Alter. Du weißt, wer hier wirklich gerade Scheiße baut, oder?“
Er holt wieder tief Luft, wartet auf meine Reaktion. Ich schaue stur aus der Windschutzscheibe, rühre mich nicht.
„Karl. Alter. Wir sind doch Freunde. Du lässt dich gehen, Mann. Kneif die Arschbacken zusammen. Hör auf zu saufen. Das macht dich kaputt. Jeder wird dir helfen. Ich werde dir helfen, die ganze scheiß Wache. Jederzeit. Du musst nur einmal dein Maul aufmachen.“

Ich höre mir seine Tirade an, innerlich muss ich mit mir kämpfen, nicht seinen Schädel hinten an den Haaren zu packen und mit seinem Gesicht langsam, aber stetig auf das Lenkrad einzudreschen. Bis ich nur noch Brei in den Händen habe. Tatsächlich kann ich vor meinen Augen sehen, wie es passiert.
Ich schüttele die Vision ab, drehe mich zu ihm. Ich sehe Freude in seinem Gesicht. Was weiß ich, was er denkt, was jetzt kommt. Ja, danke, mein allerliebster Kollege. Komm, hurtig und geschwind, so fahre mich in die MHH und ich mache erst einmal eine Entgiftung. Danach werde ich Vegetarier und nehme mir vor, in spätestens drei Monaten eine Belobigung für den qualitativ besten und am besten angezogenen Bullen in Deutschland zu bekommen.
„Jörg? Wenn du nicht die Schnauze hältst und fährst, gehe ich die paar Hundert Meter zum Stadion. Und weiterhin tust du mir einen Gefallen, ja? Von mir aus als vorgezogenes Geburtstagsgeschenk. Geb mir nie wieder, nie wieder in deinem verdammten Leben, so eine beschissene Gardinenpredigt, okay. Hast du das kapiert?“
Sperr schüttelt den Kopf und startet endlich wieder den Wagen. „Du bist so ein verdammt sturer Kopf.“
Mag sein.

Speer wendet und ich entspanne mich innerlich. Lasse mich im Sitz zurückfallen. Ganz kurz blitzt in meinem Schädel der Gedanke auf, dass er Recht hatte. Selbstverständlich. Aber es ist mein Leben, verdammt noch mal. Damit kann ich machen, was ich will. Ich kenne viele Polizisten – und Polizistinnen, nur so nebenbei – die ganz schön saufen. Einige haben auch mit Drogen nur insofern Probleme, dass sie sich nicht schnell genug welche beschaffen können.
Ich habe keinen Antrieb mehr. Das ist das Problem. Erst ging der Ehrgeiz flöten, dann der Anstand. Ich besaß mal Ehrgeiz. In einer längst vergangenen Zeit. Als ich mir noch ziemlich sicher sein konnte, dass ein Verbrecher, den ich erwischte, nicht mit einer Dreiwöchigen Bewährungsstrafe nach Hause ging. Wenn überhaupt. Früher bedeutete es noch etwas, Polizist zu sein. Heute ist man Freiwild. Selbst Jugendliche, 16 jährige Mädchen, gehen mit den Fäusten auf dich los. Rotzbesoffen und zugekokst. Und wenn du ihnen was tust, hast du schneller ein Disziplinarverfahren am Hals, als du gucken kannst. Wahrscheinlich noch angeschissen von deinen eigenen Kollegen.
Na und? Jeder hat dieses „Ding“, durch das er den Glauben in sein Leben verliert. Der Punkt, wo der Motor ins stocken kommt, um dann kurz darauf gänzlich auszufallen.
Andere Männer verlieren den Halt, wenn ihre Weiber sich von Ihnen scheiden lassen. Ich war nie verheiratet. Wenigstens ein Fehler, den ich nie begangen habe. Ich hatte ein paar Freundinnen, aber in dem Umkreis, in dem ich mich bewege, findet man nichts sonderlich Brauchbares. Wenn ich wirklich Sex wollte, könnte ich jederzeit den einen oder anderen Gefallen bei einem der Luden am Steintor einlösen. Aber ich tu es nie. Lieber zahle ich notfalls, als mich einem von denen in die Hand zu geben. Man kann nie wissen. Davon abgesehen gäbe es nur eine Frau für mich. Und die macht es freiwillig ab und zu mit mir.
Sie heißt Serena. Eine Schönheit aus dem Kongo. Oder Senegal. Scheißegal. Schwarz wie die Nacht, mit langen schwarzen Haaren und einer Figur wie die Bardot früher. Nur mit größeren Brüsten. Vor zwei oder drei Jahren hatte sie Ärger mit einem ihrer „Beschützer“. Ich bin an diesem Abend durch Zufall an der Seitenstraße, an der sie anschaffte, vorbeigekommen. Eigentlich auf dem Weg nach Hause. Der Zuhälter war dabei, sie gerade fast tot zu prügeln. Zufälle spielen in meinem Leben anscheinend eine große Rolle.

