Bei spätem Regen (2012)

Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Crimson » 29. Mai 2012, 17:34

Diese Geschichte entstand im Rahmen der Schreibarena auf Bookrix, unter der Vorgabe des Zitats von Bob Marley: "Manche Menschen können den Regen spüren. Andere werden nur nass."
Die Geschichte hat nicht wirklich eine Pointe, sie soll nur eine Stimmung vermitteln, wie viele meiner Texte des letzten Jahres. Dies ist jetzt die zweimal überarbeitete Fassung, in der schon viele eurer Anmerkungen eingeflossen sind. Kommentare und Kritiken sind gern gesehen.


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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Crimson » 29. Mai 2012, 17:37

Und hier der Text nochmal als Reinform:

Bei spätem Regen


Caspar saß lange am Seeufer. Während er hinüber zu einer Gruppe von Windsurfern sah, trank er in kleinen Schlucken aus einer Flasche Bier. Er hörte die Umgehungsstraße in seinem Rücken wie ein weißes Rauschen, sie wurde überstimmt von den vielen Grillen und Heu-pferdchen um ihn herum. Es war drückend heiß, er schwitzte und die Surfschüler ließen sich freiwillig von ihren Brettern fallen. Caspar überlegte, ob er schwimmen sollte, doch eigentlich mochte er das Wasser hier nicht, den Schlamm am Ufer, den kleinen Bach mit der hässlichen Schleuse, vor der er als Kind Angst gehabt hatte. Stattdessen legte er sich auf den Rücken und sah in den Himmel, der von einem so starken Blau war, dass es ihm künstlich vorkam.
Er schloss die Augen und versuchte, die Reflexe der Sonne hinter seinen Lidern zu fixieren. Bilder zuckten durch seinen Kopf und er dachte an die letzten Wochen, von denen sehr wenig geblieben war. Irgendwie fühlte sich nichts richtiger an, als am See zu sitzen, oder im Hoch-feld, oder im Stadtwald, auf dieser Bank, die kaum einer kannte. So vieles hatte noch durch seinen Kopf zu gehen.

Als er seine Augen wieder aufschlug war der Himmel rötlich-grau und sein Bier schal. Er setzte sich auf, doch sein Kopf schien liegen zu bleiben. Kleine Blitze wanderten durch sein Blickfeld. Er legte die Flasche auf den Boden und sah zu, wie die letzten Schlucke Bier im trockenen Boden versickerten. Das Zirpen der Insekten war lauter geworden und die Surfer schienen verschwunden. Aus Richtung der großen Stadt türmten sich Wolkenberge auf. Sie schienen nicht näher zu kommen, vielmehr immer höher in den Himmel zu wachsen. Caspar wusste, dass er es, sollte es dieses Wetter ernst meinen, nicht mehr rechtzeitig nach Hause schaffen würde. Stattdessen blieb er einfach sitzen und horchte darauf, wie die Geräusche der Tiere um ihn herum lauter wurden, um dann kurz vor Einbruch des Sturms zu verklingen. Der erste Wind seit Tagen streifte sein feuchtes Gesicht und er streckte das Kinn heraus. In der Ferne schlug ein Blitz ein. Der Knall danach klang metallisch und fern, es dauerte, bis er über das Feld rollte.
Caspar stand auf und klopfte sich den Staub von den Beinen. Sich langsam im Kreis drehend überprüfte er seine Möglichkeiten. Auf der anderen Seeseite lagen ein Kinderspiel- und Grill-platz, ein runder Holzpavillon mit vollgeschriebenen Wänden und zerritzten Bänken. Würde er in Richtung der Umgehung laufen, käme er zur Unterführung, ein kleiner Metalltunnel un-ter der Straße. Er mochte keinen dieser Orte. Der Wind frischte auf und drückte ihn mit einer starken Böe einen Schritt vorwärts. Caspar erkannte, dass der Sturm schnell näher kam. Auf den flachen Feldern konnte man bei gutem Wetter den Rand der Stadt erkennen. Jetzt schnitt eine Klinge aus Regen über die Wiesen. Der Rand des Sturms also. Ein Sommergewitter, wie man es sich vorstellte. Caspar lief auf den Wanderweg um den See herum und überlegte, ob er sein Hemd ausziehen sollte, doch er blieb einfach nur stehen und wartete.

