Strohfeuer

Strohfeuer

Beitragvon murkele » 24. Jun 2012, 22:48

Was Drachen nicht alles auslösen können - zumindest was meinen Kopf betrifft. ;)

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murkele
 
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Re: Strohfeuer

Beitragvon murkele » 25. Jun 2012, 09:09

Und hier die Reintextversion:

Die Sonne hatte den Zenit nahezu erklommen, als Melchior Merthewien das Haupthaus in Richtung der Stallungen verließ. Er schwitzte und ihn plagten Kopfschmerzen, hatte er doch am Vorabend dem Wein allzu reichlich zugesprochen. Dennoch fühlte er sich bemüßigt, seinen edlen Hengst auszureiten, denn das Tier brauchte Bewegung und er selber wollte gesehen werden. Schließlich war er der einzige, dem solch ein wertvolles Tier zu eigen war.
Er war noch kaum drei Schritte von der Stalltür entfernt, als jemand aus den Haselbüschen neben dem Gebäude trat.
„Du?“, fuhr er auf. „Du hast hier nichts zu suchen!“
Der Angesprochene, ein junger schlaksiger Mann mit blonden schulterlangen Locken, trat Merthewien in den Weg. „Ich habe jedes Recht, meinen Vater zu sehen.“
„Nenn mich nicht Vater, Hundsfott! Ich sagte dir schon einmal, dass ich nicht dein Vater bin, denn deine Mutter, die Metze, hat mir nie beigewohnt. Darauf schwör ich jeden Eid. Soll mir erst jemand das Gegenteil beweisen. Und nun mach dich fort!“ Er wedelte ungeduldig mit der Hand.
„Ich legte Hoffnung in die Worte, dass Blut dicker als Wasser sei, doch mir scheint, ich habe mich geirrt.“ Der junge Mann senkte den Kopf und trat beiseite.
Merthewien hörte längst nicht mehr zu, öffnete die Stalltür und trat ein.
Als ein Wiehern, ein Schrei und lautes Poltern aus dem Inneren erklangen, war der junge Mann längst im Wald verschwunden.

