Am Ende

Am Ende

Beitragvon murkele » 17. Okt 2010, 23:57

„It's the end of the world as we know it“, plärrte R. E. M. aus dem Radiowecker.
Ben hatte die Augen offen, noch ehe er wach war, und starrte an die Zimmerdecke.
„Mach doch endlich das Ding aus“, murmelte es verschlafen neben ihm.
Seine Kopf ruckte nach links, während seine rechte Hand bereits auf dem Nachttisch nach dem Aus-Knopf suchte. Mit Erfolg.
„Danke.“ Die Stimme kam aus einem Wust blonder Haare auf dem Kissen neben ihm und kam ihm vage bekannt vor.
„Äääääh …“ Sein Gehirn konnte mit seinen Augen immer noch nicht Schritt halten, denn er wusste weder, wer da lag, noch wie sie dahin gekommen war. Das Wieso konnte er sich allerdings denken.
„Wassis?“ Sie klang morgenmuffelig.
„Es ist viertel vor Sieben.“ Dessen war er sich sicher, nach einem Blick auf die Digitalanzeige des Weckers jedenfalls. Und somit war dies die einzig verlässliche Aussage, die er momentan treffen konnte. Gut, er hätte ihr auch seinen Namen nennen können, doch den kannte sie vermutlich bereits.
„Schon?“ Sie setzte sich auf und streckte sich.
„Saskia.“ Während sein Hirn versuchte, diese neue Information zu verarbeiten, zeigte sich ein anderer Teil seines Körpers erfreulich munter
„Ja, so heiß ich.“ Sie gähnte. „Können wir die erste Stunde nicht ausfallen lassen?“ Sie schmiegte sich an ihn. „Da haben wir doch sowieso Sport. Können wir doch auch hier …“
Ihr Gesicht war so dicht vor seinem, dass er jeden einzelnen goldbraunen Punkt in dem Grün ihrer Augen sehen konnte. Derweil wanderten ihre Hände unter die Decke und über seinen Körper. Sie hatte recht, Frühsport war im Bett erquicklicher als in der Schule.

„Mann, ist das eine Suppe.“ Saskia zog die Jacke enger um sich, als sie vor die Haustür traten. „Wo sind deine Eltern nochmal im Urlaub?“
„Malediven.“
„Das könnte mir jetzt auch gefallen.“
Er legte den Arm um sie und gemeinsam gingen sie zur Bushaltestelle. Sein Gehirn lief immer noch mit höchstens halber Leistung, denn er konnte sich nicht erinnern, wie Saskia in seinem Bett gelandet war. Doch was zählte das gegen das Gefühl, sie jetzt hier im Arm zu halten. Und im Wissen um das, was sie bis vor einer halben Stunde getan hatten. Was war da schon ein bisschen Nebel an einem großartigen Tag?
„Bist du sicher, dass ein Bus kommt? Und dass er uns auch sieht?“ Saskia sah sich um. Auch wenn die Sicht kaum bis auf die andere Straßenseite reichte, so beeinträchtigte der Nebel doch nicht das Gehör. Und es war Stille,die sie umgab. Keine Stimmen, keine Schritte,keine Motorengeräusche. „Es ist gespenstisch.“
„Das kommt dir nur so vor. Guck mal, die, die müssen, sind längst weg. Und die, die nicht müssen, bleiben lieber daheim. Wir sind zu früh dran, der Bus kommt eh erst in ein paar Minuten. Aber er wird kommen.“
„Na,wenn du das sagst.“ Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn. „Aber können wir die Schule wegen Nebel nicht ganz ausfallen lassen?“
„Besser nicht. Vergiss nicht, wir schreiben morgen die Mathe-Klausur.“ Irgendwo klingelte leise ein kleines Glöckchen in seinem Hinterkopf, doch noch brachte es keine neue Erkenntnis.
Sie standen Wange an Wange. Während er auf die Straße sah, blickte sie über seine Schulter in das Gewirr aus Blättern und Ästen, das an die Bushaltestelle angrenzte. Unvermittelt stutzte sie.
„Du, da ist ein Licht.“
„Wo?“
„Na, da, mitten im Gebüsch. Wie …“
Er lachte. „Das ist doch nichts besonderes. Schließlich steht da ein Haus.“
„Ein Haus. Ja, klar, und Hänsel und Gretel wohnen darin. Nie im Leben ist da ein Haus. Da ist doch nur Gestrüpp. Wo soll denn da bitte ein Haus sein?“
„Na, hinter dem Gestrüpp und dem ganzen anderen Grünzeugs.“
„Das müsste man doch sehen.“
„Sasi, du bist zum ersten Mal hier.“
„Aber wir haben gestern Nachmittag in dem Laden da vorne den Wodka geholt und sind direkt hier dran vorbei gegangen. Da war kein Haus.“
Wodka. Er fuhr sich durch die Haare. Allmählich klärten sich seine Erinnerungen. Da war noch dieser fürchterliche Kräuterschnaps seines Vaters gewesen. Von wegen für die Mathe-Klausur lernen. Er grinste.
Saskia beobachtete ihn. „Du veralberst mich, ich seh's an deinem Grinsen.“
„Nein, ich musste nur an gestern denken.“ Er nahm ihre Hand und zog sie mit sich. „Das Haus war früher mal 'ne Arztpraxis, steht aber schon ewig leer. Der Eingang muss irgendwo dahinten sein.“
Als die beiden in der Einfahrt verschwanden, tastete der Bus sich an die Haltestelle heran.

