Was bleibt

Was bleibt

Beitragvon murkele » 9. Feb 2012, 23:44

Auch von mir gibt es "Eine flüchtige Begegnung":

Benutzeravatar
murkele
 
Beiträge: 551
Registriert: 07.2010
Highscores: 46
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon murkele » 9. Feb 2012, 23:46

Auf besonderen Wunsch von Lies hier auch als Reintextversion:

Die Zeit tröpfelt mit jedem Ticken der alten Standuhr dahin, bildet ein Rinnsal, das beständig anschwillt, zu Stunden, Tagen, Wochen. Und doch steht sie still. Dieselbe verblichene Farbe an den Wänden, dieselben längst gelesenen Bücher im Regal, dieselben hellen Flecken über dem Sekretär, Zeugnis vergangener Zeiten, als es noch Spaß machte zu fotografieren.
Im Raum ist es stickig, in der ganzen Wohnung lauern Staub und Erinnerung, die Fenster fest verschlossen vor der äußeren Welt, Sicherheit im Inneren. Und doch gibt es keinen endgültigen Rückzug, manchmal muss sie hinaus, Pflicht und Notwendigkeit, und kaum hat sie ihre Festung verlassen, reißt sie der Strom mit sich.
Sie lässt sich treiben von der Menge, ziellos, orientierungslos. Bis ihr wieder einfällt, weshalb sie draußen ist, schaut sie in Gesichter, vielfältige Gesichter, alte, junge, doch sie sieht nur graue, leere Flächen, eine wie die andere, will nichts anderes sehen wie auch sie nicht gesehen werden möchte.
Doch dann, unvermittelt, ist alles anders.
Eines der Gesichter in der Menge vor ihr hält ihren Blick gefangen, beschwört Erinnerungen herauf, schmerzvolle, verdrängte Erinnerungen an eine Zeit, da sie noch eine Zukunft zu haben glaubte.
Sie schaut genauer hin, sucht in diesen vertrauten Zügen nach Unterschieden, doch sie findet nur das wieder, was sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat. Konnte das wirklich …? Jäh erwacht etwas in ihr, reißt sie aus ihrer Lethargie und lässt sie Hoffnung schöpfen, Zuversicht, dass alles anders werden kann. Noch nicht zu spät.
„Du darfst es nicht wegmachen lassen, hörst du?“ Sie packt den Arm der vertrauten Fremden. „Frag nicht wieso, aber hör nicht auf ihn. Er ist es nicht wert. Das einzige, das zählt, ist das Kind.“ Die Worte sprudeln nur so aus ihr heraus, eine Salve aus guten Ratschlägen, um die alten Fehler zu vermeiden, und sie bemerkt nicht, dass die andere Frau zurückweicht, Überraschung und Angst im Blick schaut diese sich hastig um, doch niemand reagiert auf dieses Zusammentreffen von Alt und Jung, Gegenwart und Vergangenheit.
„Bitte“, sie streckt eine Hand aus, „hör mich an …“
„Gehen Sie weg!“ Die junge Frau reißt sich los und rennt den Weg zurück, den sie gekommen war.
„Nein, bitte … du darfst nicht …“ Doch da ist niemand mehr, der ihre Worte hört. Inmitten der vorbeihastenden Menschenmenge steht sie allein und sieht ihrer letzten Hoffnung nach. Zu spät.

Sie knallt die Wohnungstür zu und lehnt sich dagegen. Rückhalt. Ihr Atem beruhigt sich, ihr Herzschlag passt sich allmählich dem Ticken der Standuhr an. Sie wollte spazierengehen, um den Kopf frei zu bekommen, über ihre Situation nachzudenken – stattdessen hat diese seltsame Alte sie nur noch mehr verwirrt. Und es gelingt ihr einfach nicht, sie aus dem Kopf zu bekommen. Vielleicht war diese Begegnung das, wonach sie gesucht hat.
„Woher wusste sie von dir?“ Sie legt eine Hand auf den Bauch. „Wie konnte sie wissen, dass …?“
Über dem Sekretär erzählen Fotos von schöneren Zeiten. Jugendzeit. Kinderzeit. Und noch soviel Platz für weitere Fotos. Sie lächelt.
Benutzeravatar
murkele
 
Beiträge: 551
Registriert: 07.2010
Highscores: 46
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon murkele » 10. Feb 2012, 00:17

Vielleicht noch kurz zur Erklärung: Den Anfang hatte ich schon mal auf BX eingestellt - es war anlässlich einer Charity-Aktion, jedes Buch brachte Geld. Aber ich kam nie über den Anfang hinaus.
Ist ja auch kein Wunder, ich brauchte dazu schließlich Garlins Themenvorgabe. ;)))
Benutzeravatar
murkele
 
Beiträge: 551
Registriert: 07.2010
Highscores: 46
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon Lies » 10. Feb 2012, 02:34

Danke Claudia...habs mitgenommen und kann das jetzt auf meinem PC für die alten Augen so gross stellen wie ich mag.

Lies
Benutzeravatar
Lies
 
Beiträge: 2116
Registriert: 07.2010
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon Lies » 10. Feb 2012, 18:00

Ich lese was geschieht, erkenne aber nicht, wer die Alte ist und wer die Junge, die gerade eine Abtreibung beabsichtigt.