Das Mädchen erreichte ihn noch vor dem Regen. Sie kam so plötzlich über den Hügel ge-rannt, dass Caspar erst nicht auf sie reagierte. Doch ihre langen roten Haare hoben sich derart gegen den dunklen Horizont ab, dass er sie schließlich fixierte. Sie war nass oder geschwitzt vom Rennen. Ihr dunkelblaues Kleid klebte an ihrem schmalen Körper, die weißen Tupfen darauf passten zu ihrem blassen Teint.
„Was stehst du denn so blöd rum?“, rief sie ihm entgegen und ihre Stimme war hoch und atemlos.
„Es lohnt nicht mehr zu Laufen, du schaffst es nicht mehr ins Trockene“, rief er zurück, wäh-rend sie an ihm vorbei rannte und seine Schulter streifte. Er schaute weiter auf die Schnittstel-le, die sie fast erreicht hatte. Die Luft schmeckte bereits nach Regen. Sie kam zurück zu ihm.
„Und was dann?“, fragte sie, schwer atmend, die Hände in die Hüften gestützt. Caspar sah sich um.
„Hast du Angst vor Gewittern?“, fragte er.
„Nicht mehr als andere“, sagte sie.
„Dann komm mit“, sagte er und lief ins hüfthohe Gras der alten Felder hinein, weg von der aufgewühlten Oberfläche des Sees. Sie waren keine fünf Schritte weit, als der Regen sie er-reichte. In nur einem Augenblick spürte Caspar, wie er von der dichten Wand überzogen wur-de. Von seinen Haaren liefen ihm Rinnsaale in die Augen und er verlor sein Ziel aus dem Blick. Das Rauschen war überwältigend. Das Pumpen des Blutes in seinen Ohren kam über-ein mit dem Trommeln des Regens. Von hinten griff dann die Hand des Mädchens in sein Hemd. Er drehte sich um und nickte ihr zu, zeigte nach vorne und war sich nicht sicher, ob sie es überhaupt sehen konnte, ihr Gesicht war ein weißer Fleck und roter Schimmer. Sie schrie etwas, er verstand es nicht. Also kämpfte er sich nur weiter vor durch das schwere Gras, bis der Regen nachließ und seine Hände den Stamm des Baumes berührten.
Caspar strich sich seine Haare glatt und das Wasser aus seinem Gesicht, dann drehte er sich zu seiner Begleiterin um. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, unter den weitesten Ausläufern der Äste.
„Komm doch näher an den Stamm“, riet er ihr, „hier wirst du nicht so nass.“
„Was ist das für ein Baum?“, fragte sie, ohne sich zu bewegen.
„Eine Buche. Eine Rotbuche, glaube ich“, antwortete er und zeigte auf die im dunklen Licht schwarz wirkenden Blätter.
„Aber bei Gewitter unter einem Baum zu stehen ist doch dumm?“, sagte sie.
„Es geht nur um die Höhe und da ist dieser hier kein Problem. Der hier ist eher breit als hoch, um uns herum sind lauter höhere Bäume“, sagte er und klopfte gegen den breiten Stamm. „Komm her, hier ist es fast trocken.“
Zögernd kam sie zu ihm und berührte schließlich wie er den Stamm. Sie lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sah ins Geäst, einzelne dicke Tropfen trafen ihr Gesicht. Um sie herum rauschte der Sturm. Donner wanderte über die Ebene und immer wieder wurde die graue Luft durch einen weißen Schnitt zersetzt. Er lehnte sich neben sie. Beide sagten sie eine ganze Weile nichts, sondern starrten unter den niedrig hängenden Ästen auf die Wiese hinaus.
„So Stürme dauern selten lange“, eröffnete Caspar das Gespräch.
„Dieser hier wird länger gehen“, sagte das Mädchen wie selbstverständlich.
„Hm“, machte Caspar.
„Wie heißt du?“, fragte sie.
„Caspar. Du?“
„Sara“.
Er spürte an seiner Schulter die Hitze, die ihr Körper ausstrahlte und wunderte sich darüber, denn der Regen kühlte ihn aus und er fror. Caspar blickte sie von der Seite an, sie kaute auf ihrer Unterlippe herum.
„Komische Situation, was?“, sagte er und versuchte ein schiefes Grinsen, welches ihn selbst nicht überzeugte.
Sie sah ihn an, löste sich vom Stamm, ging ein paar Schritte im Kreis. Schließlich sagte sie: „Das liegt nicht an dir und an mir. Aber hier ist es gefährlich, wir sollten nicht hier sein.“
„Es ist kein Problem, wirklich. Der ganze Regen, das Donnern, das wirkt alles bedrohlich, aber das ist nichts, was uns gefährlich wird. Es kann nur ein wenig laut werden, dass ist alles.“
Sara schüttelte den Kopf, so energisch, das Tropfen in alle Richtungen spritzten. So standen sie sich gegenüber und keiner wusste etwas zu sagen. Caspar schloss die Augen und legte sein Ohr an den Stamm. Er glaubte zu hören, wie er tief in seinem Inneren knackte. Er hörte die Blätter und Äste, die im Sturm aneinander rieben und das hohe Gras, welches das Rauschen des Meeres imitierte. Tief Luft holend spürte er, wie sein Puls sich beschleunigte, wie seine Muskeln reagierten. Als er die Augen öffnete, war Saras Gesicht direkt vor ihm. Auch ihr Ohr an den Stamm gedrückt, sprangen ihre blauen Augen über ihn hinweg. Da waren Sommer-sprossen auf ihrer Haut, sehr blass und kaum zu erkennen. Ihre roten Strähnen, die ihr in die Stirn hingen, wurden selbst durch die Feuchtigkeit nicht dunkler. Ihr Atem traf ihn, er war so warm wie der Rest von ihr.
Caspar setzte an, etwas zu sagen, doch sie kam ihm zuvor: „Geh ruhig hoch, es macht mir nichts aus.“ Er stutzte.
„Du willst hochklettern, oder?“, setzte sie nach. Saras Blick war unergründlich, sie wich dem seinen nicht aus. Caspar sah nach oben. Durch die vielen Verästelungen konnte man nichts vom Himmel erkennen.
„Aber es ist doch gefährlich, dachte ich?“, fragte er. Sie nickte nur. Er wartete auf eine weite-re Erklärung, irgendwas von ihr, doch er ahnte, dass keine folgen würde.
Ein Blitz kam nahezu zeitgleich mit seinem Donner. Caspar stellte seinen linken Fuß an den Stamm, sprang ab und ergriff die tief stehenden Äste. Mühsam zog er sein Gewicht in eine Astgabel hinauf. Der Baum war derart in die Breite gewachsen, dass die Herausforderung darin bestand, zwischen den dichten Ästen hindurch einen Weg nach oben zu finden. Wasser schlug Caspar von jedem Blatt entgegen, je höher er kam, desto stärker regnete es wieder auf ihn herab. Er kam ins Schwitzen, denn er kletterte schnell. Die Angst, den Höhepunkt des Sturms zu verpassen, trieb ihn an. Als er durch die Baumkrone hindurch stieg und die Tritt-stellen dünner wurden, hielt er an und drehte sich um. Er lehnte sich mit dem Rücken in einen der hoch stehenden Äste und stellte sich breitbeinig in den Baum. Caspar sah sich um.
Die Graslandschaft um ihn herum war ein Organismus, vom Sturmwind zum Atmen getrieben und wankend hin und her gerissen. Die Wolken hingen so tief, dass er mit den Händen nach ihnen greifen wollte, Regen schlug ihm ins Gesicht. Die Schnellstraße war nicht mehr zu er-kennen, er saß auf der Spitze einer grün-grauen Insel, einem Meer aus Schilf, in dem nur ver-einzelte andere Bäume herausragten. Es blitzte von Wolke zu Wolke und Caspar schrie in den Donner hinein. Er knöpfte sein Hemd auf und streckte seine nackte Brust ins Wetter. Unter ihm sah er Sara, die in die Wiese gelaufen war und ihm mit beiden Armen zuwinkte.
„Komm hoch!“, schrie er ihr sinnlos hinunter, das Blut tönte in seinen Ohren. Sara gestiku-lierte, er erkannte nicht, was sie wollte, dann warf sie sich ins hohe Gras. Der einschlagende Blitz nahm Caspar jegliche Sinne. Er hörte das Geräusch des krachenden Baumes noch bevor sich der weiße Fleck auf seiner Netzhaut einbrannte. Er wurde gegen den Ast in seinem Rü-cken gedrückt und die Luft aus seinen Lungen entwich. Seine Haare stellten sich auf und ein Geruch von Ozon stieg ihm in die Nase. Für einen Moment hörte er nichts anderes als sein Atmen, er spürte nicht einmal mehr den Regen auf seiner Haut. Als er die Augen öffnete, sah er nichts. Seine Hände hielten sich nicht mehr fest, irgendetwas unter ihm war auf einmal nicht mehr da und Caspar rutschte ab.