Ich überlege gerade, ob ich tatsächlich nach Hause gehe, oder mir noch irgendwo ein Bier genehmige. Es ist erst 23.30 Uhr. Auf der einen Seite wäre es schön, nach ein paar anstrengenden Tagen mal wieder etwas früher auf der Couch zu liegen und Fernsehen zu schauen, auf der anderen Seite – was soll ich zuhause? Aus der Reuterstraße kommen Streitgeräusche. Ich kann erst nichts sehen. Aus einer Einfahrt kommen Stimmen. Ein Mann schreit. Ich kann hören, wie eine Frau weint. Ich gehe also ein paar Meter in die Straße rein. In einer Einfahrt zu einem Hinterhof steht ein Mann. Er holt immer wieder mit seinem linken Fuß aus und tritt nach etwas. Ich muss noch zwei Meter gehen, bin fast schon bei ihm, dann sehe ich die Frau auf dem Boden liegen. Er bemerkt mich nicht. Schreit einfach weiter in einer Sprache, die ich nicht verstehe und tritt wieder und wieder auf die Frau ein. Ich nehme meine Dienstwaffe aus dem Holster und überlege, ob ich ihm nur ins Bein schieße oder gleich einen sauberen Schuss versuche. Normalerweise tendiere ich ihn solchen Situationen nicht dazu, rational zu handeln. Aber ich drehe die Waffe um, packe sie am Lauf und ziehe den Griff so fest ich kann über den Schädel dieses Wixers. Der Typ fällt wie vom Blitz getroffen um rührt sich nicht mehr. Im Licht der Straßenlaterne kann ich sehen, dass er eine Platzwunde am Kopf hat. Blutet ganz schön. Ich lasse ihn liegen und knie mich neben die Frau. Sie hält die Hände über den Kopf und liegt in Fötusstellung da. Versucht sich, so gut es geht, gegen die Tritte zu erwehren. Sie hat noch gar nicht bemerkt, dass es aufgehört hat. Blut vermischt sich mit Regenwasser und läuft an mir vorbei, raus auf die verdreckte Straße. Ich rede leise auf sie ein. Ich kann diverse Platzwunden sehen. Auch sie blutet am Kopf. Auch im Halbdunklen kann ich sehen, dass sie schwere Hämatome im Gesicht hat. Ihre Nase und ihr Mund bluten. Sie lässt mich das Blut vorsichtig mit einem Taschentuch abtupfen, bewegt sich aber nicht und sagt auch kein Wort. Ich bin mir nicht sicher, ob sie schon erkannt hat, dass ich nicht ihr Zuhälter bin. Später werde ich erfahren, dass sie außerdem diverse Rippenbrüche hat, wie auch ein totes Baby in ihrem Bauch. Das Kind war auch der Grund für die Prügel. Auch ohne diese Dinge zu wissen, sieht sie auch so schon schlimm genug aus. Ich fasse wieder an meine Waffe. Am liebsten würde ich sehen, wie das Hirn dieses Arschloches sich über halb Hannover verteilt. Ich konnte Zuhälter nach Art dieses Typens nie leiden. Hab ich nie und werde ich nie. Anstatt der Waffe, zücke ich mein Handy und rufe einen befreundeten Clubbesitzer an. Sein Club ist nur zwei Querstraßen weiter.
„Schemainsky. Ich muss Elmar sprechen.“ Zwanzig Sekunden später hab ich ihn dran.
Ich erkläre ihm die Situation und lege wieder auf. Keine fünf Minuten später stehen Elmar und sechs seiner Stiernackigen Angestellten neben mir. Zwei von Ihnen heben Serena – Elmar kennt sie – vorsichtig auf und gehen mit ihr davon. Ich weiß, dass sie von befreundeten Ärzten die nötige medizinische Hilfe bekommen wird.
Elmar nickt zu dem immer noch bewusstlosen Luden.
„Und er?“, fragt er mich. Ich zucke mit den Schultern.
„Lebt er noch?“. Einer der Jungs bückt sich kurz zu ihm runter. Er nickt.
„Bringt ihn von mir aus wer weiß wohin und macht ihm klar, dass wir Wixer wie ihn hier nicht haben wollen“. Einer der Jungs dreht sich um und geht weg. Nach ein paar Minuten steht er mit einem Wagen neben uns. Sie hieven den Zuhälter auf die Rückbank, steigen ein und fahren los. Ich bedanke mich bei Elmar und beschließe, dass ich jetzt definitiv noch einen Drink brauche.

Ich habe den Typen nie wieder gesehen. Ich habe auch nie nachgefragt. In einer schwachen Minute versuche ich mir immer einzureden, dass Elmars Jungs ihm ein bisschen Angst gemacht haben und er jetzt in irgendeiner anderen Stadt seine Frauen verprügelt. Aber ehrlich gesagt, glaube ich, dass er seit dieser Nacht irgendwo in einem Wald liegt und dem Kreislauf der Natur hinzugefügt worden ist.
Serena war und ist mir sehr dankbar für meine damalige Hilfe. Bei einem meiner Besuche bei ihr sind wir dann auch irgendwie im Bett gelandet. Sie wollte kein Geld dafür und sagte mir, dass sie es nicht nur aus Dankbarkeit tat. Nein, sie mochte mich auch. Im Laufe der Jahre war ich nun schon oft bei ihr. Manchmal zum quatschen, manchmal vögelten wir auch. Das letzte Mal bei Serena, das muss jetzt sechs oder sieben Wochen her sein, war ein Desaster. Ich konnte nicht. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, spielte ihre ganze Erfahrung als Hure aus. Es passierte rein gar nichts.
Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass der übermäßige Alkoholgenuss, den ich seit Jahren praktiziere, durchaus meine Libido beeinträchtigt. Nachdem sie sich alle Mühe gegeben hatte und sich absolut nichts bei mir tat, bat ich sie aufzuhören. Sie gab sich selber die Schuld, redete auf mich ein, es noch einmal zu versuchen aber ich zog mich wortlos an und ging. Seit dieser Nacht bin ich nicht mehr bei ihr gewesen. Aber ich vermisse sie. Ich könnte einfach hingehen, einen Kaffee mit ihr trinken, plaudern. Aber ich kann nicht. Wie meinte mein ehrenwerter Kollege? Sturer Hund? Kann sein.
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