"Mein Name ist Miriam B."

Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Crimson » 12. Sep 2010, 20:46

Zum Aufbau der Protagonisten wurde ja schon was gesagt. Klaus ist eben Klaus, eine Schablone, das macht ja gerade die Verallgemeinerung und Pluralisierung der 'Kläuse' deutlich. Klaus ist Gewalt, wenig mehr dahinter, was zu interessieren hat.

Vom Datum her frage ich mich, ob das eine Mauerfallgeschichte ist? Also, spielt der Text in der ehemaligen DDR, oder in Westdeutschland? Obwohl, eigentlich ist das egal. Schön gelungen finde ich aber die metaphorische Verkettung von Begriffen, die impliziert wird. Am Tag des Mauerfalls fallen auch die seelischen Mauern der Protagonistin, gleichzeitig aber kommt sie hinter die im Text erwähnten 'Mauern' einer Anstalt, einer Klinik oder was auch immer. Gerade diese Kombination von Begriffen finde ich das Gelungene am Text. Es scheint, dass hier, ohne es überhaupt zu thematisieren, auch die Wertung des Mauerfalls als 'Tag der Einheit' oder 'Freiheit' kritisch in Frage gestellt wird, da ja die Protagonistin deutlich macht, wie unterschiedlich so etwas wahrgenommen werden kann.
Sehr schön gemachter Text.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Kariologiker » 12. Sep 2010, 22:43

Sind es wirklich die Gene? Was meint eigentlich ein Wirtschaftwissenschaftler, wenn er über Gene spricht? Was sind eigentlich Gene?

Lies hat geschrieben:Das erinnert mich an die so viel gerügte These von diesem Sarrazin über Gene.
Ich bin mit ihm einer Meinung, es gibt eine genetische Veranlagung, eine Prägung die mehr wirkt als jede Realität.
Die Frau von der Du sprichst kann sogar mich dazu reizen sie grün und blau zu schlagen, denn sie ist eine Beleidigung für jede emanzipierte Frau.


Sind es wirklich Gene, die ein emotionales Chaos in uns auslösen oder uns zu eugenischen Alfamännchen machen? Gibt es Emanzipation denn wirklich oder ist es, wie der Sozialismus, nur ein Konstrukt, auf dessen Rücken heute die Männer der Emanzen versuchen sich in einer Art Gegenemanzipation wieder einzufügen? Sogar Emanzen wollen Frauen bleiben und Männer werden niemals Frauen, außer jenen, deren Gene tatsächlich etwas weibliches mehr haben, als sie Mann sein können. Bei denen sind es aber nur Teile eines Gens! Doch bei Verbrechen spielen Gene weniger eine Rolle, als viels andere mehr.

Die Retrospektive von Fabianas "Mein Name ist Miriam B." ist schlicht die Aufzählung einer kausale Kette, wie sie als Teufelskreis sich dann etablieren kann, wenn soziale und politische Umstände dafür förderlich mitwirken. Profiler wissen heute, dass keine Tat ein monofaktorielles Geschehen ist und so stellen hier die Umstände ebenso die Weichen, wie Schwächen und Stärken auf die Protagonisten verteilt sind. Keiner ist alles Schuld, aber vieles kann den Menschen an den Rand seiner Psyche bringen, die auch kein vererbtes Gut ist, es sei denn, sie zählt zu den selten Vererbungskrankheiten, die Aggressionen födern können. Schizophrenie etc.
Die Umstände aber erklären sich aus dem Text sehr gut und schließen eindeutig genetische Beeinflussung aus:

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Jetzt, im Nachhinein denke ich manchmal, dass es Wurscht ist, auf welche Weise man dieses Pffffft verbringt. Der Deckel fällt so oder so zu.
Kein Schwein interessiert dann noch, was du bis zu diesem Knall getan hast.

Jaaa, JETZT denke ich so. Früher war ich dumm, glaubte an Freiheit und so einen Kram. Die des Körpers und des Geistes. Haben Sie so etwas? Na ja, vielleicht reden Sie sich ja ein, so Sachen zu besitzen. Machen Sie ruhig. Ich weiß es besser.

Ich hatte nämlich Klaus.
Heute weiß ich, dass viele einen Klaus hatten oder haben.
Kläuse gab es schon immer. Die sterben nie aus.