Als er die Augen das nächste Mal öffnete, blickte er auf die festgefrorene Linie eines Blitzes. Dieser schwebte über Saras Gesicht, teilte es längs über ihrer Nase in zwei Hälften. Er presste seine Augen zu, der Blitz blieb auch in der Dunkelheit. Sein Rücken schmerzte, er lang unbe-quem, seine Beine baumelten in der Luft.
„Was ist denn?“, brachte er heraus.
„Du bist nicht bis zum Boden gefallen, du bist einfach nach ein paar Metern auf breiten Ästen liegen geblieben.“, hörte er Saras Stimme in seinen Ohren. Sie klang blechern und viel zu weit weg dafür, dass er sie gerade vor sich gesehen hatte.
„Nein, ich meine… was ist denn…“, setzte er an und versuchte, sich umzublicken, ihm war schwindelig.
Sara saß neben ihm auf einem anderen Ast, die Knie angezogen und die Füße auf seine Ober-schenkel gestellt. Er selbst lag gegen den Stamm gelehnt und auf einer Astgabel, unbequem aber gesichert. Sara schob ein Blätterdickicht zur Seite und gab den Blick frei auf die Wiese und eine brennende Fichte, die wenige Meter entfernt den Hügel hinauf stand. Caspar fuhr den Baum mit seinen Blicken ab und schaffte es so, das abklingende Abbild des Blitzes auf seiner Iris mit dem gespaltenen Stamm vor ihm in Einklang zu bringen.
„Wusstest du, dass das passieren würde?“, fragte er.
„Nein. Nein, das nicht.“, sagte Sara und sah genau wie er auf dieses seltsame Bild hinaus.

Bis sie von der Buche herabgeklettert waren, war der Sturm abgeklungen. Langsam gingen sie auf den immer noch brennenden Baum zu, starrten zu seiner glimmenden geknickten Spitze hinauf. Wasserdampf stieg zischend von den Flammen auf, es roch nach verbranntem Holz und Nadeln. Zu sehen, wie die Flammen sich aus dem trockenen Inneren des gebrochenen Stammes speisten, aber nicht in die getränkte Umgebung übergreifen konnten, machte Caspar sprachlos. Sie standen bei dem Baum, bis das Feuer zwei schwelende Teilstücke zurückgelas-sen hatte. Danach gingen sie langsam durch die Wiese, zurück zum Weg. Sie beide fuhren mit nach außen gekehrten Handflächen die Spitzen der Gräser entlang.
„Ich denke darüber nach, was das jetzt für mich bedeutet“, begann Caspar.
„Der Blitz?“, fragte sie.
„Das Gewitter, der Baum, der Blitz. Du. Das alles.“, sagte er. Sie schwiegen eine Weile und horchten auf das Knirschen der klumpigen Kiesel unter ihren Schuhen.
„Nein, ich glaube, da steckt nicht viel mehr dahinter“, sagte Sara schließlich. „Das ist einfach passiert.“
Sie sah ihm ins Gesicht und lächelte. Er wich ihrem Blick schnell aus und musste dann selbst grinsen. Das Blau ihrer Augen hallte ihm nach.
„Darf ich dich nach Hause bringen?“, fragte er.
„Ja, dass darfst du.“, sagte sie.
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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon börnie » 31. Mai 2012, 07:49

Letztens hab ich ja gemeckert, weil mir die minütiösen Landschafts-und Wetterbeschreibungen zuviel waren, hier passts meiner Meinung nach aber wieder genau, du bringst die Atmosphäre des Regens samt Gewitter in allen Stadien wirklich sehr gut rüber. Vor allem sind diesmal auch besonders schöne Bilder dabei (Die "Klinge aus Regen, die über die Wiese mäht" als ein Beispiel von etlichen, die mir sehr positiv aufgefallen sind.)
(Sicher, du lässt auch hier deine Protags wieder nass werden und schwitzen, und es ist wieder eine klassische "boy meets girl" Geschichte. Aber eine ausgesprochen lesenswerte, und wenigstens darf der junge Held das Mädchen diesmal nach Hause bringen :) )

