"Anderssein"

"Anderssein"

Beitragvon Fabiana » 8. Sep 2010, 23:33

Der Regen prasselt, dämpft das Schluchzen der Umstehenden.
Ihr Heuchler.
Saukalt ist es. Ein pickliger Knabe wischt sich mangels der zweiten Hand den Rotz mit dem Ärmel des Messgewandes ab.
Die hält den Schirm über dem Priester. Der wirkt wenig gütig im Moment. Seine gehetzt gemurmelten Worte strafen
sein frommes Getue Lügen.
Du würdest jetzt auflachen, laut und respektlos, stündest du neben mir. Würdest sagen, geh nach Hause, Alter, dein Gebrabbel nützt der da unten nichts.

Aber du stehst nicht neben mir. Bist die, die da unten liegt und der das Gebrabbel nichts nützt.

Ich hätte dir gerne deinen Wunsch erfüllt. Weißt du noch? Wir haben geraucht und gesponnen. Du sagtest, wenn ich abtrete, will ich verbrannt werden und du musst meine Asche in die Ostsee streuen. Hoch oben, auf den weißen Kreidefelsen sollst du stehen und warten, dass der Wind mich nach draußen trägt. Dann lauf runter und wirf weiße Rosen in die Spur meiner Asche. Ich versprach es dir. Ahnungslos und leichtsinnig.

Meine Nase läuft, aber ich werde sie nicht putzen. Für dich. Wir sahen gemeinsam diesen Film, mit der Minelli, sie hatte sein Kind abtreiben lassen und litt wie ein Tier. Verquollen war ihr Gesicht und der Rotz lief. Wie authentisch, sagtest du anschließend, wer aufrichtig leidet, dem ist scheißegal wie er aussieht.
Ehrenwort, ich habe nur ganz kurz an mein Taschentuch gedacht.
Jetzt spüre ich deinen Ellenbogen in meinen Rippen und höre wieder dein Lachen.
Du bist unmöglich. Immer noch.

Ich habe dich beneidet. Jetzt kann ich es sagen, kannst mich ja nicht mehr böse angucken. Ist eine Last, das Anderssein, hast du mir dann erklärt,
bleib wie du bist, ein Idiot reicht.
Du warst so ziemlich alles, aber kein Idiot. Ehrlich warst du. So sehr, dass es mir manchmal peinlich war. Du spürtest es, nahmst mich dann in den Arm und sagtest, nur Trottel schämen sich fremd. Ich wollte so gerne sein, wie du.

Naja, manchmal bin ich froh, es nicht zu sein. Der Chef hat dir noch immer nicht verziehen, dass du den Beschiss mit den Überstunden-Abrechnungen an die große Glocke gehängt hast.

Ich habe meinen Job noch.

Als deine Mutter deinen Vater anschrie, weil du ihr unverblümt erzählt hattest, dass er sie betrügt, hast du gesagt, komm endlich runter Mama, du vögelst dafür seinen besten Freund.
Ohne Wimpernzucken nahmst du den Rausschmiss hin. Zogst hoch erhobenen Hauptes in den stillgelegten U-Bahn-Schacht. Die Penner guckten misstrauisch, wenn ich dich besuchte. Du sagtest, mach dir nichts draus, es sind die besseren Menschen.

Dann brachte sich einer von den Tunnelbewohnern um. Schmiss sich von der Autobahnbrücke. Fiel auf ein fahrendes Auto. Drei Menschen riss er mit in den Tod. Arschloch, sagtest du anstatt zu trauern, warum die anderen?

Mit Menschen hattest du fast immer Probleme. Hast behauptet, da sei was schief gelaufen in der Evolution. Kann nicht so gewollt gewesen sein, hast du mir erklärt, das größte Gehirn im Schädel und dennoch kein Platz für das Wesentliche.

Irgendwann wurdest du krank. Ich wollte dich zu mir nehmen, wie so oft. Du lehntest ab. Wie so oft. Ich habe es nicht anders gewollt, muss mein Leben selbst ausbaden, sagtest du, ich schwimme in der Scheiße, aber mit geradem Rücken.

Das Gehen fiel dir immer schwerer, überhaupt jede Bewegung. Als es mir zu heftig wurde, schleppte ich dich zu einem Arzt. Mit meiner Krankenkarte.
Deine Schwäche begrüßte ich regelrecht. Die Gegenwehr war gering. Dafür die Diagnose um so heftiger. Den Namen habe ich nie behalten, irgend so eine schleichende Nervenlähmung. Unheilbar.
Danach fand ich dich nicht im Schacht.
Drei lange Wochen drehte ich fast durch.
Weihnachten war eine Sorgenhölle.
Dann klopftest du an mein Fenster. Eine Nacht vor Silvester. Komm mit, riefst du leise, ich will dir was zeigen. Ich folgte dir über die Mauer. In den Zoo. Ich litt, als ich sah, wie viel Anstrengung es dich kostete.

