"Mein Name ist Miriam B."

"Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 9. Sep 2010, 15:41

09.11.2010

Dieses kleine Stück blauer Himmel. Wissen Sie, wie viel Bedeutung so etwas haben kann?
Nein, ich denke nicht, dass Sie wirklich wissen, was in einem Menschen bei diesem Anblick vorgehen kann.

Ich weiß es, habe fokussieren gelernt. Hilft überleben. Auch wenn ich mich oft gefragt habe, wozu eigentlich.
Ein paar Jahre mehr oder weniger ... was soll's? Es macht pffffft und weg ist sie, die Zeit.
Als ich 18 war, dachte ich noch, unsterblich zu sein. Geht wohl den meisten Menschen so. Und heute sitze ich hier, schaue zurück und habe nur dieses Pffffft im Kopf. Das ging einfach zu schnell. Pffffft. Mehr nicht.

Jetzt, im Nachhinein denke ich manchmal, dass es Wurscht ist, auf welche Weise man dieses Pffffft verbringt. Der Deckel fällt so oder so zu.
Kein Schwein interessiert dann noch, was du bis zu diesem Knall getan hast.

Jaaa, JETZT denke ich so. Früher war ich dumm, glaubte an Freiheit und so einen Kram. Die des Körpers und des Geistes. Haben Sie so etwas? Na ja, vielleicht reden Sie sich ja ein, so Sachen zu besitzen. Machen Sie ruhig. Ich weiß es besser.

Ich hatte nämlich Klaus.
Heute weiß ich, dass viele einen Klaus hatten oder haben.
Kläuse gab es schon immer. Die sterben nie aus.

Warum sollten sie auch. So lange es Frauen wie mich gibt, die unbedingt einen haben wollen.
Angebot und Nachfrage. Die Rechnung wird immer aufgehen.


Ok, damals glaubte ich, ich wäre die Einzige.
Ging keinen was an, also hielt ich die Klappe.
Nicht freiwillig, aber mit aufgeplatzten Lippen macht das Reden eh keinen Spaß.
Freunde braucht man dann auch keine mehr. Glaubt doch kein Mensch, dass Du jeden zweiten Tag die Treppe runtergefallen bist.
Sind ja auch nicht blöd, die Leute.

Damals fing es an.
Das Begreifen, wie viel es Wert hat, so ein kleines Stück blauer Himmel.
Ein Meter mal ein Meter. Mehr braucht es nicht. Du hockst dann so am Küchentisch und träumst dich in diesen blauen Quadratmeter rein.
Sollten Sie mal versuchen, wenn Sie Sehnsucht nach Freiheit haben.
Ja, lächeln Sie nur. In meinem Quadratmeter hatte ich mehr davon, als Sie in Ihrer Ignoranz glauben zu haben.

Verarschen Sie sich ruhig weiter. Hab*s ja auch lange genug getan.

Und dann habe ich dieses Buch gelesen.
Der Titel?
Habe ich vergessen. Spielt auch keine Rolle.
Den Namen der Frau weiß ich noch.

Anfissa.

So'n Zyklus mit Heldenerzählungen.
Spielte in der noch jungen Sowjetunion.

Die Anfissa hatte mir's angetan. Bauernfrau war sie, groß und dick. Hübsch war sie auch nicht. Aber Liebe wollte sie. Also verliebte sie sich. Dummerweise auch in einen Klaus. Anfissa wurde meine Freundin.
Hatte ja sonst keine.
Ich dachte immer: 'Die versteht mich. Hat ja auch nicht viel mehr, als ein Stück blauen Himmels.'
Der ihr Klaus war einer von den ganz Fiesen.
Und dann passierte was.
Ich bekam Wut.
Echt, ich wurde stinksauer beim Lesen.
Nicht auf Klaus, nein, der war, wie nicht anders zu erwarten.
Auf Anfissa wurde ich sauer.
Meine Freundin, die sich behandeln ließ wie ein Stück Dreck.