Die Alte geht also raus aus ihrer stickigen Wohnung, erkennt in der Menge eine junge Frau, von der sie fast hellseherisch annimmt, dass sie in derselben Situation sein muss, in der sie selbst einmal war.

Und dann komme ich ins Schwimmen, also noch einmal lesen um die Sprünge von Person zu Person richtig mitzukriegen.
Bingo, da war es dann das *Verstehen*. Das Thema wurde getroffen, eine flüchtige Begegnung wird zur Richtschnur für eine wichtige Entscheidung.

Richtig gut wäre es dann, wenn die handelnden Personen präziser voneinander zu unterscheiden wären.
Aber vielleicht sehe auch ich das nur so, warten wir mal ab, ob es andere Sichtweisen gibt.

Lies
Benutzeravatar
Lies
 
Beiträge: 2116
Registriert: 07.2010
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon Garlin » 13. Feb 2012, 18:09

Zeitschleife

Der erste Satz ist ein wunderbares Bild und der 2. (für mich) der Schlüssel des Rätsels: 'Und doch steht sie still.'
'Sie' schaut in einen Spiegel und sieht - sich. Verloren im Strudel der Zeit, lange, bevor es keine Zukunft mehr für sie gab, bevor sie den verhängnisvollen Fehler beging.
Wer ist wer? Was ist Ursache, was Wirkung? Ich erkenne nur eine einzige Person, die sich sozusagen selbst begegnet. Sie ist jung und alt zugleich. Sie ist sie selbst.
Eine rätselhafte Geschichte, einfühlsam und erschreckend zugleich, denn jeder könnte aus der Zeit fallen!
Benutzeravatar
Garlin
 
Beiträge: 243
Registriert: 08.2010
Geschlecht: männlich

Re: Was bleibt

Beitragvon börnie » 15. Feb 2012, 09:53

Ein so intensives, in sich geschlossenes und beklemmendes Stimmungsbild auf so wenigen Seiten (das ist auch eine Kunst ;-))

Die Perspektivenverschiebung am Ende (die Alte geht hinaus, die Junge geht hinein) stört den Text nicht, im Gegenteil, lockert ihn auf und sorgt für eine Art Spezialeffekt am Schluß.

Entscheidungen, die das ganze Leben so belasten können, dass es nur mehr leblos dahindümpelt-die gibt es, und eine Abtreibung gehört da sicher dazu.

Das hast du sehr anschaulich, dicht und auch schreiberisch wie gewohnt gekonnt skizziert. (Ich fand zumindest an der Schreibe nix auszusetzen :fooli011: )


(Damals, als diese alte Frau jung war, gabs wahrscheinlich auch die umfangreichen psychologischen Betreuungsangebote nicht, die es heutzutage für Frauen gibt, die sich zu diesem schweren Schritt entscheiden. Und Rückhalt von Partner, Familie, Freunden etc. hatte sie wohl auch nicht. Sonst hätte sie das Ganze vielleicht bessser verkraftet.)

Ein Hoch auf Garlin und sein Thema also-sonst wär ja der Text in der Art und Weise nie vollendet worden :fooli005:
Benutzeravatar
börnie
 
Beiträge: 1297
Registriert: 08.2010
Geschlecht: weiblich

Re: Was bleibt

Beitragvon Crimson » 15. Feb 2012, 20:07

Ein sehr ambivalenter Text, man könnte ihn als das Gespräch eines älteren mit seinem jüngeren Ich deuten, aber auch als imaginäre Begegnung einer Mutter mit ihrer abgetriebenen Tochter (mein erster Gedanke), natürlich aber auch als Begegnung einer tatsächlich Fremden, die in einem Moment zu einer Art Medium wird. So oder so, der Text zieht mich rein, funktioniert sowohl in Inhalt als auch Stil, die Sprache ist dicht und passend. Das Thema flüchtige Begegnung ist hier ebenfalls sehr gut umgesetzt, wie ich finde.
Benutzeravatar
Crimson
 
Beiträge: 626
Registriert: 07.2010
Highscores: 3
Geschlecht: männlich

Re: Was bleibt

Beitragvon gnies.retniw » 17. Feb 2012, 22:52

„Was bleibt“ ist eine kleine Geschichte, die in diesen kurzen Sätzen vor und zurück ein (ganzes) Leben erzählt. Die Autorin kommt mit wenigen Erklärungen aus, denn in der Verdichtung der Geschichte entfaltet sich die Gefühlsbreite beim Leser. Der Text scheint durch das Bild mit der Standuhr abgeschlossen zu sein, lässt jedoch durch den gekonnten Schluss „…Und noch soviel Platz für weitere Fotos. Sie lächelt.“ den Blick in die Zukunft offen.

Die Verlagerung des Fokus’ von der *SIE* als Protagonistin der Geschichte auf die „vertraute Fremde“ empfinde ich als besonders gelungen. Da dies fast beiläufig geschieht, bekommt der Text für mich eine Tiefe, die es noch lange auszuloten gilt. Das „…Zusammentreffen von Alt und Jung, Gegenwart und Vergangenheit.“ und Zukunft ist hier als flüchtige Begegnung brillant dargestellt.

Lieben Gruß von Signe
Benutzeravatar
gnies.retniw
 
Beiträge: 47
Registriert: 02.2012
Geschlecht: weiblich


Zurück zu "Claudia Starke"

 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron