Kreisverkehrt

Kreisverkehrt

Beitragvon Fabiana » 5. Jan 2011, 17:02

"Hach, mein Leben ist verronnen
und mein Sterben hat begonnen,
sitz' im Pflegeheim verbittert,
frisch gewaschen und gefüttert,
zwischen altersschwachen Kranken
und verlier' mich in Gedanken."

'Denkt Euch, alles was von Wert,
wäre plötzlich kreisverkehrt.
Männer würden Kinder kriegen,
Elefanten könnten fliegen
Fische würden Schlittschuh laufen,
Frauen gerne Werkzeug kaufen,
Hunde sich mit Katzen paaren,
Heilige zur Hölle fahren,
Pfaffen das Bordell besuchen,
Nonnen wie die Kutscher fluchen,
Kinder wär'n Politiker,
Moslems Islam-Kritiker,
und um dies nun abzurunden,
wär' das Oben ganz klar unten.

STOP! Lasst mich jetzt ernsthaft werden,
besser wär's, wir käm' auf Erden
als die klugen, weisen Alten,
die sich rückwärts dann entfalten.
Anfangs noch ein wenig sabbernd
und mitunter kindisch plappernd,
zahnlos kämpfend mit der Nahrung,
ABER doch mit viel Erfahrung,
die wir dann wohl dazu nützen
uns vor Fehlern zu beschützen.
Ach, was wär' solch Leben glücklich,
Frieden, Frohsinn ... wie erquicklich,
und wir schritten voller Tugend
und gefestigt durch die Jugend ...'

"Heee! Der Anstand hat's verboten,
dass Du mit den gicht'gen Pfoten
langst auf meinen Kuchenteller!
WAS? Hier zählt nur, wer ist schneller?
HILDE KRÖMER! Suchst Du Streit?!
Dann nur zu, ich bin bereit,
Dir die Haare auszureißen,
trotz Gebiss kann ich noch beißen
oder Dir den krummen Rücken
blitzblau schlagen mit den Krücken!
Keif
keif
..."
.
.
Anmerkung vom Autor:

Merkt Ihr's Leute? Kreisverkehrt
hätte hier wohl wenig Wert,
denn es zeigt Euch dies Gedicht:

Alter schützt vor Kriegen nicht!
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Heffalump » 10. Jan 2011, 13:30

Qualitativ sehe ich hier einen Kontrast zwischen Form und Inhalt.
Formal ist der Text weitestgehend gelungen (nur die Zeile "besser wär's, wir käm' auf Erden" ist schrecklich!), die Verse sind gekonnt gebaut - da kann man nicht meckern.
Inhaltlich ist er mir, gemessen am Anspruch, den er erkennbar enthält, viel zu oberflächlich.
Zunächst einmal fehlt mir der Bezug zum Thema. Denn die Ersetzung des eigentlich zutreffenden "umgekehrt" durch das nicht zutreffende "kreisverkehrt" stellt ihn ja noch nicht her, sondern kommt lediglich als falsche Wortwahl herüber. In dem Gedicht geht es um Zustände, um temporäre Vorgänge, um lineare Abläufe - aber nirgends um Kreisläufe.
Im zweiten Abschnitt werden Beispiele ganz ungeordnet und beliebig aneinandergereiht, da gibt es weder einen inneren Zusammenhang noch wenigstens eine Steigerung. Außerdem sind einige Beispiele nicht besonders überzeugend - Frauen, die gerne Werkzeug kaufen, mögen zwar immer noch Ausnahmen sein, sind als solche aber ebenso normal wie Moslems, die Islamkritik üben. Und auch fluchende Nonnen oder hurenhäusliche Pfaffen sind nicht gerade undenkbar. Vor allem aber bleibt dieser Abschnitt, der so großartig mit "Denkt euch" beginnt, jede Quintessenz schuldig. Stattdessen wird die Aufzählung mit der gleichen Willkür, die ihr schon innewohnt, einfach abgebrochen, und es kommt etwas Neues. Das ist zwar eine zulässige Lösung, aber, wie ich finde, eine unbefriedigend bequeme.
Dieser Mangel an Befriedigung setzt sich im nächsten, "ernsthaften" Abschnitt fort. Der "Beginn" (also das Alter) wird noch mit zureichender Ausführlichkeit geschildert, aber alles, was darauf "folgt" (also das eigentlich Interessante, weil es ja angeblich ganz anders wäre als im normalen Leben) wird sehr summarisch und obenhin in gerade mal vier Zeilen abgehandelt, als Konsequenz, die nur pauschal behauptet, aber in keiner Weise überzeugend dargestellt wird.
Es folgt zum zweiten Mal der Kniff des schlichten Abbruchs, zwei Alte beginnen stattdessen um den Kuchen zu streiten - und dies wird im Resümee zum Sinnbild für den Krieg stilisiert. Ein so verharmlosendes Bild passt ins 19.Jahrhundert, als Krieg vielen Leuten noch als etwas Normales und Legitimes galt. Heute, nach den Massenmorden des 20.Jahrhunderts, finde ich es überholt und nicht mehr angemessen.

