Vor dem Horizont

Vor dem Horizont

Beitragvon Crimson » 6. Jan 2011, 16:12

Dieser Text entstand als Thema der vierten Runde des hiesigen Schreibwettbewerbs, welcher das Motto "Kreisverkehrt" ausgegeben hatte. Die Idee zu der Geschichte entstand allerdings bereits im November des Jahres 2009, als permanente Sicherheitswarnungen in Zeitungen, Fernsehen und öffentlichen Plätzen zu einer kurzzeitigen Paranoia vieler verunsicherter Menschen führte. Der Text geht der Frage nach, was passieren könnte, wenn man sich in solch einer Situation zu befinden glaubt.




Viel Spaß beim lesen!
Benutzeravatar
Crimson
 
Beiträge: 626
Registriert: 07.2010
Highscores: 3
Geschlecht: männlich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Crimson » 6. Jan 2011, 16:13

Und hier noch einmal die Geschichte als reine Textversion.

Vor dem Horizont


So kurz vor Weihnachten empfand er es als seine eigene Schuld, diese Linie zu nehmen, auch wenn er nicht das Ziel eines jeden anderen hatte, eine der beiden Innenstadthaltestellen, zum späten Einkauf vor dem Fest. Er hatte alle seine Geschenke, doch schützte ihn das nicht vor schweißigen Fettsäcken, die durch immer neu zusteigende Menschen an ihn gepresst wurden. Er musste zwei Haltestellen weiter als die Masse, zur Uni, in der wenigstens deutlich weniger los sein würde. Er arbeitete am liebsten in der Bibliothek, wenn dort nichts los war. Und weniger los als kurz vor Weihnachten war dort nur noch zwischen den Jahren. Er hasste es, andere Menschen offensiv anstarren zu müssen, doch gerade stand er so gequetscht, dass eine Drehung zum Fenster kaum möglich war. So las er zum dritten Mal ein Informationsplakat des städtischen Nahverkehrs, welches dicht über den Köpfen zweier Sitzenden hing: „Melden sie unbeaufsichtigte Gepäckstücke umgehend der Stationssicherheit“, stand dort mitsamt einer dazugehörigen Notfallnummer. Er hatte in letzter Zeit deutlich zu viele dieser Plakate gesehen. Gestern hatte er in der Zeitung gelesen, dass ein gesamter Zug aufgrund eines einzigen Telefonanrufs drei Stunden mitten im belgischen Flachland angehalten wurde, natürlich ohne am Ende etwas zu finden oder auch nur den Anrufer ermitteln zu können. Er hielt diese ganze Panikmache für Wahnsinn. Sie machte die Menschen kopflos und half nichts. Was würde denn passieren, sollte er hier ein Gepäckstück entdecken, direkt neben seinem Fuß, unauffällig unter den Sitz gequetscht? Er käme hier nicht mehr rechtzeitig raus, da versperrten ungefähr 50 Leute den Weg zur Tür.
Um das Plakat nicht ein viertes Mal lesen zu müssen, schaute er nun doch auf die umstehenden Personen. Er konzentrierte sich auf die beiden Sitzenden, eine ältere Dame mit gefälscht aussehendem Pelzmantel und ein junger Kerl, der eine Ledertasche auf dem Schoß trug und sich scheinbar vor Dieben fürchtete, so fest wie er dessen Verschluss zu hielt. Er dachte daran, dass allein dieses Bild schon verdächtig sein könnte und schloss die Augen. Die Welt ging immer mehr vor die Hunde, alle waren bereits wieder einmal kurz davor, sich gegenseitig aufzufressen.
An der ersten Innenstadtstation musste er sich an seine Haltestange klammern, um nicht einfach von der Menge mit nach draußen getragen zu werden. Nur wenige stiegen zu, es war zu früh am Abend, die Shoppingschlacht der Feierabendler hatte gerade erst begonnen. Er blieb stehen und musterte den leer gewordenen Waggon. Die alte Frau war verschwunden, hoffentlich ihren hässlichen Mantel umtauschen. Der junge Mann saß weiterhin auf seinem Platz, seine Tasche immer noch fest an sich drückend, obwohl nun keiner mehr neben ihm saß oder stand. „Tourist“, dachte er sich, einer der typischen Fälle, die von ihrem Reiseführer Angst vor Großstädten gemacht bekommen. Ihre Blicke trafen sich kurz, der Mann verharrte auf seinen Augen, dann blickte er ruckartig aus dem Fenster. Er bemerkte, dass die Stirn des Sitzenden vor Schweiß glänzte. „Oder natürlich ein gewöhnlicher Verrückter“, dachte er. Dann war seine Station gekommen und er ließ ihn sitzen.