„Herr Bürgermeister? Er ist angekommen. Soll ich ihn hereinführen?“
Jeronimus Jaenchen zuckte zusammen. „Schon?“, entfuhr es ihm. „Äh, ich meine, endlich.“ Er zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn ab. „Möge er eintreten.“
Als ein großer, hagerer Mann mit Raubvogelnase und langen schwarzen Haaren eintrat, erhob sich der kleine, dicke Bürgermeister und trippelte um seinen Schreibtisch herum auf den Ankömmling zu. „Willkommen, werter Herr Marderhaar, setzt Euch, setzt Euch.“ Jaenchen deutete auf einen gepolsterten Stuhl vor dem Schreibtisch und wischte sich verstohlen die schweißnassen Hände an seinem Taschentuch ab, ehe er die Rechte zur Begrüßung ausstreckte.
Doch Merten Marderhaar hob lediglich die rechte Augenbraue, nickte Jaenchen zu und nahm Platz.
Der Bürgermeister versuchte ein Lächeln, dass gänzlich misslang. „Auch gut“, murmelte er und trippelte zurück zu seinem Sitzplatz.
„Hattet Ihr eine gute Reise?“, fragte er, als sich beide gegenübersaßen.
„Da ich bezweifle, dass die Umstände meiner Reise Euch auch nur im Geringsten interessieren, können wir diese Art der Konversation überspringen und gleich zu Eurem Anliegen kommen. Weshalb ließet Ihr mich rufen?“
„Ich, ähm …“ Jaenchen kramte in den Papieren auf seinem Tisch.
„Vielleicht könntet Ihr mir doch zuerst sagen, was genau Euch an meiner Anwesenheit so nervös macht.“
Mit großen Augen starrte Jaenchen Marderhaar an. „Nervös? Ich? Mitnichten!“
„Ihr habt Schweißtropfen auf der Stirn und über der Oberlippe, könnt mir nicht in die Augen sehen und dreht unablässig Euren Siegelring am Finger.“
Der Bürgermeister atmete tief durch. „Es ist Euer Ruf, der mich nervös macht. Ihr sollt sehr gut darin sein, Leute zu durchschauen.“
„So ist es wohl der falsche Ruf, der mir vorauseilt.“
„Der falsche?“
„Der falsche. Denn ich bin nicht nur sehr gut in meinem Metier, ich bin der Beste. Doch wenn das, was Ihr vor mir zu verbergen trachtet, keine Rolle für meine Angelegenheiten hier spielt, so braucht Ihr nichts zu befürchten. Nebensächlichkeiten interessieren mich nicht, halten sie mich doch nur unnötig auf. Deshalb wäre ich Euch sehr verbunden, wenn Ihr endlich zur Sache kämt.“
„Ja, ja, sofort“, erwiderte Jaenchen, eilfertig nickend. „Gleich hab ich's.“ Er packte einen Stapel Papiere, die er Marderhaar reichte. „Hier sind die nötigen Unterlagen.“ Dann zog er aus einer Schublade einen Lederbeutel hervor und reichte diesen ebenfalls seinem Gegenüber. „Und hier eine Anzahlung, für Eure Auslagen. Falls Ihr mehr benötigen solltet …“
Marderhaar legte die Papiere zur Seite, nahm den Beutel und öffnete ihn mit spitzen Fingern. „Nicht nötig“, entgegnete er nach einem Blick in dessen Inneres. „Dies dürfte für den Anfang genügen.“ Er ließ den Beutel in seiner Ledertasche verschwinden. „Und nun würde ich es begrüßen, wenn Ihr mir in kurzen Worten zusammenfasst, welches Geschehen Anlass für meine Arbeit hier ist.“
„Es geht um den Tod des Melchior Merthewien. Er ist …“, Jaenchen räusperte sich, „er war einer der reichsten Gutshofbesitzer hier im Umland. Er wurde vor vier Tagen von seinem Stallknecht tot im Stall gefunden. In seinem eigenen Blut lag er vor der Box seines Reitpferds, das gesattelt bereit stand. Niemand hat etwas gehört oder gesehen, doch es hatte auch niemand in der Nähe zu tun gehabt.“
Marderhaar nahm das erste Blatt von dem Papierstapel und studierte es gründlich. „Nun, mir scheint, Merthewien war alt, fett und dem Wein überaus zugetan. Da scheint es doch eher verwunderlich, dass er nicht schon zu einem früheren Zeitpunkt umgefallen ist. Was ist der Grund meines Hierseins?“
„Das Erbe.“
„Hm, das Erbe dürfte seiner Familie zufallen.“
„Er war nicht verheiratet. Noch nicht. Und Nachkommen gab es auch keine.“
„Nun, dann dürfte der Schulze in den Genuss des Erbes kommen. Und somit auch Ihr.“
„Es gibt ein Testament.“
„Muss man Euch alles aus der Nase ziehen? Ich habe meine Zeit nicht gestohlen.“
Jaenchen schnappte nach Luft. „Verzeiht, Herr Marderhaar! Es existiert ein Testament, nach welchem das Erbe Caspar Crisandt, dem illegitimen Sohn des Herrn Merthewien zufällt.“
„Soeben sagtet Ihr doch, es gäbe keine Nachkommen.“
„Die gibt es auch nicht. Jedenfalls hat Merthewien ebendieses stets geäußert. Nun steht aber in dem Testament, das bei den persönlichen Unterlagen des Verschiedenen gefunden wurde, dass es da doch einen jungen Mann gibt, der aus einer geheimgehaltenen Beziehung stammt. Und dieser erbt. Noch nicht einmal Merthewiens Frau wusste davon.“
„Ihr sagtet, er sei nicht verheiratet gewesen.“
„Seine Verlobte – er lebte bereits so lange schon mit ihr auf seinem Hof, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass es noch keine Trauung gegeben hat.“
„Ein illegitimer Sohn, eine amoralische Buhlschaft – klingt, als wäre Merthewien keinerlei leiblichen Genüssen abhold gewesen. Und Ihr – oder wer immer meine Anwesenheit hier wünscht – denkt vermutlich, dass das Testament eine Fälschung ist.“
„Richtig. Würdet Ihr es Euch ansehen? Man sagt, keine Fälschung hält Eurem Auge stand.“
„Gewiss.“ Marderhaar erhob sich. „Allerdings wäre mir daran gelegen, vorher den Tatort zu besichtigen.“
„Tatort?“
„Bei einem Mann mit derartigem Lebenswandel erwartet man zwar, dass er tot umfällt, weil sein Herz aussetzt, doch er dürfte dann kaum noch bluten, selbst wenn er sich den Kopf aufschlägt. Wenn das Herz stehenbleibt, stoppt auch der Blutfluss. Mich interessiert also, welcher Art die Blutlache war, in der man ihn fand.“
„Oh, ach so, ja ja …“ Jaenchen sprang auf. „Ich lasse Euch umgehend auf Gut Merthewien bringen.“