Im alten Affenhaus habe ich mich am Tag versteckt, verrietest du stolz. Komm her und sei ganz still, hast du geflüstert, als wir am neuen Gehege ankamen. Stundenlang saßen wir und beobachteten die mensch-ähnlichen Tiere. Da ist so viel Liebe, sagtest du, und wenn mal nicht, dann in aller Offenheit.

Ich sehe dich noch immer dort sitzen. Bei den Affen. Entspannt und zufrieden. Es war der einzige Moment, in dem die Welt für dich war, wie sie für dich sein sollte.

In der Silvesternacht wollte ich mit dir anstoßen. Ging in den Tunnel. Alle waren da. Nur du nicht. Sie ist weg, sagte eine alte Frau. Mit ihrem Bündel.

Am ersten Januar schwelte die Gerüchteküche, am zweiten kochte sie. Am dritten Januar kam die Polizei. Übergab mir deine Sachen, einen Zettel und eine knappe Erklärung.

"Am Abend des 31.12. ist ihre Bekannte in die Klinik gegangen. In die sechste Etage. Dort sprang sie aus dem Fenster. Ein Zettel lag bei ihren Sachen. Da standen ihre Adresse und ihr Name drauf und die Anweisung, es nur an sie auszuhändigen. Es war einwandfrei Selbstmord."

Ja, das warst DU.

Ich war so wütend auf dich. Wieder und wieder suchte ich in deinen abgewetzten Klamotten nach einem Brief, einer Erklärung, nach irgend etwas. Aber da war nichts.
Dann begriff ich. Ganz langsam. Du wolltest nicht, dass da mehr ist. Wenn ein Mensch geht, dann geht er. Ist weg. Einfach so. Für immer. Was bleibt, ist nicht von Bedeutung, spielt keine Rolle. Außer ... ja, die Erinnerungen.

Und die habe ich.

Im Übermaß.

Es regnet noch immer.
Alle sind ins Trockene geflüchtet.
Das werde ich jetzt auch tun.
Werde in mein Auto steigen und an die Ostsee fahren.
Unterwegs weiße Rosen kaufen.

Nur die Asche ... die fehlt.
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Jacob Nomus » 9. Sep 2010, 16:28

thumbs up!

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Re: "Anderssein"

Beitragvon Heffalump » 9. Sep 2010, 17:21

Mir sind Fanatiker jeglicher Couleur ein Greuel und aus tiefstem Herzen unsympathisch. Auch egozentrische "Ehrlichkeits"-Fanatiker und Tiere-sind-die-besseren-Menschen-Prediger.
Warum regt sie sich eigentlich so über den Selbstmörder auf, der drei Unbeteiligte mit in den Tod gerissen hat? Waren doch bloß Menschen! (Und sich selber für den Sprung in den Tod ausgerechnet eine Klinik auszusuchen, wo Schwerkranke den Suizid mitbekommen und einen lebensgefährlichen Schock erleiden könnten, ist in meinen Augen auch nicht sehr viel besser.)
Hat sie eigentlich jemals etwas Positives getan, irgendetwas geleistet zugunsten anderer, sei es nun Mensch oder Tier? Es scheint nicht so, zumindest erfährt man nichts davon. Sie ruiniert lediglich die Ehe ihrer Eltern (mag die auch noch so verlogen gewesen sein - es war deren Leben, nicht ihres!). Und ist natürlich ganz furchtbar stolz auf sich ("ich schwimme in der Scheiße, aber mit geradem Rücken" - oh Himmel!).

Ich weiß nicht genau, ob mich nur diese Person so ärgert oder die Geschichte als solche (sofern man das trennen kann).
Allerdings ertappe ich mich bei der Frage, ob ich künftig bei einer Erzählung, die mit einer klischeehaft trostlosen Beerdigung beginnt (und natürlich regnet es!), nicht einfach aufhören sollte zu lesen.
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Jacob Nomus » 9. Sep 2010, 17:37

Protagonisten hat die Geschichte zwei und die für mich interessantere überlebt. :)

Mir gefällt ihre Starrheit, ihr Wunsch auszubrechen, der Appetenz-Aversions-Konflikt in der Beziehung zu ihrer Freundin. Faszinierend finde ich die Möglichkeit, aufgrund der Andersartigkeit zwischen den Protagonistinnen Rückschlüsse vom Leben der Toten auf die Überlebende ziehen zu können. Die Einzelheiten aus dem Leben der Toten müssen für den Leser nicht zwangsläufig im Fokus stehen.

