Irgendwann zu keiner Zeit

Irgendwann zu keiner Zeit

Beitragvon murkele » 25. Apr 2013, 17:04

Irgendwann zu keiner Zeit

„Ähem.“
Seltsam, mir war noch nie aufgefallen, dass Fish sich räuspert, ehe er zu singen beginnt.
Egal, weiter im Text. Mit wenigen Schritten erreichte ich die nächste Tür.
„Hömhöm.“
Wie jetzt? Gleichzeitig singen und räuspern ist eigentlich nicht möglich – muss wohl an der CD liegen.
Sie war … verwirrend. Zahlreiche Farben verliefen ineinander, formten bizarre Muster und erinnerten mich an … nichts. Hm, irgendwie … vielleicht sollte ich doch …
„Och nee, bitte nicht.“
Hä? Wer …? Es war mittlerweile dunkel geworden, einzig der Display meines Laptops erhellte mein Wohnzimmer. Ich sah hoch. An der CD lag es garantiert nicht und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass eine meiner Katzen das Sprechen gelernt hatte. Und auch wenn ich bisweilen zu Selbstgesprächen neige – derart verstellen könnte ich meine Stimme nicht, dass sie mir gänzlich unvertraut in den Ohren klang. Also musste noch jemand im Zimmer sein. Mist.
Behutsam drehte ich den Kopf.
„Hier bin ich“, erklang es hinter mir.
Ich sprang auf, drehte mich um und sah mich einem Vorhang gegenüber, wie ich ihn aus dem Theater kenne. Nur gibt es in meinem Wohnzimmer weder Bühne noch Vorhang. Eigentlich. Ich beschloss, ihn zu ignorieren. Eine Stimme aus der Dunkelheit, DAS wäre Anlass zur Sorge gewesen, aber ein Vorhang war so absurd, das konnte nur ein Produkt meiner Phantasie sein. Oder ein Indiz dafür, dass ich eingeschlafen war. Vielleicht sollte ich mich wecken.
„Worauf wartest du?“
In der Mitte des Vorhangs öffnete sich ein Spalt, eine kleine, blasse Hand erschien und winkte mich heran. Nun wurde ich neugierig. Immerhin konnte mir in einem Traum nichts geschehen, so dass ich der Aufforderung ruhig folgen konnte. Wecken konnte ich mich immer noch.
Die Hand war wieder verschwunden, also würde es wohl einige Zeit in Anspruch nehmen, den Spalt zu finden, doch der Stoff war federleicht und ich entsprechend rasch auf der anderen Seite.
„Wird auch Zeit. Los jetzt.“ Die Gestalt neben mir war grau und kam mir leidlich bekannt vor mit ihren vier Armen. Vor allem das Gesicht erinnerte mich an Jiminy Grille, Pinocchios Gewissen aus dem Disney Film. Allerdings hatte ich meine kleine graue Grille anders in Erinnerung. Kleiner.
„Man wächst mit seinen Aufgaben“, murmelte die Grille. „Können wir jetzt endlich?“
„Sekunde.“ Erst wollte ich mich umschauen, denn hier war ich noch nie gewesen. Vor mir erstreckte sich ein langer, grauer Gang, dessen Ende sich irgendwo in der Dunkelheit verlor. Es gab unzählige Türen auf beiden Seiten, die in den unterschiedlichsten Farben leuchteten. Und nach jeder Tür zweigten weitere Korridore ab.
Die Grille trat von einem Fuß auf den anderen. „Hast du's endlich?“
„Ich bin mir nicht sicher – wo bin ich? Und warum?“
„Du hast tatsächlich nicht den Schimmer einer Ahnung.“ Er seufzte. „Immer fallen mir die undankbarsten Aufgaben zu.“
„Ach ja? Und was genau ist deine Aufgabe?“