Als die Kutsche auf den Hof fuhr, wurde Marderhaar von zwei Personen erwartet: einem älteren, kleinen Mann und einer sehr jungen, leidlich hübschen Frau.
Als Marderhaar die Kutsche verließ, trat die Frau zögernd näher. „Ihr müsst Herr Marderhaar sein – der Bürgermeister hatte angedeutet, dass Ihr Euch der Angelegenheit annehmen würdet.“
„Eure Kleidung ist nicht die einer Magd, also müsst Ihr, entgegen Eures Alters, seine Buhle sein.“
„Seine Verlobte, ja“, stotterte die junge Frau. „Ich …“
„Ihr seid vermutlich glücklich, einer Heirat mit diesem alten Sack entgangen zu sein, auch wenn dies bedeutet, dass Ihr zu Eurer armseligen Familie zurückkehren müsst. Doch zumindest muss das Brautgeld nicht zurückbezahlt werden.“
Obwohl sie den Kopf senkte, bemerkte Marderhaar die Röte, die ihre Wangen überzog. „Nun, vielleicht gelingt es Euch ja, dem Sohn, der altersmäßig besser zu Euch passen dürfte, schöne Augen zu machen, und er behält Euch hier. Wie dem auch sei …“, er wandte sich an den Mann, „Ihr seid vermutlich der Stallknecht. Eure Kleidung weist zumindest nicht auf eine Familienzugehörigkeit hin, dazu ist sie zu armselig. Wenn ich nun also den Stall besichtigen dürfte …“
Der Mann nickte eilfertig. „Natürlich, sofort, wenn Ihr mir folgen wollt.“

Das erste, was Marderhaar ins Auge fiel, war eine große Blutlache neben der Futterkiste. „Hier hat er gelegen?“
„Ja.“
„Er wird sich den Kopf an der Kiste aufgeschlagen haben und dann verblutet sein. Fraglich ist, weshalb er überhaupt stürzte.“
In der Box direkt neben dem Eingang stand ein prächtiger Rappe, der unruhig tänzelte.
„Ist er immer so nervös?“
„Nein, Herr, er ist eigentlich lammfromm. Aber seit dem Unglück ist er nicht mehr zu beruhigen. Mag sein, er vermisst seinen Herrn.“
„Wohl kaum. Er dürfte froh sein, den Fettsack nicht mehr tragen zu müssen.“
Marderhaar trat näher an die Box und warf einen Blick hinein. Durch das Stroh am Boden sah er eine schwarze Stelle und zog die Augenbrauen zusammen. Irgendetwas … Er schüttelte den Kopf. Aussichtslos, er würde zu einem anderen Zeitpunkt wiederkommen müssen. Abrupt wandte er sich um. „Es ist schon spät und ich habe eine lange Reise hinter mir. Ich werde mich morgen noch einmal genauer umsehen.“ Er nickte dem Knecht zu und ging zurück zur Kutsche. Nichts als vertane Zeit.

