Traumfamilie (2004)

Traumfamilie (2004)

Beitragvon Crimson » 14. Aug 2010, 00:09

"Traumfamilie" enstand im Rahmen einer Schreibwerkstatt des Literaturlabors Wolfenbüttel im Jahr 2004. Die Erzählung schaffte es nicht in die entstandene Anthologie, da sie der Erwartungshaltung des Lesers widerspreche. Ich war nie dieser Meinung und wenn doch, dann fand ich das gerade schön.



Traumfamilie

Walter

Irgendwie hatte Walter es trotz der vielen Tüten in seine Wohnung geschafft. Er ließ sie auf den Küchentresen fallen, warf seine Jacke über den Ständer im Flur und stützte sich für einen Moment auf dem Herd ab. Draußen ein Wetter, als gäbe es kein Morgen mehr, die neue Sintflut, alles grau, alles nass, alles kalt. Auch hier drinnen. Er drehte die Heizung auf, machte aber kein Licht, öffnete nur den Kühlschrank und begann, die Einkäufe einzuräumen.
Er rief nach seinem Sohn. Keine Antwort. Steven war also weg, wohl Laufen, wie immer. Doch bei diesem Wetter?
Ein verdammter Vierzehnjähriger sollte nicht im Regen am Fluss entlang rennen, schon bei Sonnenschein war das nicht unbedingt etwas, was Walter sich für seinen Sohn vorstellen konnte. Fußball war so eine schöne Sache, warum also rennen?

Soll er doch krank werden, vielleicht hört er dann auf. Er hatte jetzt alles verstaut, schloss den Kühlschrank und kappte somit auch den Strom weißen Lichts, das sein Gesicht aschfahl asch fahl gezeichnet hatte. Walter hätte sich so nicht sehen wollen. Er rief gar nicht erst nach Maria, vor acht kam sie nie. Acht, man stelle sich dass vor, dass macht sonst niemand mit. Verdammte Überstunden, die würden noch seine Familie kaputt machen. Schon jetzt redete er kaum noch mit seiner Frau, von Steven ganz zu schweigen, der sah seine Mutter eigentlich gar nicht mehr. Irgendwie schafften es die beiden, sich ständig aus dem Weg zu gehen, er verließ das Haus morgen, bevor sie aufstand, blieb Abends lange weg und aß bei Freunden zu Abend, kam erst heim, als sie schon erschöpft im Bett lag. Walter verstand nicht, wieso er dass tat, aber er vermutete, dass Steven seine Mutter einfach nicht wieder erkannte. Das war nachvollziehbar, war sie doch viel ruhiger geworden, viel introvertierter, nach dem Unfall. Ja, ein Jahr schon her und immer noch war seine Frau so still. Er hatte schon oft mit ihr darüber geredet, nachts in ihrem Ehebett, wenn er mal wieder nicht schlafen konnte. Sie redeten fast nur noch zu dieser Zeit, nie mehr vor dem Jungen. Es waren zu ernste Gespräche für einen Vierzehnjährigen. Walter hatte gewollt, dass sie zur Therapie ging, sich helfen ließ, doch sie hatte abgelehnt. Sie sei nicht wahnsinnig, hatte sie gemeint. In dieser Nacht hatte er sich oft entschuldigt, doch sie wollte nicht hören, war verletzt. Er hatte ihr nicht mehr gesagt, dass sie vielleicht auch zur Paarberatung gehen sollten, denn zwischen ihnen lief nichts mehr. Fast ein Jahr kein Sex, dass war ein Problem, zumindest für Walter, zumindest in einer Ehe, verdammt! Sie kuschelten viel, er schmiegte sich dann an sie und hielt sie fest und sie schien es zu genießen, doch waren sie nie mehr weiter gegangen.