' Menschenskinder', dachte ich immer wieder, 'nu mach doch was Mädchen!'

Ganz aus war es, als er ihr die Brustwarze abbiss. Die baumelte dann nur noch an so einem Hautfädchen.
Um ein Haar hätte ich das Buch in die Tonne gekloppt.
Ich habe meine Kaffeetasse an die Wand gefeuert, so wütend war ich auf Anfissa. Wie kann man sich so was gefallen lassen?!? Dem Kerl gehörte doch ein Messer in den feisten Wanst!

Da saß ich dann ganz fassungslos und guckte meinem Kaffee zu, wie er da so an der Küchenwand runterlief. Und dann dieses komische Gefühl. Kann einen aber auch aufwühlen, wenn man so was liest. Ich fühlte mich plötzlich anders an. Nicht mehr wie ich. Mehr so wie Anfissa.
Ja. Ich war Anfissa.
Ich war alle Anfissas dieser Welt.
Und gerade, als ich das begriff, ging die Tür auf.
Klaus kam heim.
Also jetzt MEIN Klaus.
Er stand da und guckte ganz komisch auf die neue Kaffeewand. Dann zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Das sehe ich noch ganz deutlich.
Er kam auf mich zu.
Mit geballten Fäusten.
Mein Gott, wie vertraut mir dieser Anblick war.
Ich war schneller.
Dieses eine Mal war ich schneller.
Die Anfissa in mir verlieh mir Kraft.
Das Messer flutschte bis zum Anschlag in seinen Hals.

Als die Polizei mich abführte, warf ich noch einmal einen Blick auf Klaus.
In diesem kurzen Augenblick sah ich alle Kläuse dieser Welt blutend am Boden liegen.
Und ich sah alle Anfissas dieser Welt lächeln.
Ein toller Moment.

Das war heute vor exakt 21 Jahren.
Mein Leben hat sich verändert.
Ich weiß, was Freiheit bedeutet.

Was meinen Sie?
Die Mauern?

Ich bitte Sie.

Wenn Ihr Deckel zufällt, können Sie dann von sich behaupten, jemals wirklich frei gewesen zu sein?
Sehen Sie, ICH kann es.

Bis dahin genieße ich mein Stück blauen Himmels.
Bisschen kleiner als das aus meinem Küchenfenster.

Anfissa sitzt neben mir und lächelt.

Uns tut nichts mehr weh.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Jacob Nomus » 9. Sep 2010, 15:58

Jene Freiheit, die mir geschenkt,
dem Leben Sinn und Straf' anhängt,
sitzt neben mir und lacht mich an,
ich huste und ersticke dran.

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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Lies » 10. Sep 2010, 15:15

Emotionen auslösen? Ja..gelungen..wie bei allen diesen Versuchen, das Verhältnis zwischen Peiniger und Gepeinigteer zu erklären.

Irgendwie ist es nicht erklärbar, sodass man als Außenstehender immer das Gefühl hat, diese unterwürfigen Frauen haben einen seelischen Defekt, schon lange bevor sie in einer solchen Ehe landen.

Aber diese Geschichte ist nicht wie andere, sie reisst eine Gepeinigte aus einer Situation, aus der sie ohne diesen aufgebauten Zorn nie entkommen wäre.

Eines aber muss ich bemängeln, man bekommt für einen Mord dieser Größenordnung nicht lebenslänglich...und schon gar keine 21 Jahre
Dazu muss es zuviele Beweise für die Gewalttätigkeit von Klaus geben, die Frau hätte also im schlimmsten Fall eine Strafe wegen Tötung im Affekt zu erwarten gehabt und mit einem guten Anwalt sogar Freispruch wegen Selbstschutz.