Drei Stunden später stand er wieder im U-Bahnschacht unter seiner Universität. Mit den Handballen rieb er sich lang und fest die Augen, bis ihm kleine Sterne und Blitze davor tanzten. Er war gut vorangekommen und wollte nur noch heim. Doch die Bahn, die nun in die Station fuhr, war wieder vollgepackt mit Menschen. Ungläubig sah er auf von seiner Uhr auf die Meute, die sich hinter den Fenstern drängte und wieder zurück auf seine Uhr. Die Tür schlug auf und keiner stieg aus, er blieb perplex vor der Schwelle stehen, kam mit derart vielen Leuten nicht klar.
„Wo wollen sie denn alle hin?“, fragte er jemanden, der nah an der Tür stand.
„Late-Night Shopping in der City“, sagte der andere, „bis zwölf Uhr heute.“
Er konnte nichts erwidern, so angeekelt war er von dem Gedanken. Die Türen schnappten zu und die Bahn fuhr an, ohne ihn. Nach kurzer Reglosigkeit wandte er sich um und ging zur anderen Kante. Zum Glück war diese Linie ein Kreisverkehr und er entschied sich, den längeren Weg zu seiner Endstation zu nehmen, der ihn nicht über die Innenstadt führen würde. Er konnte heute keine Leute mehr ertragen.
Tatsächlich waren die Wagen fast leer, niemand schien sich von den leuchtenden Fassaden der Großkaufhäuser lösen zu können. Auf der Schwelle schlug ihm nur noch der Mief der Masse ins Gesicht, die sich bis gerade eben noch hier drin gequetscht hatte. Er schloss die Augen und ließ sich in die erste Sitzbank direkt neben der Tür fallen. Als er die Augen wieder öffnete, fand er sich jemanden gegenüber. Ohne darauf zu achten, hatte er sich in eine der einzigen Vierer gesetzt, die bereits besetzt war. Er lenkte seine Blicke sofort aus dem Fenster, stützte sein Kinn auf seine Handfläche und musterte angestrengt die Dunkelheit des Tunnels. Noch mehr als Augenkontakt mit Fremden hasste er nur aufgezwungene Gespräche. Oft genug war er an solche geraten, die scheinbar dringend jemandem mitteilen mussten, wohin sie gerade fuhren, von wo sie gerade kamen oder auch einfach nur, wer sie waren. Er war in diesen Gesprächen stets einsilbig, doch erwarteten seine Gegenüber auch nie mehr als einen stummen Zuhörer, auf den sie ihre Sorgen oder Erlebnisse niedergehen lassen konnten.
Doch diesmal schien sein Sitznachbar ebenfalls nicht an einer Konversation interessiert, denn zwei Stationen lang blieb es ruhig von der anderen Seite aus. Er starrte weiterhin aus dem Fenster, doch wurde dann sein Hals steif. Langsam drehte er seinen Kopf in den Innenraum des Fahrzeugs und überzeugte sich davon, dass er immer noch jemandem gegenüber saß. Direkt vor ihm saß ein junger Mann, welcher sofort einen kurzen Augenkontakt mit ihm herstellte, aber genau so schnell wieder weg sah. Er brauchte einen Moment, um die Empfindung, die ihn traf, als Wiedererkennung einzuordnen. Auch erinnerte er sich nicht wirklich an das Gesicht direkt, sondern an die Tasche, die immer noch auf den Knien des anderen stand. Er blickte auf und sah direkt über dem Sitzenden das Plakat mit den Sicherheitswarnungen, das er schon vor ein paar Stunden gesehen hatte. Vor ihm saß der junge Mann, der auch schon vor drei Stunden in dieser U-Bahn gesessen hatte. Er erkannte an seinem Gesicht vor allem die Schweißperlen, die ihm auf der Stirn standen. Um ihn nicht zu lange anzustarren, sah er wieder aus dem Fenster. Saß dieser Kerl wirklich seit vorhin auf diesem Platz und war er nun wieder durch Zufall in die gleiche Bahn gestiegen? Wieso sollte jemand stundenlang mit der vollsten Linie dieser Stadt fahren wollen, immer im Kreis herum? Er konnte nicht anders, als ihn wieder ansehen, diesmal war es am Anderen, starr aus dem Fenster heraus zu blicken. Der Kragen des Sweatshirts hatte einen Schweißrand, genauso seine Achseln. Eine Jacke war nicht zu sehen und er fragte sich, wieso sein Gegenüber im Dezember nur in einem leichten Oberteil herum lief. Und selbst wenn er hier schon lange saß, war es in der Bahn kalt.
Jetzt blickte ihn der Andere wieder an. Sein Blick wirkte gehetzt, er verharrte nie lange auf einem Punkt, nicht nur auf seinem Gesicht. Er besah sich die Tasche genauer. Der Reißverschluss war halb offen, dennoch hielt eine Hand die Öffnung zu. An den Haltegriffen waren ebenfalls dunkle Spuren zu sehen, ein Hinweis darauf, dass er ebenfalls sehr verschwitzte Hände hatte und seine Tasche mit diesen eine ganze Weile befingert hatte. Er lehnte sich zurück, sah wieder auf das Plakat über dem Kopf des Anderen. Hier hatte er es mit keinem unbeaufsichtigten Gepäckstück zu tun. Und dennoch stimmte etwas nicht. Er konnte nichts dagegen tun, doch eine leichte Übelkeit schlich sich in seinen Magen, ein schwaches Ziehen in seine Brust. Da saß ihm jemand gegenüber, der hier vielleicht schon seit Stunden saß, immer im Kreis fahrend, sichtlich nervös und mit einer Tasche auf dem Schoß. Und er saß ihm nun genau gegenüber.
Er fingerte in seiner Tasche herum, irgendwo zwischen den zerknüllten Taschentüchern hatte er eine Packung Kaugummis, irgendwo hatte er auch Zigaretten, aber eher in der Innentasche seines Mantels, außerdem durfte er hier eh nicht rauchen. Der Andere holte tief Luft, er sah, wie sich sein Körper zu verkrampfen schien und so verkrampfte er auch mit. Doch dann atmete er nur aus und fiel in sich zusammen, einen kurzen Moment schlaff in seiner Sitzbank hängend, bevor er sich aufrichtete, um weiter nervös seine Umgebung zu mustern. Er fragte sich, ob Attentäter so sein könnten, wenn sie an ihrem Zielpunkt säßen, kurz davor, sich oder andere zu töten. Eigentlich stellte er sich diese Leute viel zielstrebiger vor, voller kaltem Hass und ohne jede Zweifel. Doch nervös könnten sie doch trotzdem sein.
Er fand seine Kaugummis und schüttete sich aus der Packung zwei Stück in die Hand. Als er sie sich in den Mund schob, fing er einen erneuten Blick des Anderen auf. Diesmal hielten beide stand und so konnte er die dunklen Augen sehen, die ihm bisher entgangen waren. In der Form der Augen zeigte sich eine Fremdländlichkeit, sie waren etwas weiter auseinander stehend und auch schmaler geschnitten als die Augen eines Westeuropäers. Der Blick wirkte vollkommen wach und klar, in Verbindung mit den in die Stirn fallenden Haaren und den zuckenden Mundwinkeln wirkte er ängstlich, zum Sprung bereit. Sie waren wahrscheinlich gleich alt.