Die Zweige der Bäume hingen tief, der Weg war grasüberwuchert und voller Moos, Brennnesseln und Farne wuchsen zu beiden Seiten und streiften ihre Beine. Der Nebel tat sein Übriges, und Saskia hätte nie vermutet, dass sie sich nur wenige Meter neben einer stark befahrenen Hauptstraße befanden. Nach ein paar Schritten stieß ihr Fuß gegen eine Stufe und dann erkannte sie tatsächlich eine Tür aus dunklem Holz, in dem Efeu, dass überall wucherte kaum zu erkennen. Sie tastete mit der Hand darüber. Das Holz war verwittert, die Farbe blätterte ab, doch es war unbestreitbar eine Tür.
„Das hätte ich nie gedacht.“ Sie trat einen Schritt zurück und sah immer noch kein Haus. „Hier zu wohnen muss cool sein. Dich findet kein Schwein.“
„Das hab ich auch schon so manches Mal gedacht. Ich wüsste gern, wie es innen aussieht.“
„Dann lass uns doch nachsehen.“ Ihre Hand lag schon auf der Klinke.
„Nee, Sasi, komm, das können wir nicht …“
„Es ist offen.“ Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür.
„Wir können doch nicht einfach da rein.“ Ben sah sich unbehaglich um.
„Wer nicht will, dass man reinkommt, lässt keine Tür offen. Vielleicht ist was passiert. Nun komm schon.“ Sie knuffte ihn in die Seite. „Du bist doch auch neugierig.“
Er zögerte. Es stimmte, er wollte schon immer mal einen Blick in dieses Haus werfen, doch er hatte diesen Gedanken stets nur im Vorbeigehen gehabt. So nah war er seiner Absicht noch nie gekommen.
„Also, ich geh jetzt rein.“ Mit diesen Worten verschwand Saskia über die Türschwelle.
Okay, damit war ihm die Entscheidung abgenommen. Er konnte sie schließlich nicht allein hinein gehen lassen. „Warte.“
Es war dunkel. Das einzige Licht fiel durch die offen stehende Tür, doch es reichte lediglich ein paar Schritte weit.
„Gibt es hier kein Licht?“ Saskia tastete an der Wand neben der Tür herum und kurz darauf flammte eine Deckenlampe auf. „Na also.“
Ben sah sich um. Er hätte sich nicht gewundert, Unmengen von Staub und Spinnweben vorzufinden, doch der kleine Raum war penibel sauber. An der Wand links hingen Garderobenhaken, gegenüber ein großer Spiegel in einem schlichten Holzrahmen. Gegenüber war eine weitere Tür.
„Ich weiß nicht, wir sollten doch lieber …“
„Papperlapapp, jetzt sind wir einmal drin. Wenn hier jemand ist, hat er uns eh schon bemerkt.“ Saskia ging zu der zweiten Tür und klopfte an.
„Herein.“
Überrascht sprang Saskia zurück und sah Ben mit großen Augen an. „Und jetzt?“, flüsterte sie.
„Jetzt wirst du wohl reingehen müssen.“ Er trat neben sie. „Also los, es war deine Idee.“
Langsam drückte sie die Klinke hinunter.
