Elisabeth

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Beitragvon Chili » 6. Feb 2011, 00:36

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Re: Elisabeth

Beitragvon Heffalump » 13. Feb 2011, 02:20

Wenn Frauen Häuser kaufen...

Wie bei so vielen Geschichten stellt sich auch hier die Frage: Wie glaubwürdig ist das, was erzählt wird?

Zunächst der Hauptpunkt: Ein Geist nimmt Kontakt zu einer Frau auf, um mit ihrer Hilfe erlöst zu werden. Das ist unbedingt glaubwürdig - denn das ist der Plot. Darum geht es in dieser Geschichte. Deshalb ist es über jeden Zweifel erhaben.

Nicht ganz so sieht es bei einigen Nebenpunkten aus.
Auch eine Bruchbude kostet, wenn man sie kauft, mit Grundstück einige zehntausend Euro. Kein Pappenstiel. Diesen Haufen Geld gibt die Protagonistin aus, ohne sich vorher das Haus gründlich anzusehen, vom Keller bis zum Dachboden? Schwer zu glauben. Nun ist zwar die Protagonistin ein ziemlich ambivalenter Charakter, mit einigen Besonderheiten und Macken, zusätzlich heimgesucht durch ihr Alter Ego Allegra - vielleicht ist sie tatsächlich so verrückt, ohne erkennbare Notwendigkeit die Katze im Sack zu kaufen. Aber es bleiben Zweifel.

Gravierender ist es bei der Vorgeschichte. Ein kleines Mädchen verschwindet. Wurde vielleicht entführt. Aber es gibt keine Lösegeldforderung - also liegt offenbar ein anderes Verbrechen, auf jeden Fall ein anderes Motiv vor, vielleicht Mord, vielleicht in Verbindung mit einem Sexualdelikt, vielleicht (ganz vage Hoffnung) wird die Kleine irgendwo gefangen gehalten. Also wird man sie suchen, und zwar gründlich und überall.
Verbrechen an Kindern wecken immer besonders starke Emotionen. Da lässt die Polizei nicht locker, da geht sie jedem Hinweis und jeder Spur nach.
Und wenn der Mann schon zu Anfang befragt wurde, wenn dann im Dorf Gerede über ihn entsteht, dann greift die Polizei das unweigerlich auf - was die Leute reden, ist ihr täglich Brot. Den Mann würde sie ganz genau unter die Lupe nehmen. Und sie würde das Kind dort finden. Unvermeidlich.
Das war vor 50 Jahren um keinen Deut anders als heute.
So, wie diese Vorgeschichte hier erzählt wird, kann sie nicht gewesen sein. Auf gar keinen Fall.

Und das Kind? "Sie waren gut zu mir, wirklich. Sie wollten nur jemanden zum Liebhaben. Ich mochte sie ganz gerne." Zugegeben: Das sagt der Geist, 50 Jahre später. Vielleicht sind die Erinnerungen da schon ziemlich verblasst. Aber das lebendige Mädchen, in der damaligen Situation? Das kann eigentlich nur panische Angst empfunden haben. Mit sechs Jahren aus der Familie gerissen, von Fremden entführt und eingesperrt - nein, diese Leute kann sie eigentlich nicht "ganz gerne gemocht" haben. Auch wenn es ihr Geist heute anders sieht - dem Ansinnen, für dieses Ehepaar Mitgefühl oder gar Wohlwollen aufzubringen, kann ich mich nur strikt verschließen.

Am Ende geht es etwas einfach, etwas glatt, völlig konfliktfrei zu. Eine gewisse Spannung, die bis zum Betreten des Dachbodens und dem Blick aus dem Fenster noch gehalten wurde, löst sich ausgerechnet mit der persönlichen Begegnung der beiden in Nichts auf. Und kommt auch nicht wieder.

In völligem Kontrast aber zu den Schwächen des Plots: Wie wunderbar ist das geschrieben! Ein geradezu verführerischer Erzählstil ist das, eine suggestive Sprache, die - andere haben es schon angemerkt - noch lange nachklingt. Ein unterschwelliger Humor ist immer gegenwärtig, auch wenn es nicht "komisch" oder gar "lustig" ist. Die Schwächen der Figuren werden nicht "gezeigt" oder gar nur "behauptet" - sie kommen zum Vorschein, allein durch die Wortwahl, immer treffend, aber niemals bösartig.

Der Text ist so ambivalent wie seine Protagonistin. Einerseits eine eher schwache Geschichte. Andererseits eine Geschichte zum Liebhaben.
Von einer Autorin, der man sagen möchte: "Von Dir will ich unbedingt mehr lesen - egal was Du schreibst."
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Re: Elisabeth

Beitragvon Crimson » 13. Feb 2011, 15:03

Heffa hat zu der Geschichte schon so viel geschrieben, dass ich eigentlich nur wiederholen kann. Die Hauptfigur ist mir glaubhaft, dass sie eine Bruchbude kauft, kommt mir nicht komisch vor, da ja sogar gesagt wird, dass ihr diese als Therapie dienen soll, als wirklich wuchtige Ablenkung. Dass die Protagonistin auch keine Geldprobleme zu haben scheint, wird ebenfalls deutlich und ist glaubwürdig, da man als erfolgreiche Autorin von derartigen seichten Romanen sicherlich ganz gut verdient.

Meine Probleme habe auch ich mit dem Spannungsbogen und mit der Vorgeschichte. Wenn wirklich jeder im Dorf sich sicher ist, was damals passiert ist, dann tritt eben genau das ein, was Heffa schon bemerkt hat: die Sache fliegt auf, unweigerlich. Lösen könnte man dieses Problem höchstens dadurch, dass die Bevölkerung sich zur Zeit dieses Verbrechens noch nicht so sicher war, besser gesagt, die Familie überhaupt nicht verdächtigt hätte. Das müsste dann irgendwie in den gegenwärtigen Klatsch mit eingearbeitet werden, käme aber wahrscheinlich auch nicht sonderlich überzeugend.

Nichts desto Trotz ist die Geschichte wirklich gut geschrieben, sie ließt sich interessant und flüssig bis zum Ende, welches für mich auch nicht zwingend ein dramatischeres, abgründigeres oder überraschenders Element enthalten muss.
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Re: Elisabeth

Beitragvon murkele » 13. Feb 2011, 18:08

All die aufgezählten Mängel, die die Geschichte enthält (und die ich hier nicht noch einmal wiederholen möchte), haben mich beim Lesen überhaupt nicht gestört, weil die Art zu erzählen mich gleich gefangen nahm. Sie trägt durch die Geschichte und am Ende wundert man sich, dass es schon vorbei ist. Ging mir jedenfalls so.

Heffalump hat geschrieben: "Von Dir will ich unbedingt mehr lesen - egal was Du schreibst."

Das unterschreibe ich sofort. :)
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Re: Elisabeth

Beitragvon Heffalump » 13. Feb 2011, 19:24

Dennis,
nur eine kurze Korrektur, da offenbar ein Missverständnis vorliegt:
Ich finde es nicht unglaubwürdig, dass die Protagonistin sich eine Bruchbude kauft, sondern nur, dass sie sich das Haus vor dem Kauf nicht gründlich und komplett ansieht (denn auf dem Dachboden war sie ja definitiv noch nicht). Und einen Preis von - sagen wir mal - 50.000 Euro zahlt auch eine gut verdienende Autorin nicht mal eben aus der Portokasse. Da will man doch in der Regel vorher genau wissen, was man sich für den Preis einhandelt.
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