„Auch eins?“, hörte er seine eigene Stimme sagen. Dabei hielt er die Packung auf Brusthöhe in den Raum zwischen ihnen. Der Andere zuckte zusammen und ließ seinen Blick nach links und rechts springen, bevor er sich wieder auf ihn richtete. Es wirkte so, als habe er erst jetzt die Präsenz eines andere im Raum bemerkt.
„Was?“, fragte sein Gegenüber, nach kurzem zögern.
„Ein Kaugummi. Willst du eins?“, wiederholte er, erstaunt über sich selbst. Es musste das erste Mal sein, dass er jemand anderen in der Bahn von sich aus angesprochen hatte. Der Andere wirkte so ungläubig, als sei er sich diesem Umstand bewusst. Er würde maximal noch drei Sekunden warten und dann die Packung wortlos wieder einstecken, sonst würde es lächerlich werden.
„Okay, ja.“, sagte sein Gegenüber, gerade noch rechtzeitig. Als er ungeschickt mit zwei Fingern in die Packung fuhr, war zu spüren, dass seine Hand zitterte. Er steckte sich das Kaugummi in den Mund und kaute eine Weile, dann erst sagte er: „Danke“. Misstrauisch, wie ein Kind, das einmal gelernt hat, keine Süßigkeiten von Fremden anzunehmen.
„Kein Problem.“, antwortete er. Sie saßen eine Weile schweigend und kauend voreinander. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte und klopfte sich imaginär auf die Schulter, ob seiner guten Tat. Doch das ungute Gefühl blieb. Der Andere kaute schnell und irgendwie ruckartig, seine Kiefer schienen aufeinander zu mahlen, mit dem Gummi als Schutzpolster für die Zähne. Er sah, dass die Hände seines Gegenübers langsam zur Tasche wanderten, die Finger der linken Hand fuhren jetzt sogar in die geöffnete Stelle hinein und tasteten herum. Die Übelkeit in der Magengegend nahm noch zu und er sah aus dem Fenster. Die Bahn würde gleich aus dem Tunnel kommen und die nächsten sechs Stationen oberirdisch zurück legen, die letzte dieser Haltestellen war seine. Doch warum sollte er nicht einfach vorher aussteigen. Weil es lächerlich wäre, entschied er.
„Wohin fährst du?“, fragte er. Er wollte das eigentlich nicht fragen, doch er konnte seinen Blick anders nicht von der Hand lösen, die Stück für Stück tiefer in die Tasche fuhr. Der Andere sah ihn wieder an, ein Stirnrunzeln legte sich auf sein Gesicht.
„Nach Hause“, sagte er. Sein Akzent wirkte leicht osteuropäisch, doch fiel er bei den wenigen Worten kaum auf.
„Ah.“, erwiderte er und weil das nicht alles sein konnte, sagte er noch: „Ich auch.“
Sein Gegenüber sah jetzt an ihm vorbei aus dem Fenster, plötzlich wiederholte er, als habe er noch gar nichts gesagt, aber viel leiser: „Nach Hause.“
„Ist das noch weit?“, fragte er.
„Ja.“, sagte der andere. Die Bahn hielt und in seine Blickrichtung stand eine Frau auf. Sie ging zur Tür und drückte auf den Öffner, doch nichts passierte. Das Schild mit der Türstörung erst jetzt entdeckend, warf sie sich in den Gang und rannte an ihrer Bank vorbei, zur Tür hinter ihnen. Als sie auf ihrem Weg seinen Sitznachbarn an der Schulter streifte, zuckte dieser zusammen. Seine Hände gruben sich in das Leder seiner Tasche und jetzt konnte er sehen, dass sich etwas Quadratisches darin befinden musste, um dass sich die Außenhülle jetzt spannte. Nun ging er mit der Hand wieder zu der Taschenöffnung, weniger zögerlich als zuvor.
Er bekämpfte den Drang, aufzuspringen und aus der Tür heraus zu rennen, lange genug, bis diese schlossen und sich die Bahn wieder in Bewegung setzte. Sein Gegenüber atmete schwer und hustete zweimal. Frische Schweißperlen rannen ihm in die Augenbrauen und er verwischte sie auf seiner Stirn. Sein blick traf ihn erneut und diesmal glaubte er, in den weit aufgerissenen Augen noch mehr als Angst zu lesen. Vielleicht die Suche nach einer eigenen Chance, auszusteigen.
„Schlechten Tag gehabt, heute?“, fragte er, aus dem Bauch heraus. Die Frage klang in seinen eigenen Ohren vollkommen falsch, doch er konnte nicht weiter schweigend dasitzen, ohne vor Anspannung große Stücke aus dem Polster zu reißen. Der Andere sah ihn weiterhin direkt an, sein Blick hetzte zum ersten Mal nicht mehr umher: „Schlechter Tag, ja. Kann man sagen.“
„Gibt’s manchmal, vor allem vor Weihnachten.“, erwiderte er und der Andere schnaubte auf.
„Weihnachten ist doch scheisse.“, sagte er.
„Ja, ist scheisse.“, antwortete sein Gegenüber. „Aber ist mir auch egal, ich muss es dieses Jahr nicht feiern.“
„Glück gehabt, hm?“, fragte er, doch bekam er darauf statt einer Antwort einen Blick, von dem er glaubte, mehr zu verstehen als von jedem Wort. Er wusste nicht, wie er weitermachen sollte und sah, dass er nur noch drei Stationen hatte, bis er aussteigen musste. Er glaubte, es eventuell schweigend aushalten zu können, doch merkte er schon nach wenigen Sekunden, wie er unruhig hin und her rutschte.
„Hey Mann…“, begann er, dann stockten ihm seine Worte. „Ich meine, jeder kommt mal in echt miese Situationen, wirklich jeder. Alles kein Grund, den Horizont aus den Augen zu verlieren.“
Der Andere beugte sich langsam vor, seine Hände waren jetzt das erste Mal nicht an der Tasche, sondern auf der Sitzbank abgestützt. Sie sahen sich in die Augen und er spürte, wie sich eine Kälte hinter seine Stirn kroch. Er spürte auch eine Angst vor den Worten, die folgen sollten.
„Aber was ist, wenn du immer läufst, auf den Horizont zu. Du denkst, du wirst ihn niemals erreichen und der Weg wird dir immer etwas Neues bringen. Und dann, auf einmal, stehst du an einer Kante und es geht nicht weiter. Und der Horizont steht vor dir und du kannst ihn berühren, wenn du deine Hand ausstreckst.“ Er schluckte in der kurzen Pause, die der Andere machte. „Was tust du dann? Streckst du deine Hand aus? Oder drehst du dich um und gehst?“
„Ich… ich weiß nicht, was das bedeuten soll.“, antwortete er.