Beim dramatischen Höhepunkt, dem Einschlagen des Blitzes, war ich ein bisschen verwirrt: Erst läuft das Mädchen auf die Wiese, dann ist sie auf einmal neben ihm, dann sieht er den Blitz zuerst direkt über ihrem Gesicht, dann sieht er , dass der Blitz die Fichte getroffen hat. Oder so.

Für mich war die Passage also etwas unklar formuliert, aber es kann ja sein, dass du das absichtlich so geschrieben hast, um die Szene surrealer wirken zu lassen.
Auf alle Fälle fand ich ganz grundsätzlich auch die Idee klasse, zwei Menschen sich während eines heftigen Gewitters begegnen zu lassen, also gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft mit so einer massiven, elementaren Situation zu konfrontieren. Und dann der Blitz, der in den Baum einschlägt. Oft sagen ja auch Verliebte: Es hat eingeschlagen wie der Blitz. Also, da hast du in starken, leidenschaftlichen Metaphern geschrieben, Dennis. Und stilsicher. Gerade die sprachliche Umsetzung finde ich in dieser Geschichte wieder einmal besonders gelungen.
Perfekt wird es nicht leicht haben beim Duell mit dir ;)
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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Jacob Nomus » 31. Mai 2012, 09:12

Bei dieser Geschichte hätte ich einen ganzen Sack Eselsohren, von der Beschreibung der Umgebung, die, obwohl detailliert, sich mir nicht ganz erschloss, Ping Pong-Sequenzen à la "fragte sie, fragte er, sagte sie, sagte er" (vielleicht besser: "erwiderte er"?), bis hin zu Rechtschreibefehlern à la "dass darfst du" (lispelt Sara?) und stilistischen Unfeinheiten wie z.B. "Caspar wusste, dass ... Stattdessen blieb er einfach sitzen ..." (Caspar blieb also sitzen anstatt zu wissen? Vielleicht besser: "Er blieb also einfach sitzen").

Dass Caspar einen Glückskuss von der ihm unbekannten Sara wünscht, kommt etwas überraschend, er fand sie bis dahin schließlich nur "warm". Da das Ablehnen des Kusses für das Ende wichtig ist, würde ich die Geste abschwächen, sie weniger intim, eher spielerisch als Ausdruck der Sympathie skizzieren, z.B. „Krieg ich einen Glückskuss?“, fragte er und hielt ihr die Wange hin.

Dass Sara den Schutz der Buche verlassen und auf die Wiese laufen muss, um von Caspar gesehen werden zu können, ist nachvollziehbar, der Grund ihres Verhaltens ist weniger klar, hatte sie ihn doch einen Moment vorher nicht abgehalten. Sollte diese Änderung andeuten, dass sich Sara plötzlich sorgt und sich damit Caspars Bedeutung für sie gewandelt hat?

Die Beschreibung der Wolken und des Regens finde ich gelungen, wie auch die Grundstimmung der Geschichte. Rein technisch würde ich sie allerdings eher als Rohentwurf sehen, ein paar Tage liegen lassen und dann noch mal mit dem Bügeleisen rangehen. :)

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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Crimson » 31. Mai 2012, 11:16

Vielen Dank für die Kommentare. Das ist auch wie üblich noch ein Rohentwurf, mehr Zeit zum liegenlassen hatte ich noch nicht. Die Wiederholungsstrukturen in der Beschreibung der Rede sind mir auch aufgefallen, aber statt zu blumig wollte ich es erstmal zu spröde lassen, wird aber noch austariert.

Zu der Blitzbeschreibung: Die Szene soll tatsächlich konfus sein, allerdings muss da noch ein wenig Struktur sein. An sich ist das so gedacht: Sie "fühlt" den Blitzeinschlag vor, daher kommt sie auf die Wiese - der Blitz schlägt ein (nicht in seinen Baum), er wird so davon überrascht, dass er die Orientierung verliert und runterfällt - Absatz - Er hängt im Baum, sie ist hochgeklettert, es dürften wahrscheinlich 2 Minuten oder so vergangen sein, die nicht beschrieben werden - er hat noch das Nachbild des Blitzes auf der Netzhaut, er schwebt also sozusagen die ganze Zeit vor seinem Gesichtsfeld.