In der Dunkelheit öffnete sich leise quietschend ein Fenster.
„Du kommst spät.“
„Verzeih, Merten, doch in der anderen Welt gab es Aufruhr. Jemand hat eine verbotene Pforte geöffnet und auch benutzt, deshalb musste geprüft werden, wer sich womöglich unrechtmäßig entfernt hat.“
„Du hast einen Erlaubnisschein, das ist jedermann bekannt.“
„In der Tat – und doch musste ich eine Befragung über mich ergehen lassen. Bislang hat alles nichts gebracht, niemand weiß, wer …“
„Spielt dies für unseren Fall eine Rolle?“
„Ich weiß noch nicht einmal, welcher Art unser Fall ist. Wie kann ich da wissen, ob …“
„Es handelt sich um einen Mord. Und du musst mir sagen, wie er es gemacht hat. Alles andere kann warten.“
„Natürlich. Könntest du mich vielleicht rasch in Kenntnis setzen?“
„Morgen. Ich bin müde. Du hast mich schließlich lange genug warten lassen.“
„Ja, Merten – gute Nacht.“

Ein Klopfen an der Tür weckte Marderhaar. „Wer da?“, fragte er ungehalten.
„Verzeiht, wenn ich Euch wecke, doch der Bürgermeister schickt Euch eine eilige Botschaft. Ich soll sie Euch umgehend …“
Marderhaar sprang aus dem Bett, lief mit großen Schritten zur Tür und riss sie auf. „Gib schon her!“, raunzte er den Wirt an.
„Ja, Herr.“ Mit zitternden Händen reichte dieser ihm einen Umschlag. „Der Bürgermeister lässt ausrichten, dass er Euch damit einen Weg abnehmen möchte.“
„Hm, danke“, brummte Marderhaar und knallte die Tür wieder zu.
„Was ist das für ein Brief?“ Auf der Fensterbank erhob sich eine fingerlange Gestalt.
„Vermutlich das Testament.“ Marderhaar öffnete den Umschlag und zog einen einzelnen, beschriebenen Briefbogen hervor. „In der Tat – hier, lies.“
„Nicht nötig, ich kann dir auch so sagen, dass dem Schreiben Magie innewohnt. Was immer es besagt, es ist eine Fälschung.“
„Das dachte ich mir. Und wärest du bereits gestern zur Stelle gewesen, hätten wir diesen Fall längst hinter uns.“
„Ich erklärte dir doch …“
„Als ich dich damals rettete, hätte ich ahnen müssen, dass Kobolde nur Ärger machen.“
„Wie bitte? Ich …“
„Mein lieber Daunenstert, leg doch nicht jedes meiner Worte auf eine Goldwaage. Nun kennen wir uns bereits so lange und du nimmst mich immer noch ernst. Ich habe einfach keine Lust, länger in diesem Kaff zu bleiben als unbedingt nötig.“
„Könntest du mich dann endlich mal in Kenntnis setzen?“

Als Marderhaar zum zweiten Mal den Stall betrat, war Daunenstert bei ihm, verborgen in dem hohen Kragen der Jacke und den langen schwarzen Haaren des Mannes. Der Stallknecht wartete auf Geheiß Marderhaars draußen.
„Und?“
„Schwer zu sagen“, antwortete der Kobold. „Es ist zu lange her, als das noch eine deutliche Spur von Magie zu spüren sein könnte. Allein, ich rieche etwas …“
Marderhaar nickte. „Auch mir war so. In der Box des Rappen ist ein schwarzer Fleck auf dem Boden. Ich dachte gleich an einen Brandfleck.“
„Und der Rappe dürfte es ebenfalls riechen. Daher die Nervosität.“
„Nun gilt nur noch zu klären, wie dieses Feuer, das den Fettsack allem Anschein nach zum Umfallen gebracht hat, unbemerkt bleiben konnte. Und ich weiß auch schon, wo wir danach fragen werden.“