Und dann das Problem mit ihrem Sohn: Sie kümmerte sich nicht mehr um ihn, er tat alles, trotz Job, machte das Essen, den Einkauf, machte den Hausputz, zusammen mit Steven. Sie arbeitete, arbeitete sich langsam tot, meinte er zumindest, aber es stimmte, war sie doch kaum mehr daheim, nur noch weg, sah sie doch so gut wie nie ihren Sohn, da dieser schon so angekotzt war, dass er am Wochenende immer zu Freunden verschwand. Sie wollte sich aber auch nicht um dieses Problem kümmern, meinte er. Er hatte sie natürlich darauf angesprochen, hatte ihr gesagt, dass sie etwas tun müsse und was war die Reaktion? Er würde schon wissen, warum sie kaum noch mit ihm reden würde, doch nein, verdammt, dass wusste er eben nicht. In der Nacht, als sie darüber sprachen, hatte er sie angeschrieen, aber sie war ganz ruhig geblieben, hatte sich weggedreht, geschlafen, sie war so still, dass es fast ausgesehen hätte, als würde nur eine zerknüllte Decke neben ihm im Bett liegen. Am nächsten Morgen war sie früher weg als sonst, Steven hatte gefragt ob seine Mutter noch da sei und als Walter verneinte, hatte sein Sohn mit ihm gefrühstückt, kaum gesprochen und ihn dabei verstohlen und besorgt beobachtet. Er hatte also alles gehört, natürlich, warum auch nicht, Wohnungswände waren immer dünn. An diesem Morgen hatte er zum ersten Mal realisiert, welch Problem sie doch wirklich hatten.

Walter ging jetzt ins Wohnzimmer, machte immer noch kein Licht, fühlte sich wohl im Halbdunkel. Er schaute auf die Familienbilder, traditionell immer am gleichen Tag des Jahres gemacht. Das vorletzte mit Maria darauf, das Letzte nicht, da war der Unfall erst passiert, sie lag im Krankenhaus mit Knochenbrüchen. Sie hatte dennoch darauf bestanden, dass die anderen beiden das Foto machen ließen. Sie sahen darauf beide nicht glücklich aus.
Die Haustür knackte, Steven kam heim. Walter blieb im Wohnzimmer und hörte, wie sein Sohn hereinkam, die Tür schloss, seine Jacke auf den Ständer hängte, die Schuhe auszog, in der Küche den Kühlschrank öffnete, wohl etwas nahm, wieder schloss. Keine Begrüßung, kein fragen, ob jemand daheim war. Dann kam er durch den Flur und stand zur Tür ins Wohnzimmer.

„Hey“, sagte er.
„Hey“, antwortete Walter. „Wieder gelaufen?“.
Der Junge zeigte als Antwort auf sein nasses Haar und ging dann ins Bad, sich abzutrocknen. Walter ließ sich mit einem Seufzer auf die Couch fallen. Es war einfach nur traurig, so gottverdammt traurig.
„Wie war’s?“.
„Wie immer“, kam es gedämpft hinter der Tür hervor.
Na ganz toll, dachte er sich, wie immer. Regnete es denn immer, fühlte er sich nur dann wohl, oder was? Er wollte gar nicht daran denken, an was ein Vierzehnjähriger alles denken konnte, wenn er an einem Regentag allein an einem Flussufer entlanglief. Vor allem wenn es aussah, als würde seine Mutter sich einen Dreck um ihn kümmern. Würde er das auch denken? Würde er immer schneller laufen, versuchen wegzurennen vor diesem Gedanken? Würde er Auswege suchen? Würde er denken, es gäbe keine? Würde er als letzen Ausweg in den Fluss laufen wollen? Oh Schwachsinn, genug jetzt, so etwas sollte er nicht denken, dass war paranoid. Wieder runterkommen, nicht die Pferde scheu machen, nicht den Teufel an die Wand malen.
Steven kam aus dem Bad heraus und steuerte wieder die Küche an. Walter gab sich einen Ruck und folgte ihm.
„Und wie war’s in der Schule?“
„Wie immer“. Der Junge machte sich einen Tee.
„Wie, wie immer? Bist du da etwa auch gerannt?“ Der Scherz war so schon schwach, doch hier wurde er einfach von dem Grau des Raums aufgesaugt. Auch der Junge machte kein Licht, dabei wurde es immer dunkler.
„Nein, bin ich nicht.“ Er goss heißes Wasser in eine Tasse mit Teebeutel und ging an Walter vorbei in Richtung seines Zimmers. Er schien es eilig zu haben.