Zu dem Kuss: Der soll auch genau so gemeint sein, eher scherzhaft, wobei das besser rauskommen muss. Der Dialog zwischen den beiden Figuren ist sicherlich nicht realistisch, keiner würde bei einer ersten Begegnung so "flirten", wenn man es so nennen will. Soll auch nicht so gemeint sein, die Rede ist eher exemplarisch und verkürzt. Aber dennoch, an der Stelle muss klarer werden, dass er nicht ernsthaft einen Kuss erwartet.
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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon börnie » 1. Jun 2012, 19:26

Die "Kussfrage" hat mich nicht gestört. (Allerdings hat Jacob mit seinen klugen Argusaugen bei noch näherer Betrachtung der Geschichte in vielem, was er sagt, durchaus recht.)
Dass sich die Geschichte so ausschließlich gegenwärtig abspielt, finde ich aber reizvoll: Man weiß nicht woher die Protags kommen oder wohin sie gehen, erfährt nichts näheres über sie. Ich finde, hier passt das gut, es fokussiert das Ganze. Und Wetter beschreiben ist echt dein Ding Dennis, falls du in deinem Beruf mal nix findest, wechsle unbedingt zum Fach Meteorologie :P

Habe auch Perfekts Geschichte gelesen, komme aber nicht mehr zum Abstimmen. Sie schreibt auch gut, finde ich. Lade sie doch hierher ein, wenn du magst.
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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Lies » 2. Jun 2012, 07:02

ich dagegen liebe Crimsons Beschreibungen der Umgebung seiner Protags, denn das geht mir völlig ab, ich vermeide es also tunlichst, dem Leser aufs Auge zu drücken,wo sich meine handelnden Figuren gerade aufhalten.
Ich springe mitten ins - zumeist sehr realistische Geschehen - meiner Figuren, denn das ist mein Hauptthema.

Womit ich aber gar nicht zurecht komme, das sind Sätze wie dieser:

Das Blau ihrer Augen hallte ihm nach.


das ist dann für mich sinnbefreit und ich denke eher darüber nach, was damit wohl gemeint sein mag.

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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Crimson » 4. Jun 2012, 10:44

Liebe Lies,

der Satz ergibt wirklich keinen Sinn, da fehlt das "in", muss ich noch nachtragen. Und ja, das ist schon sehr prosaisch, gemeint ist damit das Gefühl, dass etwas nachwirkt. Er sieht also ihre blauen Augen und das Bild ist für ihn so stark, dass er sie auch noch sieht, wenn er seine Augen schließt. So wars gemeint. Aber den Satz werde ich sicher nochmal überdenken ;)
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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Lies » 4. Jun 2012, 12:55

okay Dennis, dass ich bei dem Begriff *hallen* eher an Töne denke, ist dann sicher eher mein Ding. Dir wird sicher noch etwas einfallen.

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Re: Bei spätem Regen (2012)

Beitragvon Jacob Nomus » 5. Jun 2012, 07:39

Panta rhei. - Ich finde diesen griechischen Satz klasse. Ein Gedanke, kurz und bündig ausgedrückt. Aber können Steine fließen? Eine Frage, die Präzisierung fordert und meines Erachtens einen kurzen Satz länger gestalten würde, ohne einen inhaltlichen Mehrwert zu erzeugen.

Nun "hallt" das Blau von Augen in einem Protagonisten nach. Kann eine Farbe, gebrochenes Licht das auf eine Netzhaut trifft und als ein Farbton in seiner Ausprägung subjektiv wahrgenommen wird, nachhallen?

Ich finde die von Dennis gewählte Verbindung von Klang und Farbe ok, würde doch auch hier eine weitere Präzisierung keinen inhaltlichen Mehrwert erzeugen. Das Verb "hallen" suggeriert einen leeren Raum, physikalisch betrachtet dem Protagonisten nicht zu wünschen, aber auf seine Gefühle bezogen hat die Wortwahl doch was. :)

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