„Dir auf die Sprünge zu helfen.“ Jiminy hüpfte auf mich zu, packte mich am Arm und zog mich mit drei raschen Sprüngen zu der ersten Tür. „Los jetzt.“ Er öffnete die Tür und stieß mich in den Raum dahinter. Eine Herrentoilette.
„He, Moment mal, ich kann doch nicht …“, begehrte ich auf, doch mir wurde die Tür vor der Nase zugeschlagen. „Das ist doch …“
„Endlich“, erklang eine Stimme hinter mir. „Du hast mich lange warten lassen.“
„Äh …“ Okay, ein Treffen auf einer Herrentoilette, warum nicht? Ich hoffte nur, dass derjenige, der da sprach, gerade nicht toilettentypisch tätig war.
Ich drehte mich um und sah mich einem Fremden gegenüber. Komisch, dabei hatte ich neulich erst gelesen, dass man nie von Unbekannten träumte, sondern stets nur von Menschen, denen man irgendwann einmal in der Realität begegnet war. Meine Träume hatten wohl ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.
„Du weißt nicht, wer ich bin“, seufzte der Mann. „Kein Wunder lässt du mich hier so lange schmoren.“
„Was hab' denn ich damit zu tun, dass du hier so lange auf 'ner Herrentoilette … Sekunde mal – Herrentoilette?“ Ein kleines Glöckchen klingelte leise in meinem Hinterkopf.
„Na, dämmert's?“
Ich sah mein Gegenüber lange an. Seine Gesichtszüge blieben unvertraut, da ich jedoch ahnte, nein, wusste, wer er war, wunderte es mich nicht, denn ich visualisiere meine Personen nur sehr selten. „Du bist Daniel Döring.“
„Exakt.“ Er wirkte wie mein Kater nach dessen Lieblingsessen.
„Das ist …“ Ich hasse es, wenn mir die Worte fehlen. „Wie ist das möglich?“
„Das musst du den Koordinator fragen.“ Er nickte Richtung Tür.
„Jiminy?“
„Genau.“
„Was heißt 'Koordinator'? Er ist doch der Hüter meiner Erinnerung.“
„Ja. Nein. Ist doch jetzt egal. Können wir uns bitte mir und meinem Problem widmen? Ich mein', es ist ja nett, dass du mir 'ne Galgenfrist gewährst, wo wir beide wissen, wie es endet, aber muss es ausgerechnet die Herrentoilette sein? Wenn wenigstens Melanie ebenfalls hier wäre …“
Ich runzelte die Stirn. „Du weißt, warum das nicht geht.“
„Ja.“ Wieder seufzte er.
„Gut. Aber sag mal, die Tür … und die Türen draußen – heißt das jetzt, dass sich hinter jeder davon Personen aus meinen Geschichten befinden.“
„Ja. Gefangen in dem Augenblick, da du das Schreiben unterbrachst.“
„Wie cool ist das denn? Und kann ich jede Tür öffnen?“
Statt einer Antwort wandte Daniel sich ab. Jetzt wirkte er wie ein geprügelter Hund.
„Äh, Daniel, tut mir leid“, rief ich ihm hinterher. „Ich versprech' dir, ich schreib dich umgehend wieder raus hier. Gleich nachdem ich die anderen Räume angesehen habe.“
Doch Daniel verschwand ohne ein weiteres Wort in den Schatten des Raumes. Mist. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen.
Und nun? Für mich gab es keinen Grund, noch länger allein auf dieser Herrentoilette zu verweilen, also ging ich zu der Tür und öffnete sie. Von innen sah sie aus wie jede beliebige Feld-, Wald- und Wiesentoilettentür, aber von außen … Erst jetzt hatte ich Zeit, sie genauer zu betrachten. Sie war schwarz mit dicken, roten Schlieren, in der rechten oberen Ecke leuchtete ein weißer Kreis. Au Mann, das hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Cover der Bestie.