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Re: "Anderssein"

Beitragvon Heffalump » 9. Sep 2010, 18:23

Da möchte ich widersprechen: Die Einzelheiten aus dem Leben der Toten stehen zwangsläufig im Fokus - und zwar diejenigen, die von der Autorin bzw. Ich-Erzählerin ausgewählt wurden.
Starrheit gefällt mir nie - sie kann mich allenfalls interessieren, aber nicht in diesem Fall, dazu fehlt mir an dieser Starrheit (und ihren Folgen) das Besondere.
Und Rückschlüsse auf die Überlebende sind, weil man über sie nahezu gar nichts erfährt, pure Spekulation - anders ausgedrückt: Da könnte sich der Leser die Geschichte gleich selbst dichten.
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Fabiana » 9. Sep 2010, 18:31

nein, heffa, hat sie nicht. was gutes getan. sondern fanatisch ihren traum von wahrheit gelebt, leben ruiniert, ganz nebenbei auch ihr eigenes.

die freundin ist nicht so "ehrlich", schafft es nicht, die grenzen ihrer erziehung zu überschreiten. hat also ihr leben im griff. sie schwankt zwischen bewunderung und entsetzen, weil sie die regeln begriffen hat. ('Ich habe meinen Job noch')
"Anderssein" sollte ein fingerzeig dahin sein, dass wir zwar immer alle von der großen wahrheit träumen, sie sich aber nicht wirklich leben lässt. weil sich kein extrem auf dauer leben lässt.

beerdigung bei regen ... klischeehaft. stimmt. aber menschen werden eben nicht nur bei sonnenschein beerdigt.
mein mann hat seinen vater vor drei wochen beerdigt. bei regen.
sonnenschirme halten messdiener nicht ... und mir gefiel die szene mit dem bub.

davon mal abgesehen. ich schreibe geschichten über menschen. menschen, wie sie auch im extremfall sind, und nicht, wie wir sie haben wollen. dabei vermeide ich immer den erhobenen zeigefinger. ich BEschreibe einfach. das urteil überlasse ich dem leser.
du hast dich geärgert? na dann habe ich doch mehr erreicht, als ich zu hoffen gewagt habe. ;-)
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Re: "Anderssein"

Beitragvon börnie » 9. Sep 2010, 23:10

Das Thema mag recht schwarz/weiss verarbeitet sein, aber anders käme der extreme Charakter der Verstorbenen ja nicht zum Ausdruck, und um den gehts ja, so wie ich das verstanden habe. Solche Menschen gibts wirklich, so klischeehaft ist das gar nicht. Oft tragen sie Etiketten wie zB "Borderline".

Sicher kommt einem, wenn man viel liest, das Thema stolze, aber tragische Heldin und ihre gemäßigtere Freundin öfter eimal unter.

Was mir bei dieser Geschichte noch besser gefällt als das Was, ist das Wie. In einem Guss geschrieben und eindringlich durch die gekonnt verwendete Sprache. Deshalb sehr gut zu lesen.
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Heffalump » 10. Sep 2010, 02:07

Fabiana hat geschrieben:du hast dich geärgert? na dann habe ich doch mehr erreicht, als ich zu hoffen gewagt habe.


Ja, das stimmt. Der Text hat mich emotional aufgewühlt.
Chapeau.
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Lies » 10. Sep 2010, 14:55

Ich verspüre wenig Lust, mich hier auf die eine oder die andere Seite zu schlagen.
Es weiss sowieso jeder, dass ich keine literarischen Höhenflüge oder gar experimentelles mag. Ich bin eine U-Schreiberin und eine U-Leserin , wobei *U* für Unterhaltung steht, die aber durchaus - wie hier - auch einmal in eine Richtung gehen kann, die viele Fragen aufwirft, die aber nach Lage der Dinge weder von dem Erzähler, noch von der Protag beantwortet werden können, weil Erstere es nicht wirklich weiss, wie sehr sie auch versucht, die Freundin zu verstehen und Letztere es nicht mehr beantworten kann.
Wahrscheinlich wäre sowieso nur eine Erklärungsversuch gekommen, dass es eben Menschen gibt, die mit der Realität nicht leben können und es nichts gibt, das diese Schwäche - denn das ist eine - je durchbrechen könnte. Sie enden dann in einem Grab, das sie sich nicht ausgesucht hätten, aber nicht einmal das kriegen sie hin.

Keine Asche -.-.-.-

Übrigens Heffa, wenn Du in der Realität mitkriegen willst, wie eine Beerdigung ablaufen kann, die sich so wirklich niemand ausgesucht hat, dann lies das hier,

lieselore-warmeling-f12/der-letzte-weg-t53.html

daran stimmt jedes Wort und doch würdest Du sagen ..Klischeee.

Also Vorsicht.

Lies
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Re: "Anderssein"

Beitragvon Heffalump » 10. Sep 2010, 17:52

Nein, würde ich nicht. Weder was beschrieben wird noch wie es beschrieben wird, hat auch nur den leisesten Anflug von Klischee.
Man kann auch sagen: Mit dem Klischee, dass es bei Beerdigungen immer regnet, wird auf eine souveräne Art gespielt, die sehr originell ist.
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