Aber Fabi....das hätte dann den Dreh und Angelpunkt Deiner Geschichte ausgehievt, gilt also als dichterische Freiheit:-)))

Lies ...gewievter Gerichtssendungsschauer.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 10. Sep 2010, 16:09

jep lies. du musst aber auch immer die schwachpunkte knacken ;-)

meine innere ausrede für die 21 jahre war, dass sie es ja keinem erzählt hat. also werden nur wenige hin und wieder ETWAS mitbekommen haben.

und da sie MEINE prot ist, hat sie bei der verhandlung natürlich auch nicht die geringste reue gezeigt. ;)

danke für deinen kommentar.

ich selbst kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, mich jemals solch einem menschen "auszuliefern".

ich hatte eine nachbarin in klingenberg am main. bildhübsche junge frau, 2 kleine mädchen.
himmel, was hatte die für grüne und blaue flecken. die dumme trine liebte ihn dennoch.

als ich mit ihr sprach, sagte sie:

das ist mein schicksal.
meine oma wurde geschlagen, meine mutter wurde geschlagen und jetzt bin ich eben dran.

da fällt einem wirklich nichts mehr ein.

einmal war es so schlimm, da betrank sie sich und wollte sich umbringen. ich konnte sie erstmals überreden, ihn zu verlassen. telefonierte einen ganzen tag, um sie in einem frauenhaus unterzubringen. wusste gar nicht, dass es so problematisch ist.

bei kassel fand ich dann eins. als sie mit den mädchen endlich im auto saß, sagte sie, sie müsse noch einmal in die wohnung. sie würde nicht eher mitfahren, ehe sie ihrem mann einen zettel geschrieben hätte, wo sie ist.

das wars.

lies, da kommen schon mal gedanken, wie:

menschenskinder, die hat es doch nicht anders verdient.

allerdings ist das nicht fair. denn wenn diese frauen mal so weit sind, ist schon ne menge kaputt.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Lies » 10. Sep 2010, 18:37

Das erinnert mich an die so viel gerügte These von diesem Sarrazin über Gene.

Ich bin mit ihm einer Meinung, es gibt eine genetische Veranlagung, eine Prägung die mehr wirkt als jede Realität.

Die Frau von der Du sprichst kann sogar mich dazu reizen sie grün und blau zu schlagen, denn sie ist eine Beleidigung für jede emanzipierte Frau.

Sogar wenn es ihr gelänge sich von diesem Mann zu trennen kann man davon ausgehen, sie wird sich instinktsicher den nächsten Schläger aussuchen, hoffnungslos.

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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Heffalump » 10. Sep 2010, 23:20

Ein Versuch, das Verhältnis zwischen Peiniger und Gepeinigter zu erklären, ist das nun gerade nicht. Denn Klaus wird ja nicht erklärt, Klaus wird so, wie er ist, nicht hinterfragt, sondern einfach als gegeben hingenommen.

Der Fokus liegt schon ganz und gar auf der Protagonistin. Und die hat eine Einstellung zum Leben gefunden, die bemerkenswert ist. Mögen vernünftigere Leute auch allesamt den Kopf über sie schütteln und an ihr verzweifeln oder gar das Bedürfnis verspüren, sie grün und blau zu schlagen, wie Lies sagt - sie hat ganz eigene, völlig andere Maßstäbe, und nur die zählen für sie. Dieser eine Moment der absoluten Freiheit, den sie erlebt hat, gibt ihrem Dasein so viel Erfüllung und Sinn, dass der gesamte Rest ihres Lebens daneben ganz unwichtig wird. Sie kann eines Tages sterben mit der Gewissheit, einmal wirklich gelebt zu haben - und das genügt ihr.
Bezeichnend, dass es nicht ein Ereignis in der Realität ist, das sie animiert, sondern ein Buch - ein schönes Beispiel für die Wirkmächtigkeit von Literatur.

Die 21 Jahre stören mich nicht, auch wenn Lies' Argumente im ersten Moment plausibel erscheinen. Aber es wird ja gar nicht gesagt, dass die Frau im Gefängnis sitzt. Es kann ebensogut eine geschlossene Anstalt sein, wo sie nicht das Geringste dafür tut, je wieder herauszukommen, weil sie zufrieden ist mit dem, was sie hat und was ihr niemand mehr nehmen kann.