Die Tür öffnete sich in ein großes Zimmer mit Kamin, in dem ein Feuer brannte. Davor stand ein schwarzer Ohrensessel, der allerdings leer war. Auch auf Couchgarnitur in der hinteren Ecke saß niemand.
„Es hat doch jemand geantwortet.“ Saskia trat ins Zimmer. Es war sehr warm, angenehm nach der nebligen Kühle, doch umso unheimlicher, dass niemand zu sehen war.
Ben warf noch einen letzten Blick auf die Eingangstür, ehe er Saskia folgte. Auch er sah niemanden.
Langsam gingen die beiden weiter.
„Hallo?“ Saskia klammerte sich an Bens Arm. „Wo sind Sie denn? Brauchen Sie Hilfe?“
„Danke, nein, mir geht es gut“, erklang eine weibliche Stimme hinter ihnen.
Ben und Saskia fuhren herum. Eine Frau, deren Alter sich in dem dämmrigen Licht des Kaminfeuers nicht schätzen ließ, stand vor der mittlerweile geschlossenen Zimmertür und lächelte.
„Entschuldigen Sie, dass wir hier so einfach …“ Ben wedelte hilflos mit der Hand, ihm fiel keine plausible Entschuldigung ein.
„Oh, schon gut, ich habe gerne Besuch.“ Die Frau trat näher. „Leider ist es in letzter Zeit seltener vorgekommen, dass jemand kam. Umso mehr freue ich mich natürlich. Und ich bin sicher, wir werden uns gut verstehen.“
Saskia schluckte. „Schön, dass es Ihnen gut geht, aber wir müssen wohl doch besser gehen. Wir haben nämlich Schule. Aber wir kommen gerne ein anderes Mal wieder.“
Ben nickte bestätigend. „Ja, aber jetzt müssen wir wirklich gehen.“
„Das glaube ich kaum.“ Die Frau ging an den beiden vorbei und setzte sich in den Sessel. „Wer einmal hier ist, kann nicht mehr gehen. Dies ist das Haus an den Enden der Welt.“
„Am Ende der Welt? Wohl kaum, ich wohn in der Nachbarschaft und …“
„Du hörst wohl nicht zu, mein Junge. Ich sagte 'Enden der Welt'.“
Saskia und Ben gingen langsam zu der Zimmertür.
„Es wird dir nichts nützen.“ Die Frau sah in die Flammen. „Dieses Haus hat viele Eingänge. Und die Menschen kommen aus vielerlei Gründen. Niemand wurde eingeladen. Und doch …“ Ihr Lächeln erreichte die Augen nicht. „Wer einmal hier ist, kommt nicht mehr zurück – deshalb ist es ein Ende. Und für jeden ist es ein anderes, weil jeder einen anderen Raum betritt. Doch von da aus geht es nicht mehr weiter. Wie auch, wenn man am Ende angelangt ist.“
„Okay, entschuldigen Sie die Störung, aber wir müssen jetzt wirklich.“ Ben öffnete die Zimmertür und schob Saskia hindurch. „Ein bisschen wirr, die Alte, kein Wunder, so wie sie wohnt …“ Das Wort blieb ihm im Hals stecken, als er neben Saskia genau den Raum betrat, den sie soeben verlassen hatten.
Die Frau sah sie nicht an. „Ich sagte es doch, ihr seid am Ende der Welt …“
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Re: Am Ende