„Es bedeutet, dass man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem es nicht mehr endlos weiter geht. An dem man nur noch die Wahl hat zwischen dem letzten Schritt, oder dem Weg zurück.“
Er war ganz in seinen Sitz zurück gedrückt, da der Andere noch näher gekommen war, nur noch auf der Kante seines Sitzes saß. Er glaubte zu spüren, dass ihm nun der Schweiß auf der Stirn stand. Er sagte: „Ich glaube, es kommt dann ganz auf diesen letzten Schritt an. Ob er sich lohnt, oder nicht.“
Der Andere sah ihn an, kaute sein Kaugummi und sagte dann: „Du könntest es nicht wissen.“
„Dann würde ich umkehren.“
Es entstand eine weitere Pause, an deren Ende sein Gegenüber sein Kaugummi in die Hand spuckte und ordentlich in dem kleinen Abfalleimer entsorgte. Danach sagte er: „Wirklich?“
Der Zug wurde langsamer und er sah seine Haltestelle gekommen. Erst dachte er, nicht aufstehen zu können, dann erhob er sich halb und sagte, eine Hand noch auf den Sitz gestützt: „Sorry, das ist meine, ich muss dann mal.“ Er stand ganz auf und trat einen Schritt auf den Gang hinaus, blieb dann aber stehen, obwohl der Zug jetzt stoppte. Er spürte, dass es an dem Anderen war, ihn zu entlassen oder nicht. Dieser sah ihn aus seinem Sitz heraus an, die Tasche wieder in den Händen. Dann nickte er.
Bis zur Tür waren es drei Schritte und ein Druck der Hand auf den Knopf. Der Weg kam ihm wie eine Minute vor, seine Wirbelsäule drückte unangenehm auf seinen ganzen Körper, so als wolle sie gleich herausspringen. Kalte Nachtluft schlug ihm entgegen, als die Türen aufschwangen. Als er auf den Bahnsteig trat, hörte er hinter sich: „Junge!“
In dieses Wort hatte der Fremde seinen ganzen Dialekt gelegt, das u war lang gedehnt, das e wie ein ä ausgesprochen. Es klang vertraut, wie ein Großvater, der seinen Enkel zu sich ruft. Er drehte sich in der Tür, ein Bein bereits auf dem Bahnsteig, ein Bein noch im Zug. Der Andere sah auf diese Entfernung aus wie eine Großmutter mit ihrer Handtasche, so aufrecht und feierlich saß er in seiner Nische.
„Merk dir eins“, sagte er, „merk dir nur eins. Keiner kehrt um, nicht mehr, wenn er gesehen hat, dass der Weg irgendwann endet. Keiner.“
Er nickte. Alle anderen Türen hatten sich bereits wieder geschlossen, nur er blockierte die Abfahrt des Zuges.
„Und man kann auch nicht ewig vor dem Horizont stehenbleiben. Er fordert einen, seine Hand auszustrecken und irgendwann wird man es tun. Verstehst du das?“, sagte der Andere weiter.
Wieder nickte er, dann sagte er laut: „Ja.“
„Bitte von der Tür wegtreten“, schnarrte es blechern über ihren Köpfen, die Stimme eines müden Fahrers.
„Aber man kann noch bestimmen, wann es so weit ist.“, sagte der Andere. „Oder nicht?“
„Doch“ antwortete er, „ich hoffe doch.“
„Steig aus, Mann“, sagte der Andere. Und er stieg aus, trat einfach nur einen Schritt weiter auf den Bahnsteig und ließ die Tür vor seiner Nase zuschlagen. Er blieb stehen und sah zu, wie U-Bahn Fahrt aufnahm. Er sah keine anderen Personen mehr in dem Wagen. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und seine Fingernägel bohrten sich in die Handflächen. Die Bahn verließ den Bahnsteig und nahm Fahrt auf, er konnte jetzt niemanden mehr erkennen. Er holte tief Luft und wandte sich zum gehen, daher traf ihn der Druck der Explosion seitlich statt frontal und ließ ihn eher umknicken, anstatt ihn wirklich weg zu schleudern. Er war schon halb am Boden, als er erst das dumpfe Schlagen und dann das hochtonige Kreischen des Metalls hörte. Kurz bevor er auf dem Bahnsteig aufschlug, erreichte ihn die Hitze und fuhr ihm unter Jeans und Mantel. Heiße Splitter und größere Gegenstände regneten aus dem Himmel und er spürte, wie etwas Scharfes in seine Hand eindrang. Hinter seinen geschlossenen Lidern wurde es kurz ganz hell, dazu stellten sich alle seine Haare auf und er hörte in seinen Ohren das elektrische Brummen eines riesigen Transistors. Im nächsten Moment erstarb dieser und sandte seinen Tod mit einem enttäuschten hohen Schrei in die Nacht. Es wurde wieder dunkel hinter seinen Augen. Er blieb flach liegen, seine Wange auf den kalten Beton drückend, als Gegengewicht zu dem heißen Pochen in seiner Hand. Er hörte metallische Dinge aufschlagen und roch viel Qualm und brennenden Gummi. Er wollte liegen bleiben, bis er Sirenen hörte. Doch er schlug stattdessen die Augen auf und sah auf einen Zacken, der aufrecht in seiner Hand steckte. „Dieses Metall hat die Farbe der U-Bahn“, dachte er. Er starrte sicher eine volle Minute auf seine Hand und auf den Widerschein des Feuers in den Fenstern der Wohnhäuser hinter der Station. Kein Auto fuhr auf der Straße zwischen dem Bahnsteig und den Häusern. Wo waren die alle? Er erhob sich und war irgendwo hinter seinem Bewusstsein froh, dass das klappte. Ohne hinzusehen, zog er den Splitter aus der Hand, was die Wunde stärker bluten ließ. Er hielt den Arm ganz schlaff, so tropfte alles auf den Boden.
Die U-Bahn war verschwunden, zumindest ihre hinteren beiden Wagen. Er konnte nicht erkennen, ob zwischen den Trümmern und dem Rauch noch irgendwo der vordere Wagen stand, vermutete es aber fast. Etwas, was einer der Wagons gewesen sein könnte, stand quer auf beiden Gleisen und brannte eine rot-schwarze Wand in die Luft, alles dahinter versperrend. Er ging darauf zu und spürte mit jedem Schritt die Hitze wachsen. Im Gehen knöpfte er seinen Mantel auf. Seine Füße stießen gegen Trümmerteile. Hinter sich wurde eine Stimme lauter, rief etwas, vielleicht in seine Richtung. Er glaubte in der Stimme den Anderen zu hören. „Junge…“, hörte er, immer wieder dieses „Junge!“. Schweiß rann in dicken Strömen von seinem Gesicht, in seine Augen.
„Junge, komm da weg!“, rief es hinter ihm. Er wusste, wenn er vor Hitze keinen Schritt weiter mehr machen konnte, dann hatte er die Stelle erreicht, wo er seine Hand ausstrecken konnte und das Ende des Horizonts spüren würde.
„Komm da weg!“, rief es wieder, sehr nah jetzt. Er konnte jetzt nicht umkehren. Er streckte stattdessen seine Hand aus.
Benutzeravatar
Crimson
 