Ich möchte so jemanden nicht unbedingt gern in meinem Bekanntenkreis haben, weil der Umgang sicher sehr schwierig und frustrierend wäre - das Bedürfnis, einen solchen Menschen zu "ändern", wäre kaum zu unterdrücken.
Aber es ist ein Gewinn, diese unvoreingenommene, von viel Einfühlungsvermögen geprägte Schilderung zu lesen.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon murkele » 11. Sep 2010, 04:02

Und wieder eine Geschichte von dir, die mich begeistert.
Freiheit trotz Mauern. Und das kleine Stück blauer Himmel. Absolut klasse erzählt. :)
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon börnie » 12. Sep 2010, 08:18

Hm. Ich mag den Text auch, Fabi hat einen spannenden, emotional ansprechenden Schreibstil, der einen reinzieht. Die Geschichte ist kitschfrei gelungen, was bei dem Thema nicht so einfach ist.Keine Rührseligkeit. Die Einfühlung in die Frau kommt auch authentisch rüber. Was mich etwas irritiert ist eben auch ihre Zufriedenheit hinter Mauern, weil sie diesen einen Moment erlebt hat. Das gibt dem Text zwar ein schönes dramatisches Element am Schluss, aber glaubwürdig ist es für mich nicht so ganz. So ein "Scheisse, zuerst hat mir der Arsch das Leben verpfuscht und jetzt sitz ich wegen dem im Knast/in der Anstalt und bin wieder nicht frei" wäre für mich stimmiger gewesen.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 12. Sep 2010, 11:59

liebe börni, glaubst du denn wirklich, dass "freiheit" immer etwas mit realen mauern zu tun hat?
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon börnie » 12. Sep 2010, 12:45

Nein, natürlich nicht.Ich glaub nur nicht, dass Freiheit von einem Schläger ein reiner Genuss ist, wenn man wegen Ermordung dieses Schlägers dafür so lange in den Knast oder in eine Anstalt muss. So etwas seelisch gut zu überleben erfordert wohl eine große Charakterstärke.

In dem Roman "Die Vorleserin" zB kommt die weibliche Protag in Haft, hat dort zwar "Ruhe", lernt sogar lesen und schreiben, was ihr enorm wichtig ist, lernt aber sonst "nichts dazu". Das ist ihr einfach nicht gegeben. Sie verlässt die Haft nach vielen Jahren im Grunde als gebrochene Frau und stirbt dann auch bald.

Du hast mit dieser Geschichte ein spannendes Thema aufgeworfen. Innere und äußere Freiheit. Freiheit hinter Mauern versus Unfreiheit außerhalb davon wegen innerer Mauern. Verlieren Menschen innere Mauern einfach so, weil sie sich von der äußeren Entsprechung befreit haben? Oder sind sie innere Mauern so gewohnt, dass sie sich die nächste äußere Entsprechung suchen? Wäre deine Protag freier, wenn sie sich gelöst hätte ohne ihn zu ermorden und sich woabnders ein neues Leben aufgebaut hätte oder hätte sie ihre Geschichte mit einem neuen Klaus wiederholt? Sucht sie sich im Knast, weil sie ihre Opferschiene gewohnt ist, jemanden, von dem sie sich drangsalieren lässt?

Und: Menschen vom Format eines Nelson Mandela zB. bewahrten sich innere Freiheit und seelische Gesundheit offenbar trotz aller Repressalien und der Härte ihres Schicksals, einen sehr großten Teil ihres Lebens hinter Gittern verbracht zu haben. Also möglich ist es, da hast du recht, ich denke nur nicht, dass man es von Beginn an geschenkt kriegt. Eher im Laufe eines harten Entwicklungsweg, der eben besagte innere Stärke des Betroffenen vorraussetzt.
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