Beitragvon Lies » 18. Okt 2010, 00:23

Ein schnelle Frage Claudia

Soll der letzte Satz dann nicht auch heissen, *an den Enden der Welt*

Ansonsten von der Idee her gut gelungen.
Wieso möchtest Du daran noch arbeiten?

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Re: Am Ende

Beitragvon murkele » 18. Okt 2010, 00:27

Jo, das wäre auch eine Option für den letzten Satz. Ich hatte jetzt "am Ende" gewählt, um den Bezug zum Titel herzustellen.

Weil der Text sich nicht setzen konnte. Und ich das Gefühl habe, am Schluss wurde es zu hopplahopp. Weil ich fertig werden musste. Und eigentlich auch noch nicht in Ruhe gegenlesen konnte. Da hab ich dann immer das Gefühl, der Text ist nicht rund.
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Re: Am Ende

Beitragvon Chili » 18. Okt 2010, 01:42

Das Betreten ist ein Ende.
Das Nicht-mehr-raus-können ist das andere Ende.
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Re: Am Ende

Beitragvon murkele » 18. Okt 2010, 01:51

Na, das Ende ist doch eigentlich das nicht mehr weiter Können. Du hast den letzten Punkt erreicht, von dem aus nichts mehr geht.
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Re: Am Ende

Beitragvon Chili » 18. Okt 2010, 01:58

Wie auch immer (In meinem Hirn wirbelt's noch). Ich wollte nur den Singular rechtfertigen.
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Re: Am Ende

Beitragvon murkele » 18. Okt 2010, 02:06

Danke. :)
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Re: Am Ende

Beitragvon Lies » 18. Okt 2010, 09:03

Ich fand die Geschichte gut ausgearbeitet, im Fantasy-Bereich angesiedelt, steuert sie auf das Ziel Ausweglosigkeit zu, was besonders betroffen macht, weil die Protags ohne eigenes Verschulden in eine Situation geraten, in die sie aufgrund ihrer Jugend eigentlich nicht gehören.

2 Punkte
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Re: Am Ende

Beitragvon Heffalump » 18. Okt 2010, 20:20

"Hopplahopp" war das Wort, das mir am Ende als erstes in den Sinn kam.
Die Idee gefällt mir sehr gut, die Darstellung ist anschaulich, man spürt die Atmosphäre einer Situation, die schon an der Bushaltestelle so seltsam erscheint, dass man sich fragt, ob das alles noch real ist oder schon nicht mehr.
Gegen Ende aber, wenn die Geschichte zum "Eigentlichen" kommt, wird sie plötzlich sehr oberflächlich und matt, die fremde Frau hat keinerlei Ausstrahlung, der Text insgesamt hat keine mehr, man wird sozusagen nur noch in dürren Worten "informiert", welches die Idee des Ganzen ist - und Feierabend.

Dieses Ende hätte eine gründliche Ausarbeitung verdient.
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Re: Am Ende

Beitragvon börnie » 18. Okt 2010, 20:54

So ähnlich ist es mir auch gegangen. Dann, wenns wirklich interessant wird, hört die Geschichte abrupt auf. Ich hätt gern mehr über diese eigenartige Frau erfahren, was sich da wirklich dann abspielt, in diesem geheimnisvollen Haus mit diesem Raum der "Enden" und wie die Protags mit der Situation umgehen und gegebenenfalls doch noch rauskommen oder scheitern.Eine längere ERzählung draus zu machen würd sich sicher lohnen.

Das "Davor" ist allerdings spannend und flüssig geschrieben, der Text zog mich auch rein. Wobei ruhig im Laufe der Geschichte schon angedeutet werden hätte können, warum gerade diese beiden jungen Menschen so ein Schicksal trifft. Welches ihr innerer Bezug zum Thema "Ende" gewesen sein könnte.

Daher zwei Punkte.
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