Ganz ungeschminkt erzählt Fabiana hier, wie einfach und doch so unheimlich sich die Macht der Hilflosigkeit des Menschen bemächtigt, Reaktionen dechiffriert und Klarheiten im Nachhinein einsehbar werden lässt. Diese Weisheit ist für viele von uns "so einfach", weil wir nicht so dumm sind, uns niemand so dumm gehalten hat.

Und auch der folgende Satz ist fast klassisch: "Heute weiß ich, dass viele einen Klaus hatten oder haben." und genau das ist die entscheidende Lebensweiche. Einige schaffen den Absprung, andere haben diese Möglichkeit nicht. Doch nicht wegen der Gene, sondern wegen der ausweglosen Umstände.

"Mein Name ist Miriam B." ist eine erstaunlich gute Recherche. Ich gehe einfach mal davon aus, dass diese Kurzgeschichte nicht autobiografisch ist. Und dafür ist sie so nahe an der Realität, dass ich ganz unumwunden Fabiana meinen Respekt für diese schriftstellerische Leistung zolle.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Lies » 12. Sep 2010, 23:20

Und ich gehe mal davon aus, dass Du nicht die Absicht hast, mit mir jetzt eine Diskussion über genetische Prägung einzuleiten.

Da dieser Bereich von Leuten, die sich beruflich damit befassen, nach wie vor nicht enwandfrei beantwortet werden kann, verlassen wir uns lieber auf das familiäre Geschehen.

Da ist das dann schon leichter zu erkennen, dass das Kind mit Vaters jähzornigem Erbe nie so reagieren wird wie das Kind mit Mutters ausgeglichenem Charakter.

Aber das nur nebenbei.

Es bedeutet allerdings, dass eine angeblich ausweglose Situation von diesen beiden Kindern sehr unterschiedlich empfunden und schon gar nicht auf die gleiche Weise durchlebt wird. denn das zornige Kind wird draufhauen und sich befreien und das ausgeglichene vielleicht gar keinen Ausweg suchen, wer weiß..

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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Kariologiker » 12. Sep 2010, 23:57

Könntest Du Dir vorstellen, liebe Lieselore,

dass ich sehr viel über Genetik und genetische Prägung, wie Du es nennst, weiß und auch, was Gene wirklich sind? Eine genetische Prägung gibt es als Begriff nicht mehr. Denn man weiß heute, dass eben nicht Gene ausschließlich für eine Greueltat entscheidend sind, sondern nur der auslösende, vielleicht nur der begünstigende Faktor und das wird mit äußerster Vorsicht postuliert.
In uns allen stecken die gleichen mordlüsternden Gene! Doch nicht alle sind Serienmörder oder Einzeltäter.

Ja, wir können durchaus dieses Thema ganz investigativ besprechen. Ich widerspreche auch gerne Deiner Aussage, dass nur Fachleute etwas damit anzufangen wissen. Als Mediziner ist man zumindest ein Fachmann, was die Gene anbetrifft. Hat uns Trullala nicht dazu aufgefordert Fortbildung zu betreiben. Da ich alles Zahnmedizinische schon kenne, nehme ich also Themen in Angriff, die mich interessieren. Und dazu gehört das Profiling, die Gene und deren Zusammenhänge. Denn uns Trullala hat mir nicht vorgeschrieben, worin ich mich fortbilden soll.

Der jähzornige Vater ist kein genetischer Faktor, sondern eine klassische indoktrine Sozialisation. Die ausgleichende Komponente ist zwar die Mutter, die aber gegen den aufkeimenden Jähzorn auch keine Gegenmittel kennt. Angst macht eben blind. Gefühlsblind.
Einer der sogenannten begünstigenden Faktoren hier ist eher das Stockholmsyndrom, welches in jeder angstbesetzen Situation die einzige Möglichkeit für die Opfer zu ein scheint, die schier ausweglose Situation als überlebenswert anzusehen, indem es sich in Ergebenheit übt. Diese Haltung ist der Grundstock für eine oft in der Annahme als genetisch bedingte Tat betrachtet wird. Aber das ist es eben nicht.