Die Kate war armselig und eines zukünftigen Gutsherrn kaum würdig. Auf sein Klopfen öffnete eine ausnehmend schöne Frau.
„Seid Ihr Caspar Crisandts Mutter?“
„Die bin ich. Und wer seid Ihr?“
„Ich bin der Mann, der Euch Eurer Untat überführen wird. Nun, da ich Euch von Angesicht zu Angesicht sehe, bin ich sicher, dass Merthewien das Bett mit Euch geteilt hat.“ Er legte den Kopf schief. „Und dass Ihr der Magie kundig seid.“
„Wollt Ihr mich der Hexerei bezichtigen?“
„Nein. Ich bezichtige Euch des Mordes. Euch und Euren Sohn.“
Die Frau maß Marderhaar mit einem abschätzigen Blick. „Ihr redet irr.“ Und schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

„Und du bist dir sicher?“, fragte Marderhaar auf dem Rückweg zur Kutsche.
„Diese Catharina Crisandt ist gewiss eine Hexe, auch wenn sie dieses gut zu verbergen weiß. Und der Umstand, dass eine Hexe in der Nähe einer verbotenerweise geöffneten magischen Pforte zu finden ist, lässt mich darauf schließen, dass sie etwas mit dem Übertritt eines magischen Wesens zu tun hat. Und auch, wenn ich nicht sicher weiß, wer drüben fehlt, so kann ich es mir denken.“
„Nämlich?“
„Merten, bitte, überleg doch mal. Magisches Wesen, Brandfleck, Ohnmacht des Augenzeugen.“
„Ein Drache.“
„Ein Drache. Nun gilt es nur noch, diesen auch zu finden. Frag doch bitte den Kutscher nach Höhlen in der Nähe.“