Ich musste umgehend die übrigen Türen in Augenschein nehmen.
„Wo willst du hin?“, donnerte die Grillenstimme.
Was hatte Daniel vorhin noch gesagt? „Sag mal, seit wann bist du Koordinator? Und was genau koordinierst du?“
Jiminy seufzte und mein schlechtes Gewissen regte sich erneut. In letzter Zeit brachte ich zu viele Leute zum Seufzen. Ich seufzte ebenfalls.
„Ich versuche, deine Ideen zu ordnen und den Überblick zu behalten – glaub mir, bei deinen Erinnerungen hatte ich es leichter. Ich muss nämlich gleichzeitig dafür sorgen, dass du eine Idee nach der anderen auch zu Ende bringst.“
„Dann ist es also wahr? Hinter jeder dieser Türen finde ich Szenen aus meinen Geschichten?“ Mit wenigen Schritten erreichte ich die nächste Tür. Sie war … verwirrend. Zahlreiche Farben verliefen ineinander, formten bizarre Muster und erinnerten mich an … nichts. „Wen finde ich hier? Mia auf dem Dachboden vor der Tür, die keine ist? Tobi in seinem Zimmer mit dem Fremden? Arne hinter den Umzugskisten oder die Enden der Welt? Oder … ich weiß: den JÄGER!“ Ich streckte die Hand aus.
„STOPP!!!“
Ich zuckte zusammen und bin mir sicher, ich sprang tatsächlich in die Höhe, wie meine Katze, wenn sie sich erschreckt. „Herrje, musst du mir so einen Schrecken einjagen?“
„Ja, verdammt noch mal. Es ist immer dasselbe mit dir. Statt dich erst mal auf ein Projekt zu konzentrieren, verzettelst du dich mit zu vielen Ideen, schreibst hier ein bisschen, plottest da ein wenig, sinnierst und konstruierst und der Türen werden mehr und mehr. Erst vorhin ist schon wieder eine aufgetaucht.“ Er sah mich an, seine Augen funkelten. Er schien sehr wütend zu sein.
„Äh, naja, mir ist da 'ne Idee für 'ne Kurzgeschichte gekommen, nix Dolles und eigentlich auch fast fertig.“ Och nee, so werde ich das schlechte Gewissen nie los.
„Du hast die Bestie seinerzeit binnen zwei Wochen geschrieben, die Überarbeitung währt nun allerdings schon drei Jahre. Drei! Jahre!“ Er holte tief Luft. „Kannst du die nicht erst einmal beenden, ehe du dich auf das nächste Projekt stürzt?“
„Ich …“ Er hatte recht, da gab es nichts dran zu deuteln. „Naja, ich könnte …“
„Du musst! Die Geschichte ist doch längst hier. Vollständig. Du brauchst sie nur noch zu schreiben. Komm endlich in die Gänge!“
Ich sah zu der Tür vor mir.
„JETZT!!!“ Eine seiner Hände wies auf den Vorhang.
„Du hast ja recht.“ Ich seufzte. Schon wieder. Ich hätte gern weitere Türen geöffnet, doch es wurde wirklich Zeit, Daniel die Herrentoilette verlassen zu lassen.
„Darf ich wiederkommen?“
„Gern – wenn die Bestie fertig ist.“
Nur wenig später saß ich wieder an meinem Laptop und tippte die letzten Worte meiner Kurzgeschichte. Nun galt es, mich endlich Daniel zu widmen. Aber erst morgen. Oder …
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Re: Irgendwann zu keiner Zeit