Welche Reaktion zwei Menschen zeigen, die dem gleichen Stressfaktor ausgesetzt sind, kann niemand voraussagen, denn dann könnten wir wirklich vieles verhindern. Doch wir, d.h. die Behörden und ihre ausführenden Organe können stets nur reagieren, weil sie trotz aller Profile niemals dem Täter vorauseilen können. Zumindest ist das sehr selten.
Siehe Mark Beneke und forensische Medizin.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 13. Sep 2010, 00:04

erst einmal herzlichen dank für eure gedanken. sie zeigen, ich habe mit diesem kleinen text erreicht. denn genau das will ich ... erreichen.

nein, kario, da ist nichts autobiografisch, obwohl ja auch immer stücken vom emotionalen "ich" in unsere texte einfließen. das thema hatten wir schon einmal bei bx.

lieber dennis:

ja, du hast recht. ich las das thema und war im ersten moment baff. blödes thema, dachte ich. dann ging es mir durch den kopf. als ddr-flüchtling hatte ich den mauerfall sehr "persönlich" erlebt, aber über dieses thema wollte ich nicht schreiben. dann kam mir die idee, dass an diesem tag ganz sicher nicht nur diese mauer gefallen ist, sondern dass auch an diesem tag irgendwo menschen waren, deren ganz persönliche mauern fielen.

der mauerfall ... eine assoziation.

das freiheitsempfinden nach 21 jahren ... eine assoziation.

kein mensch ist ganz "frei".
aber jeder mensch schafft sich irgendwann seine kleinen persönlichen "freiheiten".
auch wenn man dafür erst einmal mauern niederreißen muss.
ob die inneren oder die äußeren ... das spielt dabei keine rolle.

mal was anderes. ich habe miriam b. gerade mal gelesen, bzw. versucht zu "spielen".
davon abgesehen, dass ich dumme nudel dabei einen klappernden ring am finger trug, welcher alle meine gesten lautstark untermalte (wo ist hier der kotz-smilie!!!), würde ich mich hier über kritiken und verbesserungsvorschläge freuen (es ist nicht die endversion).
wie und wo kann man so etwas hier einstellen????
ich bitte um hilfeeee!!!!
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Kariologiker » 13. Sep 2010, 00:25

Für die Möglichkeit der Textbearbeitung sollte die Schreibwerkstatt der richtige Ort sein. Doch auch dort hat man als Autor kein Recht, in weniger als ein paar Millisekunden seinen Text zu editieren.

Liebe Administratoren: Wenn nicht in einer Schreibwerkstatt, wo denn dann? Wofür sonst braucht man denn eine Schreibwerkstatt, wenn man statt nur zu Schreiben auch korrigieren will?

Ich wünschte, dass diese Hemmschuhe derart einreduziert werden, so dass das Forum arbeitsfähig wird.

Bei Deinem Text, Fabiana, würde ich wenige bis keine Korrekturen zulassen. Suspense und andere imaginären Bildanimationen sollten im interpretatorischen Potential des Leser verbleiben. Deine inhaltliche Linie ist ausreichend gradlinig, als dass sie durch Veränderungen etwas Wesentliches verbessern würde.
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 13. Sep 2010, 00:55

danke kario, aber um kritiken und verbesserungsvorschläge wollte ich bezüglich der video/audio-datei bitten. falls ich es hier irgendwie reinbekomme.

kario?
menno, jetzt gib der seite doch noch ein wenig zeit. wir haben doch keinen hehl daraus gemacht, dass hier noch nichts perfekt ist. sei also versichert, dass kritiken und verbesserungsvorschläge in der weiteren entwicklung berücksichtigt werden. ist doch in unser aller interesse.

gut. jetzt kannste sagen: "wieso ladet ihr uns auf 'ne baustelle ein!?"

antwort:

"na weil wir noch paar fleißige handwerker brauchen!!!!"
;)
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Lies » 13. Sep 2010, 07:46

Kariologiker hat geschrieben:Könntest Du Dir vorstellen, liebe Lieselore,

dass ich sehr viel über Genetik und genetische Prägung, wie Du es nennst, weiß und auch, was Gene wirklich sind?

Und kannst Du Dir vorstellen, dass dieser Wissensstand verbreiteter sein kann, als Du annimmst?

Eine genetische Prägung gibt es als Begriff nicht mehr. Denn man weiß heute, dass eben nicht Gene ausschließlich für eine Greueltat entscheidend sind, sondern nur der auslösende, vielleicht nur der begünstigende Faktor und das wird mit äußerster Vorsicht postuliert.

Abgesehen von Kleinstbereichen in der Medizin weiß man bisher so gut wie nichts über die Vererbungstheorie, schon gar nicht, welche Faktoren zu Greueltaten veranlassen.