„Du bist sicher, dass es diese Höhle ist?“
„Nun, zumindest liegt sie abseits genug, als dass man sie versehentlich aufsucht, ist groß genug, um einen Drachen zu beherbergen und …“
„Und? Lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen.“
„Und ich spüre die Drachenmagie.“
„Gut gemacht.“
Jäh erklang aus der Tiefe der Höhle ein Wiehern, gefolgt von bellendem Husten und Fauchen.
Marderhaar hielt inne. „Du bist sicher, dass es ein Drache ist?“
„Geh weiter, dann wirst du es sehen.“
„Immer schickst du mich ins Feld“, brummte Marderhaar und schlich weiter.
„Du bist halt der Größte.“
Wieder erklang das Wiehern, näher dieses Mal, und hinter einer Biegung, wurde Marderhaar des Verursachers ansichtig.
„Woah, der ist ja riesig.“
Im Fackelschein war ein Drache mit flammendroten Schuppen und violetten Flügeln auszumachen, der beinahe an die Höhlendecke stieß, obwohl diese annähernd so hoch wie ein Haus mit sechs Stockwerken sein musste. Das Untier schnaubte und schüttelte den Kopf, ehe er ihn in den Nacken warf und laut wieherte.
„Ich wusste nicht, dass Drachen wiehern“, raunte Marderhaar.
„Das tun sie auch nicht. Normalerweise“, wisperte Daunenstert.
„Und nun?“
„Wir warten.“
„Worauf?“
Hinter ihnen erklang das Geräusch von Schritten.
„Darauf.“
Nur wenig später traten zwei Gestalten um die Biegung: Catharina und Caspar Crisandt.
Der Frau entfuhr ein Schreckensschrei, der glücklicherweise in einem erneuten Drachenwiehern unterging. Der Mann hob einen Knüppel.
„Junge, du wolltest hoffentlich nicht mit diesem armseligen Prügel gegen diese Bestie vorgehen.“ Marderhaar zog die Brauen zusammen.
„Nein, der ist nicht für den Drachen, der ist harmlos, sagt meine Mutter. Hält sich für ein Reitpferd. Aber gegen Euch dürfte er von Nutzen sein.“ Caspar kniff die Lippen zusammen.
„Ein Reitpferd.“ Marderhaar sah hinüber zu dem Drachen. „Wieso hält sich ein Drache für ein Reitpferd.“ Er neigte den Kopf und lachte. „Ein Unfall mit einem Felsbrocken – das erklärt einiges.“
„Was redet Ihr?“
Marderhaar sah den Jungen an. „Ich bin mir noch nicht sicher, welche Rolle du bei dem Ganzen spielst, doch den Drachen hast nicht du gefunden. Das wart Ihr.“ Er wandte sich an Catharina.
„Es war Zufall. Ich fand dieses alte Buch mit der Beschreibung, wie man eine magische Pforte öffnet. Ihr nanntet mich Hexe, doch mein Wissen um Magie ist nur begrenzt. Oder warum sonst lebe ich in Armut, obwohl ich einen der reichsten Männer der Gegend in meinem Bett hatte. Und so nutze ich jede Möglichkeit, mein Wissen zu erweitern. In der anderen Welt fand ich dann dieses dumme Vieh, dass sich allen Ernstes für ein Pferd hielt. Da fiel mir die Eitelkeit des Merthewien ein, der sich auf seinem edlen Rappen stets zur Schau stellte, und ich beschloss, ihm ein noch besseres Reitpferd in seinen Stall zu stellen. Wer nennt schon einen Drachen sein Eigen? Kann ich was dafür, dass dieser Anblick zu viel war?“
„Als er tot war, brauchtet Ihr nur noch dieses gefälschte Testament in sein Haus schmuggeln und wäret für die Zukunft aller Sorgen bar gewesen.“
„Das Testament zu fälschen war eine meiner leichtesten Übungen, dazu war nur wenig Magie nötig. Und diese dumme Buhle des Fettsacks hat nicht einmal gemerkt, dass ich im Haus war.“
„Sie ist nicht dumm!“ Caspar funkelte seine Mutter wütend an. „Du kennst sie überhaupt nicht.“
„Du etwa?“
Caspar nickte. „Ich war oft dort, denn ich wollte, dass mein Vater sich endlich zu mir bekennt. Doch ich traute mich nicht, ihm unter die Augen zu treten. Eines Tages entdeckte sie mich dort und …“ Er errötete und senkte den Blick.
„Wusstest du von den Taten deiner Mutter?“, wandte Marderhaar sich an Caspar.
Erschrocken sah der junge Mann auf. „Gott bewahre, nein. Ich hätte ihn nie … ich wollte lediglich seine Anerkennung, nicht seinen Tod. Ich bin nur hier, um meiner Mutter bei der Beseitigung dieses verwirrten Drachen zu helfen. Ich wusste nicht, wozu sie ihn vorher benutzt hatte.“
Marderhaar nickte. „Du sprichst die Wahrheit. Also seid nur Ihr es, die bestraft werden muss, Catharina Crisandt.“
„Das glaubt auch nur Ihr“, lachte die Frau laut auf. „Wer soll diese Bestrafung denn durchführen? Ihr etwa? Wo Ihr noch nicht einmal in der Lage sein werdet, diese Höhle lebend zu verlassen?“