Beitragvon Lies » 6. Mai 2013, 18:00

Murkele Du böses Mädchen.

Herrlich die Idee, obwohl ich sie so nicht kenne, denn ich lasse zwar liegen in der Fragmentenschublade, aber ehe ich zulasse, dass mich etwas Neues überfällt,schreibe ich an Idee Nummer 1 weiter auch wenn es durchaus vorkommt, dass es Tage dauert, ehe ich mir den letzten Satz noch mal ansehe und dann entweder erneut seufze und abhaue, oder einen winzigen verschüchterten Satz hinzufüge.
Ade bis zum nächstenmal.

Nein, einmal habe ich Figuren aus verschiedenen unfertigen Geschichten miteinander zu einer einzigen verwoben, aber die Protags dort kannten sich nich sonderlich gut, sie gingen sich an die Pelle.

Klasse Idee Claudia, gut umgesetzt, gefällt mir

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Re: Irgendwann zu keiner Zeit

Beitragvon börnie » 7. Mai 2013, 21:50

Aus einem Schriftstellerinnenleben ... :)

An dieser Geschichte gefällt mir punkto Idee und Umsetzung alles; und Jiminis Aufforderung ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Zwei Ungereimtheiten sind mir aufgefallen, die Protag hört eine Stimme im Dunkeln ("Hier bin ich!")und zwei Sätze später denkt sie aber, eine Stimme im Dunkeln, DAS wäre beunruhigend gewesen, aber ein Vorhang allein nicht.

Und gegen Ende sagt die Grille, die Protag hätte die Geschichte vor drei Jahren binnen zwei Wochen geschrieben und ein paar Sätze später meint er dann, die Geschichte wäre vollständig hier, sie bräuchte diese nur noch zu schreiben.

Das hat mein Lesevergnügen aber, so wie bei Bert, hier auch nicht mindern können.

Schön, dass du wieder mal mitgemacht hast.
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Re: Irgendwann zu keiner Zeit

Beitragvon Garlin » 10. Mai 2013, 14:38

Eine super Idee!
-Spannend, weil man zuerst gar nicht mitbekommt, worum es eigentlich geht. SF oder Horror?
-Dramatisch, weil die Figuren in ihrer eigenen Welt leben, aber gefangen sind – eine Welt am Draht. Sie leiden am gestauten Lebenssaft, den nur eine spenden kann, ihre Erfinderin, die Autorin.
-Psychologisch, weil die Qual der Schriftstellerin nur zu gut nachvollziehbar dargestellt wird, die mit ihren Geschöpfen leidet, ihnen aber nicht hilft; denn immer kommt übersprungsartig ein anderer Text dazwischen.
Joringel hat hier irgendwo sinngemäß geschrieben, dass er sich von eben dieser Qual befreit, indem er nicht mehr schreibt. Aber ich glaube nicht, dass das funktioniert. Schreiberlinge sind auch immer untherapierbare Masochisten.

Schöner Text, wobei ich mich allerdings frage, woher z.B. Daniel weiß, wie es weitergeht, wenn die Autorin selbst noch keine Ahnung hat. Aber was ist beim Schreiben und Träumen schon immer logisch?
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Re: Irgendwann zu keiner Zeit

Beitragvon Heffalump » 13. Mai 2013, 22:32

Ein Hoch auf Jiminy! Seine nachdrückliche Strenge war von Erfolg gekrönt - diese Geschichte ist wahrhaftig fertig geworden!
Eine witzige Geschichte mit Wiedererkennungswert (für Autoren). Bei wem stünden nicht Schalen und Schälchen voller angebissener Geistesfrüchte herum, manche faulen schon seit längerem still vor sich hin...
Hier geht es allerdings ordentlicher zu. Dank Jiminys Buchhalterseele ein gerader Gang, pro Idee ein Raum mit eigener Tür, damit nichts durcheinanderkommt, und eine nach der anderen wird nun abgearbeitet, wie es sich gehört, Schluss mit dem Chaos, Thomas Mann hat schließlich auch...

Man könnte freilich versucht sein zu fragen, warum Jiminy erst jetzt in Erscheinung tritt und sich nicht schon viel früher gemeldet hat - es scheint ja dringend nötig gewesen zu sein. Auch weckt der "lange" Gang mit den "unzähligen" Türen gewisse Erwartungen, die ein wenig enttäuscht werden: Nur ein einziger Raum wird geöffnet, mehr nicht - schade.
Der letzte Teil geht für meinen Geschmack ein wenig in die Breite, die Ebene der anschaulichen Schilderung wird verlassen, der Text beschränkt sich stattdessen auf Erörterungen (und zwar dessen, was man ohnehin schon begriffen hat). Gleichwohl ist die Geschichte insgesamt eine gute Umsetzung der Themenvorgabe.
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