Bei vielen Reimgedichten, die man so zu lesen bekommt, ergibt sich, trotz vielleicht interessanten Inhalts, wegen der formalen Mängel das Fazit "Gewollt, aber unzureichend gekonnt".
Bei diesem Gedicht ist es umgekehrt (nein, nicht kreisverkehrt): Formal ist es gut, aber inhaltlich nur gut gemeint.
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Fabiana » 10. Jan 2011, 17:18

siiiilkeeeee!!!!

darf ich deinen heffa mal knutschen?

so, michael labs, DAS haste nun davon. einen knutscher für die viele mühe, welche du dir für so ein kleines gedicht gemacht hast.

mir war nicht so richtig nach was ernsthaftem schreiben, da purzelte dieses kleine spaß-gedicht raus. einfach so, ohne anspruch auf das prädikat "wertvoll". vielleicht hätte ich dazu schreiben sollen, dass es nur eine kleine auflockerung sein soll. menno, da ist wohl wieder mal der übermut mit mir durchgegangen.

ich verspreche, künftig mehr ernsthaftigkeit an den tag zu legen. biste jetzt wieder lieb zu mir?
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Chili » 10. Jan 2011, 17:30

Klar darfst du.
Komm her, ich beordere ihn mit gespitzten Lippen an die Wohnungstür.
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Fabiana » 10. Jan 2011, 23:49

schnief ... klingt, als muss ich draußen bleiben. :o
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Chili » 11. Jan 2011, 00:18

Hm???

Erst willst du knutschen und dann traust du dich nicht rein?
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Fabiana » 11. Jan 2011, 02:15

Also er muss mich nicht an der Wohnungstür abfertigen?
Dann drück Dich gefälligst nicht so missverständlich aus. Wegen Dir hatte ich jetzt Bauchweh.

Ich habe ne bessere Idee, gib ihm mal 'nen Schmatzer von mir. 'Nen lieben Geburtstagsnachzüglerschmatz.
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Lies » 11. Jan 2011, 12:24

Mir scheinen Form und Inhalt zu stimmen, ob das Thema gelungen ist, weiß ich nicht so unbedingt.
Aber darf einem nicht einmal etwas einfach nur gefallen?

Also, Ja, gefällt mir.

Lies
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon Crimson » 12. Jan 2011, 14:09

Von der Metrik her erinnert mich das an die die Versgeschichten zu Max und Moritz, obwohl ich gerade nicht mehr weiß, ob die auch im Paarreim geschrieben sind. Formal stockte ich nur bei einem Reim von der Betonung her, nämlich bei

Kinder wär'n Politiker,
Moslems Islam-Kritiker,


Will man Kritiker wie Politiker im gleichen Rhytmus lesen, liest man Islam automatisch auf der ersten Silbe betont und der zweiten unbetont, dies bringt aber das Metrum des Gedichts durcheinander. Will man dieses beibehalten, müsste man es umgekehrt, also unbetont-betont lesen, was dann aber ein wenig komisch klingt, nämlich "isLAM-Kritiker". Naja, aber das sind Kleinigkeiten.

Vom Inhalt her liest sich dieses Gedicht sehr locker und amüsierlich, auch wenn gerade in der zweiten Strophe die gewählten Bilder eigentlich recht gewöhnlich und altbekannt sind. Umso stärker finde ich das Setting des Gedichts, also die erst und die vierte Strophe, in der die lyrische Instanz in die Gedanken verfällt, und wieder aus ihnen herausgerissen wird. Die abschließende Anmerkung des Autors finde ich dagegen unnötig, mit der vierten Strophe wird schon deutlich, welche Aussage getroffen werden soll. Insgesamt gefällt mir die Sache mit Ausnahme der Einschränkungen aber gut.
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Re: Kreisverkehrt

Beitragvon murkele » 13. Jan 2011, 12:27

Ich war live dabei, als die Ideen bei Fabiana purzelten (bist du dir eigentlich im Klaren darüber, was du angerichtet hast? Drei Wochen lang kreist mein Hirn, verschwurbelt sich und ist kurz vor dem Verknoten, derweil du mal eben so dieses Gedicht aus dem Ärmel geschüttelt hast ... das war nicht nett *schnief*)

Und ich mag dieses Gedicht, einfach weil es Spaß macht und Bilder in meinen Kopf projiziert (wie werd ich jetzt das von der keifenden Alten, die sich ihr Gebiss aus dem Mund reißt, um damit die andere in den Hintern zu beißen, wieder los?). :)
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