Beiträge: 626
Registriert: 07.2010
Highscores: 3
Geschlecht: männlich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon murkele » 13. Jan 2011, 14:15

Hmm. Du weißt, ich bin dein Fan, doch dieser Text überzeugt mich nicht so wie z. B. 'Lea lieben'. Inhaltlich. Sprachlich tut er es auf jeden Fall.
(By the way: Gibt es auch bald mal 'Diese langen, langen Nächte' bei Issuu?)

Am Anfang liest der Protagonist in der überfüllten Bahn das Informationsplakat. Und macht sich seine Gedanken dazu. Und ich als Leser mache mir natürlich auch meine Gedanken, die da lauten: Würd mich nicht wundern, wenn da gleich irgendwann ein verdächtiger Koffer auftaucht. Oder eine Tasche. (Gut, sie war nicht herrenlos, sondern in Begleitung, aber eben erwartet.)
Die Zuordnung der Sprecher bereitete auch mir Schwierigkeiten und ließ mich im Lesefluss stocken.
Und auch mich irritierte der Zeitpunkt, zu dem der Attentäter die Bombe zündete, und das Verhalten des Protagonisten am Schluss.
Dennoch hab ich den Text gern gelesen – wie eigentlich alle deiner Texte. :)
Benutzeravatar
murkele
 