„Vielleicht kommt Mama heute Abend mal pünktlich.“ Walters letzter Versuch, ein Gespräch anzufangen. Steven blieb mitten im Gang stehen und etwas Tee schwappte über den Rand seiner Tasse auf den Boden. Er drehte sich langsam um und bei einem Blick in die Augen seines Sohnes schnürte es Walter die Kehle zu. Er sah Trauer und Wut.
„Was ist eigentlich los mit dir?“, fragte Steven ihn und ging in sein Zimmer, die Tür hinter sich zuknallend. Walter blieb kurz im Flur stehen, wollte ihm nicht nachgehen.
„Es tut mir Leid. Hey, komm, das sollte kein schlechter Witz sein. Na gut, vielleicht schafft sie es nicht, aber am Wochenende dann.“, rief er durch die Tür. Keine Antwort.
Walter resignierte und ging ins Wohnzimmer zurück, ließ sich auf die Couch fallen. Natürlich hatte er es noch schlimmer gemacht, ganz das alte Arschloch, das er doch immer wieder raushängen ließ, nicht wahr, Schatz? Seine Frau hätte ihm dafür die Hölle heiß gemacht, er sah sie fast vor sich stehen, doch hey, es war ihre Schuld, denn sie war nicht da. Sie war nie da, niemals um mal ihren Sohn zu trösten, wenn der dumme Vater mal wieder Mist gebaut hatte. Natürlich würde sie nicht zum Abendessen kommen, das wäre das erste Mal seit langem gewesen. Doch war nicht auch Steven Schuld? Er suchte nie das Gespräch, nie mit ihr, nie mit ihm, zumindest nicht über dieses Thema. Jetzt doch etwa schon bald Familientherapie? Na ja, auch dafür müsste ja erstmal jemand da sein, verdammt!
Wie zur Bestätigung kam Steven wieder nach draußen, ging in den Flur und zog sich die Schuhe an.
„Und nun?“, fragte Walter vom Wohnzimmer aus.
„Ich geh’ noch mal weg.“
„Hey, es tut mir echt Leid. Können wir es nicht beim Abendessen vergessen? Ich mach’s gleich, nur für uns zwei.“
Kurze Stille, dann: „Schon vergessen, aber ich muss noch mal los, hab ein Buch bei einem Freund vergessen. Ich komm wieder, so in einer Stunde. Bye.“
Er war zur Tür raus, bevor Walter noch etwas sagen konnte. "Scheiße", war sein erster Gedanke. Den Freund würde er gerne sehen, zu dem er jetzt ging. Aber vielleicht hatte er eine heimliche Freundin, bei der er sich jetzt ausheulen ging, was für einen miesen Vater er hatte und was für eine Mutter. Ob er das überhaupt jemandem erzählen würde? Er selbst hätte es früher nicht getan, so etwas ging niemanden an. Walter würde mit Maria reden müssen, noch heute Nacht. Es wurde wirklich, höchste Zeit, denn der Junge schien ein ernstes Problem zu haben. Gerade, als er dass gedacht hatte, ging die Tür leise auf, man merkte kaum, dass sie es tat und Maria kam herein, vollkommen still. Er hörte es trotzdem und rannte freudig in den Flur.
„Schatz, heute so früh? Ach, warum konntest du nicht früher kommen, dann hätte dich Steven noch gesehen. Aber er kommt ja wieder, kommt ja bald, dann können wir endlich wieder alle zusammen essen. Du hättest ihn eigentlich noch im Flur sehen müssen, oder? Hast du nicht? Na gut, macht auch nichts. Komm rein, komm rein, leg das nasse Zeug ab, ich will kurz mit dir reden.“

Steven

Der Junge saß draußen im Regen, am Wegesrand auf einer Parkbank. Er unterhielt sich ganz leise mit sich selbst.
„Warum sagt er so was? Ich will nicht, dass er so was sagt, dass macht mir Angst. Und es geht ja nicht weg, er lässt es ja nicht. Ich weiß nicht, aber ich glaube, er ist verrückt geworden. Oder aber er vermisst dich einfach nur. Ich vermiss dich ja auch...“
Er blickte auf.
„Ich höre ihn nachts immer schreien und ich frage mich, wieso? Am nächsten Morgen tut er immer ganz normal, aber er muss doch wissen, dass da was nicht okay ist.“
Er sah zur anderen Wegesseite.
„Wenn es stimmt, was er sagt und ihr immer redet, dann sag ihm doch bitte endlich die Wahrheit über dich, okay?“
Er sah auf den Grabstein seiner Mutter.
„Ich…“
Er stand auf und streichelte über den Schiefer, so wie er es seit einem Jahr tat. Dann ging er nach Hause. So wie er es seit einem Jahr tat.