Ein Schnauben dicht hinter Marderhaar erklang, und als er sich umdrehte, blickte er direkt in das Antlitz des Drachen. „Daunenstert, jetzt!“, schrie Marderhaar und duckte sich.
Jäh blitzte ein grelles Licht auf und mehrere Schemen strömten in die Höhle. Im Nu waren Catharina und Caspar Crisandt gefesselt, während der Drache in Ketten gelegt wurde. Ein letztes Wiehern erklang, bevor sein Maul verschlossen wurde.
Eine der Gestalten trat vor, ein alter Mann mit einem sauber gestutzten, weißen Bart. „Daunenstert Dronicus, Danke für deine Hilfe. Niemand von uns hätte damit gerechnet, dass wir den Drachen so schnell dingfest machen können. Jetzt kann er wieder zurück in seine Welt und seine Erinnerung wiederbekommen. Obwohl – er gäbe ein stattliches Reitpferd ab.“ Der Mann lachte leise. „Doch wir wollen die magische Welt nicht unnötig in Unordnung bringen.“
Auf ein Handzeichen des Alten hin, blitzte wieder das grelle Licht auf und der Drache war verschwunden.
„Nun zu Euch, Merten Marderhaar. Sind diese beiden für das Chaos verantwortlich?“
„Nein, Meister Andronicus, nur die Frau. Sie hat die Pforte geöffnet, den Drachen herübergeholt und mit dessen Hilfe einen Mord begangen. Der Junge wusste von all dem nichts.“
„Nun, wenn sie einen Mord begangen hat, so soll sie vermutlich Eurer Gerichtsbarkeit übergeben werden.“
„Nein, nehmt sie mit. Die von ihr erstrebte Magie möge sie in all ihrer Härte treffen. Für den Jungen wird auch ohne sie trefflich gesorgt sein.“
„Gut, so sei es. Gehabt Euch wohl.“
Ein letzter Blitz und einzig Caspar, Marderhaar und Daunenstert blieben in der riesigen Höhle zurück.
Marderhaar löste die Fesseln des jungen Mannes.
„Und was passiert nun?“, fragte Caspar.
„Gute Frage. Denkst du, es glaubt mir jemand, wenn ich erzähle, dass ein Drache, der sich für ein Reitpferd hielt, deinen Vater durch seine bloße Anwesenheit getötet hat?“
„Äh, nein, wohl eher nicht.“
„Liebst du die Buhle deines Vaters?“
„Ja, ich denke schon.“
„Nun, dann mache sie zu einer ehrbaren Frau.“
„Aber ich hab doch nichts, was ich ihr bieten kann.“
„Du hast einen Gutshof geerbt.“
„Das Testament ist doch gefälscht.“
„Ist es? Ich kann es nicht beweisen und zudem ist deine Mutter fort. Und sie ist die einzige, die sonst noch davon weiß.“
„Ihr meint …“
„Er war dein Vater, dessen bin ich sicher. Also ist es nur recht und billig, wenn du bekommst, was er dir so lange verwehrt hat. Nun geh schon.“ Er wedelte ungeduldig mit der Hand.
„Danke, Herr Marderhaar, Ihr seid wahrlich der Größte.“ Rasch wandte er sich um und lief aus der Höhle.
„Schon der zweite heute, der das von mir sagt“, murmelte Marderhaar.
„Dann muss wohl etwas dran sein.“
„Wie meinen?“
„Nichts, Merten, nichts. Wie kommt es zu deiner Großmütigkeit? Du bekommst doch sonst den Hals nicht voll.“
„Wieso? Mein Geld bekomme ich vom Bürgermeister auf jeden Fall. Ich habe die Umstände geprüft, er muss mit dem Ergebnis, das er bekommt, zufrieden sein, ob es ihm gefällt oder nicht. Außerdem ist der Schulze, der hinter all dem steckt, ein übler Schurke, dem ich nicht gönne, dass er sein Vermögen um diesen Gutshof erweitert. Doch es kann nie schaden, einen reichen Gutshofbesitzer zu kennen, von dem man einen Gefallen einfordern kann.“
„DAS ist der Merten, den ich kenne. Abendessen?“
„Abendessen. Und anschließende Abreise. Lieber schlafe ich in einer schaukelnden Kutsche als noch einmal in dieser zugigen Kammer. Und du zahlst das Bier. Wegen deiner Verspätung.“
„Gerne. Sobald du mich bezahlt hast. Schließlich hab ich den Fall gelöst.“
„Aber ich bin der Größte.“
„So sei es …“
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Re: Strohfeuer

Beitragvon Joringel » 25. Jun 2012, 14:51

Hallo murkele.

Gerade zur rechten Zeit, um die Gedanken auf was Anderes zu lenken. Ich könnte auch wiehern - der Drache gefällt mir sehr gut. Noch besser finde ich die gesamte Geschichte - ein toller Krimi, in alter Zeit spielend. Die Art, wie du die Geschichte erzählst ist genau jene, die mir nicht liegt - nämlich überwiegend in Dialogen. Für die Kürze des Textes finde ich das gut, ein ganzes Buch möchte ich aber so nicht lesen. Das heißt aber nichts, denn ich glaube, genau das würde sich verkaufen lassen.

Aber im Moment hätte ich doch gern etwas mehr Beschreibung vom Drumherum. Deswegen gebe ich eine 4 dafür.

Liebe Grüße
Joringel
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