Beiträge: 551
Registriert: 07.2010
Highscores: 46
Geschlecht: weiblich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Heffalump » 13. Jan 2011, 14:43

Auch bei dieser Geschichte gelingt es zwar wieder, das Ambiente sehr spürbar und anschaulich zu beschreiben, man ist als Leser wirklich mittendrin.
Allerdings gibt es diesmal ungewohnt viele sprachliche Schwächen und Ungenauigkeiten. Auf die manchmal unklare Zuordnung des „er“ wurde ja schon mehrfach hingewiesen. Einige andere Stolperstellen:
In drei kurzen, direkt aufeinander folgenden Sätzen ist „wenig los“, „nichts los“ und „wenig los“ – ein bisschen viel an Wiederholung auf so engem Raum.
„…dass ein gesamter Zug (…) angehalten wurde, natürlich ohne am Ende etwas zu finden oder auch nur den Anrufer ermitteln zu können“ heißt wörtlich, dass der Zug selbst (als Subjekt des Satzes) nichts gefunden und keinen Anrufer ermittelt hat. Das war wohl nicht gemeint.
„…der eine Ledertasche auf dem Schoß trug und sich scheinbar vor Dieben fürchtete, so fest wie er dessen Verschluss zu hielt“ – da ist eindeutig vom Verschluss des Schoßes die Rede – was wollen die bösen Diebe ihm daraus wohl entwenden?
„…der Mann verharrte auf seinen Augen“ – muss wehgetan haben.
„…hatte er sich in eine der einzigen Vierer gesetzt, die bereits besetzt war“ – das ergibt sprachlich keinen Sinn. Entweder ist es die einzige, die besetzt war, oder eine der wenigen, die besetzt waren.
Auch ist der Protagonist durch Zufall in dieselbe Bahn gestiegen – nicht in die gleiche.
„…starr aus dem Fenster heraus zu blicken“ – dazu müsste der Protagonist draußen neben der Bahn herlaufen. Anderenfalls blickt der Andere zum Fenster hinaus.
„Da saß ihm jemand gegenüber, der hier vielleicht schon seit Stunden saß, immer im Kreis fahrend, sichtlich nervös und mit einer Tasche auf dem Schoß. Und er saß ihm nun genau gegenüber“ – finde ich sprachlich auch nicht besonders geglückt.
Das Wort „Fremdländichkeit“ dürfte es kaum geben – und auch als Wortschöpfung finde ich es nicht prickelnd.
So wenig wie den Anderen, der die Präsenz eines anderen bemerkt.
Lustiger ist da schon die Frau, die sich in den Gang „warf“.
Zum Ausdruck „Dialekt“ ein Hinweis aus Wikipedia: „Vom Begriff „Dialekt“ ist der Begriff Akzent abzugrenzen. Akzent bezieht sich lediglich auf die phonologischen Charakteristiken der Aussprache“ – so wie hier.
„Es wurde wieder dunkel hinter seinen Augen“ – wirklich? Nicht nur hinter den Lidern?
Und als letztes Beispiel (dann höre ich endlich auf damit): Man kann etwas vermuten, man kann sich dabei auch fast sicher sein – aber wie man etwas fast vermuten soll, bleibt jenseits meiner Vorstellungskraft.

Nun aber zum Inhalt: Trotz der gelegentlichen sprachlichen Mängel wird die Geschichte dieser Annäherung gut und, wie gesagt, sehr anschaulich erzählt, eine Annäherung des Protagonisten an das Fremde, womöglich Gefährliche, zunächst durch den Versuch, dieses Fremde behutsam auf die Ebene des harmlos Alltäglichen zu ziehen, aber von vornherein mit dem Ziel, es letztlich zu ergründen. Der Umschwung kommt durch die längere Auslassung des Anderen über das Erreichen des Horizonts, danach weiß der Protagonist Bescheid, auch wenn er das zunächst nach außen hin und wohl auch vor sich selbst zu verleugnen versucht. Wie er allerdings damit umgehen soll – darüber ist er sich bis zum Schluss nicht im Klaren.
Gerade am Ende muss (oder soll) man nun als Leser einiges einfach hinnehmen. Der Fremde, vermutlich ausgezogen, durch ein Selbstmordattentat in der U-Bahn viele Menschen umzubringen, schafft das offensichtlich nicht, findet aber andererseits kein Zurück mehr. Also wartet er, bis die Bahn (oder zumindest sein Waggon) völlig leer ist, und zündet erst dann die Bombe. Ein Kompromiss, wie es scheint, der aber zu dem von ihm formulierten Unbedingtheitsanspruch nicht recht passen will.
Warum dann der Protagonist – wie es aussieht – mitten ins Feuer läuft, bleibt rätselhaft. Dass er in den wenigen Minuten gemeinsamer Bahnfahrt eine geradezu symbiotische Beziehung zu dem Fremden aufgebaut haben soll, ist schwer zu glauben. Und dafür, dass der Antrieb zu einer solchen Aktion ein bis dahin völlig schales und sinnentleertes Leben gewesen sein könnte, gibt es im Text keinen Anhaltspunkt – immerhin hat der junge Mann ja eben noch eine gewisse Befriedigung durch seine Arbeit an der Uni erfahren, und dass Bahnfahren nicht unbedingt zu Euphorieschüben führt, ist völlig normal.