In uns allen stecken die gleichen mordlüsternden Gene! Doch nicht alle sind Serienmörder oder Einzeltäter.

Ja, wir können durchaus dieses Thema ganz investigativ besprechen. Ich widerspreche auch gerne Deiner Aussage, dass nur Fachleute etwas damit anzufangen wissen.

Hier meinte ich eher, dass sogar die nicht viel damit anzufangen wissen, denn in der Beziehung ist die Forschung eher auf die Medizin focusssiert, man will ja herausfinden, welche Gene z.B. für die Verbreitung von Brustkrebs innerhalb einer Familienzugehörigkeit massgeblich sind und da sind dann auch die greifbarsten Ergebnisse vorzuweisen, Alzheimer gehört ebenfalls dazu. Man weiss zwar nun dass diese Krankheiten in Generationen derselben Familie verstärkt vorkommen, aber man weiss nach wie vor nicht warum.

Als Mediziner ist man zumindest ein Fachmann, was die Gene anbetrifft. Hat uns Trullala nicht dazu aufgefordert Fortbildung zu betreiben. Da ich alles Zahnmedizinische schon kenne, nehme ich also Themen in Angriff, die mich interessieren. Und dazu gehört das Profiling, die Gene und deren Zusammenhänge. Denn uns Trullala hat mir nicht vorgeschrieben, worin ich mich fortbilden soll.

Interessengebiete wird man auch ohne Hinweis der Kanzlerin nicht vernachlässigen, es kommt also immer darauf an, für welchen Zweig der Genforschung man sich interessiert, aber das gesamte Gebiet ist in den Kinderschuhen, es geht ja nicht nur um genveränderte Kartoffeln oder Weizen, obwohl auch das schon gefährlich genug sein wird.
Aber all das interessiert mich wenig, meine Neugier richtet sich auf die genetische Veränderung des Menschen und da ist dann nur die Fantasie einzusetzen, denn es wird offen zugegeben, dass die Wissenschaft darüber nicht mal die Kinderschuhe in Sichtweite hat.
Also, freie Bahn den Geschichtenschreibern, sie können alles darüber schreiben was sie wollen, denn nichts ist widerlegbar.


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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Klara » 16. Feb 2011, 11:09

Gut geschrieben, den Freiheitsbegriff deiner Miriam kann ich aber nicht nachvollziehen......
doch die Idee mit dem Buch und dass sie ihre eigene Rolle erst erkennt mit dem Abstand des Beobachters, finde ich sehr gut. Die Tat macht aus diesem Blickwinkel durchaus Sinn und ein Klaus ist endlich befreit, er braucht nicht mehr zu schlagen....., nach 21 Jahren noch immer auf Ihr Recht zu pochen, es zu verdeidigen, dem unsichtbaren Zuhörer die Unwissenheit um die Ohren zu hauen.....hat nicht aus ähnlichen Motiven ihr Klaus um sich gehauen???? "Ich weiß was richtig ist - und wenn du mir nicht zustimmst - schlage ich zu"
es gibt so viele Formen Gewalt anzuwenden, die Fäuste sind nur eine davon; Aus meiner Perspektive sitzt Miriam B's. Klaus in ihrem Geist und der lässt sich nicht mit einem Messer entfernen......, Danke, deine Geschichte hat mich zum nachdenken gebracht, Klara
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Re: "Mein Name ist Miriam B."

Beitragvon Fabiana » 16. Feb 2011, 17:03

wow, klara, dass miriam ihren klaus "befreit" hat, ist ein ganz neuer blickwinkel. er gefällt mir ausgesprochen gut. da laufen doch gleich wieder bildfolgen in meinem kopf ab. ;-)

du kannst ihren freiheits-begriff nicht verstehen? das ist gut, ich kann es auch nicht wirklich.

wie ich schon schrieb, ich liebe es, die menschen nicht so zu zeichnen wie wir sie gerne hätten, wie sie für uns verständlich sind, sondern so, wie sie uns oft genug im leben begegnen. wir stehen ihnen gegenüber und verstehen ... nichts.

anders handelnde, denkende und fühlende menschen müssen mir nicht einmal sympathisch sein, und dennoch finde ich sie interessant. ganz besonders die "außenseiter".

ich danke dir für das lesen und deine gedanken.

herzlichst, fabiana
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