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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon börnie » 14. Aug 2010, 08:45

Hi Dennis,

packende Geschichte,bei überraschendem Ende. So gut geschrieben, dass man dieses Ende nicht gleich nach den ersten Sätzen ahnt. Man meint wirklich, es geht einfach nur um eine Familie mit Problemen, deine Beschreibung dieser Probleme ist sehr glaubwürdig gelungen.

Was ich nicht verstehe, bez. deiner einleitenden Worte für diese Geschichte:Was war denn -damals-die Erwartungshaltung der Leser?
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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon Lies » 14. Aug 2010, 09:49

Über diese Erwartungshaltung wüsste ich auch gerne etwas.

Ansonsten finde ich die Geschichte wirklich Klasse, aufgelockert durch die pointierte Lösung am Ende, die gänzlich unerwartet kam.

Sehr gut.

Kleiner Hinweis...irgendwo im Text hast Du Tod geschrieben, es muss aber tot heissen.

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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon Crimson » 14. Aug 2010, 10:54

Mir wurde damals von einem der drei Teamer gesagt, ich würde mit der Erwartungshaltung meiner Leser spielen, sie betrügen. Ich versuchte, mich damit zu rechtfertigen, dass das doch oft den Reiz von Kurzgeschichten ausmachen würde, aber er ließ sich nicht umstimmen. Man muss dazu sagen, dass dieser Mann als einziger aus dem Betreuerteam ein ausgemachter Depp zu sein schien, der bei ums am Ende in der Gruppe aus 12 Leuten einen sehr schlechten Ruf hatte. Auf jeden Fall fand ich die Diskussion mit ihm so anstrengend, dass ich dann darauf verzichtete, sie in das Buch aufzunehmen. Es ist dann eine Übungsgeschichte geworden, die ich weit schlechter fand und die ich auch niemals wieder irgendwo posten würde. Aber ich hatte zu der Zeit dann nicht genug anderes.

/Edit: Tod-tot gefunden, danke Lies
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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon Lies » 14. Aug 2010, 11:05

Das war dann wirklich ein Depp, gerade Kurzgeschichten sind immer dann besonders gut, wenn sie eine Pointe haben.

Diese hätte zwar auch alleine gut abgeschnitten, wäre aber höchst unbefriedigend deshalb geblieben, weil sie zu viele offene Fragen hinterlassen hätte, also z.B. warum die Mutter still wurde, welcher Unfall das war und welches Problem Mutter und Sohn miteinander hatten.

Als Lösung einfach eine Familientherapie anzuregen, hätte nicht gereicht.

Also ärgere Dich nicht. Das war eine depperte Fehlentscheidung. Auf solche Leute trifft man zuweilen und denen kann man auch nichts erklären, die sehen das Offensichtliche gar nicht.

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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon Heffalump » 14. Aug 2010, 22:20

Meine Erwartungshaltung ist, dass ein Autor mich auch überraschen kann und mir nicht nur das Vorhersehbare präsentiert. Diese Erwartung wird hier voll erfüllt.
Der Text geht mir allerdings ein wenig zu sehr in die Breite, ist mir phasenweise zu redundant, da würde ich mir eine leichte Straffung wünschen.
An einigen Stellen muss man aus dem Inhalt erschließen, wer gerade mit "er" gemeint ist, Walter oder Steven - wäre besser, wenn die Satzstruktur das klar machen würde.
Und dass "auch hier drinnen" alles grau und alles kalt ist, kann ich mir vorstellen - aber alles nass?

Trotzdem durch das Ende, das auch dem Titel unvermittelt eine neue Bedeutung gibt, eine packende Geschichte.
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Re: Traumfamilie (2004)

Beitragvon murkele » 12. Sep 2010, 07:17

Ich mag Geschichten, die mit der Lesererwartung spielen und wenn diese enttäuscht wird - umso besser.
Und da ist deine "Traumfamilie" genau richtig. :)
Flüssig zu lesen, mit einem überraschenden Ende. Gefällt mir wirklich gut! :)
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