Insgesamt ist die Geschichte durchaus lesenswert, hinterlässt aber keinen rundweg positiven Eindruck.
Benutzeravatar
Heffalump
 
Beiträge: 516
Registriert: 07.2010
Geschlecht: männlich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Lies » 13. Jan 2011, 20:56

Ich verliere mich in diesen langatmigen Beschreibungen des Umfeldes der Protags, werde ungeduldig, Himmel noch mal, wann geht das Geschehen endlich in die Phase die mich als Leser interessiert.

Wieso vermutet der Protagonist in dem jungen Mann mit der Aktentasche einen Terroristen? Er selbst benutzt doch auch wieder die Bahn zurück, könnte also ebenfalls verdächtig sein.

Dann stolperte ich über einige sprachliche Klopse - z.B. *als sei er sich diesem Umstand bewusst*
Davon gabs dann noch zwei weitere, die ich jetzt nicht mehr suche.

Kürzen wir das ab. Du brauchst - für meinen Geschmack - viel zu lange, ehe die Geschichte Tempo aufnimmt und es war auch nicht sehr glaubwürdig, dasss dieser junge Mann bei seiner Verachtung schwitzender Mitmenschen, von sich aus die Verbindung zu einem davon aufnehmen würde, er kam mir sehr unsympathisch rüber, auf jeden Fall so, als würde er es schon vermeiden auch nur den Mantel eines Mitreisenden zu streifen.

1 Punkt
Benutzeravatar
Lies
 
Beiträge: 2116
Registriert: 07.2010
Geschlecht: weiblich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Crimson » 14. Jan 2011, 00:27

Ich stelle hier noch die Kommentare aus dem anderen Thread ein, weil ich gleich noch darauf antworten will:

Jacob: Eine intensive Geschichte, bei der ich den Grund des Schwitzens zunächst in der fehlenden Fahrkarte vermutete. Bezüglich des Finales habe ich mich gefragt, warum die Bombe nicht zwei Haltestellen weiter, also in einem vollen Zug inmitten der Innenstadt, gezündet wurde. Stilistisch gesehen ist es meines Erachtens eine unglückliche Wahl, die Geschichte bei Auslassen von Namen in der dritten Person zu erzählen; wenn stets nur "er" benutzt wird, ist das Risiko groß, dass der Leser Sätze dem falschen Protagonisten zuordnet. Bezüglich des Themas ist die zentrale Entscheidung zwar linear ("Geht man zurück oder den letzten Schritt weiter?"), aber die Bahnlinie weist einen konkreten Bezug zum Thema auf. Dieser genügt mir, denn die Wahl des Schauplatzes beeinflusst das Schicksal der Protagonisten maßgeblich und ist somit gewichtig.


Börnie: Wieder im schönsten subtil-zurückhaltenden Dennis-Stil, der zuerst so spröde wirkt und einen dann doch langsam einsaugt und packt. Die wachsende Spannung zwischen den Protags wirklich meisterhaft beschrieben, gerade in dem verkrampften Dialog am Ende, der aber absolut authentisch rüberkommt. Der ernsthafte und bedrohliche Grundton der Geschichte, der nicht gebrochen wird und so eine echte Intensität erreicht, die trotzdem die Grenze zum allzu Dramatischen nicht überschreitet. Weil der Dennis halt so gut mit Worten schattieren kann.

Trozdem hat der HauptProtag zum Schluss etwas für mich nicht Nachvollziehbares getan, wenn ichs richtig verstanden hab, rennt der auf einmal ins Feuer und riskiert spontan (!!!) seinen eigenen Tod. Oida, wos mochstn do?

Nichts in der Geschichte deutet vorher darauf hin, dass er auch selbstmordgefährdet war, oder hab ich was nicht geschnallt?

Hat mich aus Geschichte total rausgerissen und irritiert.War nicht stimmig für mich.


Garlin: Sehr spannend, gut geschrieben (bis auf die schlechte Zuordnung der Sprecher, was aber nicht sehr stört) und dramaturgisch klasse aufgebaut. Aber ich grüble über den Sinn nach. Ein Typ, der die Menschenmassen nicht mag, trifft auf einen anderen, der sie offensichtlich noch weniger mag. Dieser fährt Kreisverkehr, bis er mit einem Mitfahrer ein paar Worte wechselt. Erst dann zündet er die Bombe. War der Protagonist also schuld? Und warum will dieser dann ins Verderben laufen? Wegen ein paar banalen Worten über einen Horizont? Ich werde die Story noch mal lesen müssen.
Benutzeravatar
Crimson
 
Beiträge: 626
Registriert: 07.2010
Highscores: 3
Geschlecht: männlich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Crimson » 14. Jan 2011, 00:41

Zuerst einmal stimme ich völlig bei den Kritierien an stilistischer Schludrigkeit zu, inklusive dem Problem der nicht immer klaren Deklinationen. Es war diesmal so, dass ich irgendwie zu Beginn keinen guten Punkt sah, der Figur einen Namen zu geben. Das habe ich manchmal, es verbindet sich keine Name mit der Figur und ich tue mich dann schwer, ihr einen zu geben. Beginne ich das ganze dann auch noch mit "Er" oder "Sie" oder schreibe schlimmer noch in der ersten Person, fällt es mir umso schwerer, einen Namen nachträglich einzufügen. Dies war auch hier der Fall. Eine längere Bearbeitungszeit hätte der Geschichte gut getan, diese wird auf jeden Fall auch noch folgen und dann wird die Hauptfigur auch einen Namen bekommen.

Zum Ende: Mehrmals tauchte ja nun auf, das nicht verstanden wird, wieso die Figur am Ende ins Feuer geht. Da werde ich nachbessern müssen, denn so ist das gar nicht intendiert. Die Figur geht lediglich auf das Feuer zu und stoppt, wenn es eben so heiß wird, das sie nicht mehr weitergehen kann. Das wird vor den eigentlichen Flammen sein. Der Titel "Vor dem Horizont" verweist unter anderem auch auf diese Stelle. Die Figur hegt damit keine Selbstmordabsichten, sie will eher auf diese krude Art versuchen zu begreifen, was eben passiert ist. Eine tiefere Ebene gibt es dort eigentlich nicht, ich wollte die Figur nur als desorientiert und traumatisiert darstellen, da eben eine U-Bahn in die Luft geflogen ist, in der sie eben noch saß und das so nah an ihr dran, dass sie dabei verletzt wurde. Somit soll auch das Gerede vom Horizont für die Figur gar nicht so sehr ein Erkenntnis im eigentliche Sinne darstellen, eher soll gezeigt werden, dass sie die Sätze nicht einordnen kann und das bei diesem Versuch eine explodierte Bahn auch eher abträglich ist.

Warum sich der Selbstmörder nicht im Stadtzentrum sprengt, habe ich mir so gedacht: Tatsächlich soll es sich um einen Attentäter handeln, der allerdings nicht in der Lage ist, sein Vorhaben auszuführen. So sitzt er in der Bahn und hat sicher auch die Weisung, sich mitten im zentrum zu sprengen. Aber er kann es nicht. Er kann aber auch nicht einfach aussteigen und so tun, als wäre nichts, denn er ist sozusagen nur einen einzige Fingerbewegung vom Freitod entfernt, er kann nicht mehr zurück und einfach so tun, als sei dies nie geschehen. Das weiß er. Die Interaktion mit dem anderen Fahrgast, vielleicht die erste und einzige des Tages ist sozusagen eine Art Release, danach erwacht die Figur aus ihrer Erstarrung und kann wenigstens irgendwie handeln. Vielleicht kommen bei der Explosion Leute um, sicher sogar (so dachte ich mir das zumindest). Was letztlich die Gründe für den Attentäter sind, nicht einfach auszusteigen, erfährt man nicht. Ich dachte mir eigentlich immer: was passiert mit einem Attentäter, der sein Attentat nicht ausführt, kurz vor Ziel. Was sagen seine 'Auftraggeber' dazu? Der Tod dürfte dieser Figur vorherbestimmt sein, so oder so.

Das Gespräch zwischen den beiden Figuren muss stattfinden für die Geschichte. Es entwickelt sich bewusst schleppend und aus der Angst und dem Unwohlsein der Hauptfigur heraus. Es findet in keiner Weise aus seiner Kontaktfreudigkeit heraus statt. Das zu zeigen, war eins meiner Hauptanliegen und muss wahrscheinlich noch etwas besser herausgearbeitet werden. Das könnte aber dazu führen, dass der Text noch langsamer werden würde, wogegen ich aber nicht unbedingt etwas hätte. Mir geht es ja selten um Handlung und Action, mir geht es mehr um die Evozierung des Gefühls und deren Nachvollziehbarkeit.

Ich danke erstmal allen für die Anmerkungen, Verbesserungen und die aufgezeigten Verständnisprobleme. Das hilft mir, den Text umzubauen und auszugestalten.
Benutzeravatar
Crimson
 
Beiträge: 626
Registriert: 07.2010
Highscores: 3
Geschlecht: männlich

Re: Vor dem Horizont

Beitragvon Fabiana » 15. Jan 2011, 15:40

sehr gute idee und inhaltlich für mich absolut nachvollziehbar. das ende habe ich mit keinerlei suizid-gedanken in verbindung gebracht, was du ja auch nicht im sinne hattest.

manko für mich sind erstaunlich viele sprachliche stolperer und wiederholungen.
die erste hälfte der geschichte sollte meines erachtens nicht nur gestrafft, sondern durch ein paar spannungssteigernde elemente aufgepeppt werden. nur weil ich dich als autor sehr mag und hoffte es käme noch etwas gutes, hörte ich nicht einfach auf zu lesen. in der zweiten hälfte wurde ich dann auch nicht enttäuscht.
Benutzeravatar
Fabiana
 
Beiträge: 348
Registriert: 07.2010
Highscores: 16
Geschlecht: weiblich


Zurück zu "Dennis Fassing"

 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron