Eine Banane ist eine Banane ist ...

Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon murkele » 13. Mai 2012, 23:49

Irgendwie wollte es dieses Mal nicht so recht und ohne die Verlängerung - Danke an Bert! - wäre es gar nichts mehr geworden. Nun, ich habe ein Ergebnis und will es euch jetzt auch nicht vorenthalten. :)
Und Danke an Jacob für die Inspiration ... ;)

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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon murkele » 13. Mai 2012, 23:51

Und hier noch die Reintext-Fassung für Lies ;)

Missmutig stapfte Magnus die Straße entlang. Ferien sind die ödeste Zeit des Jahres, wenn die beiden besten Freunde ausgerechnet in den ersten drei Wochen in die Ferien fahren und man selber allein zuhause bleibt. Hinzu kam, dass sein Geburtstagsgeschenk immer noch nicht eingetroffen war. Der Zehnjährige brannte darauf, mit dem gewünschten Teleskop den Nachthimmel zu erforschen und nach fremden Welten Ausschau zu halten. Und weil entweder der Online-Versand selber oder die Lieferfirma es nicht auf die Reihe brachten, verliefen die Nächte ähnlich unspektakulär wie die Tage. Oder besser gesagt: langweilig. Und wenn dann noch die eigene Mutter darauf bestand, dass man das herrliche Sommerwetter im Freien verbrachte, blieb einem nichts anderes übrig, als genervt durch die Siedlung zu stromern, in der es nichts Spannenderes gab, als Herrn Siebeck drei Häuser weiter bei der Gartenarbeit zu beobachten oder die alte Frau Gerling von nebenan auf ihrem täglichen Spaziergang zu folgen.
Auch jetzt trippelte sie in einigen Metern Entfernung vor Magnus her und obwohl er sich gerne vorstellte, dass seine Nachbarn getarnte Außerirdische waren, fiel es ihm bei Frau Gerling zunehmend schwer. Irgendwie war sie zu … menschlich. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass seine Laune sich von Tag zu Tag verschlechterte. Außerdem hatte er Hunger.
Und genau in dem Moment, da sein Magen laut knurrte, sah er sie im Gras neben dem Bürgersteig liegen: zwei Bananen. Sie waren zwar arg grün, doch durchaus in der Lage, einen hungrigen Jungen zu sättigen, und so bückte sich Magnus und hob die Früchte auf. Vermutlich waren sie Frau Gerling aus der Tasche gefallen, denn sie fühlten sich kühl an und konnten somit nicht lange in der Vormittagssonne gelegen haben.
Magnus steckte eine Banane in die Hosentasche und schickte sich gerade an, die zweite zu schälen, als hinter ihm jemand flüsterte: „Du solltest sie besser nicht essen.“
Erschrocken sprang der Junge einen Schritt zur Seite und drehte den Kopf. „Herr Lorentz! Mann, haben Sie mich erschreckt.“
„Das wollte ich nicht.“ Der alte Mann aus dem Haus gegenüber sah betrübt drein. „Aber ich musste doch verhindern, dass du ihn isst.“
„Wieso denn? Es ist doch nur eine Banane.“
„Bist du dir da ganz sicher?“
Magnus zog eine Augenbraue hoch und bedachte Herrn Lorentz mit einem skeptischen Blick, ehe er die Banane in seiner Hand genauer in Augenschein nahm. Zu guter Letzt roch er noch daran und zuckte die Schultern. „Sieht aus wie 'ne Banane, riecht wie 'ne Banane – und wenn ich sie endlich schälen dürfte, bin ich überzeugt, dass sie auch schmeckt wie 'ne Banane.“
Herr Lorentz wiegte den Kopf. „Klar, dass du denkst, es sei eine Banane. Anderenfalls hätten sie ja auch einen Fehler gemacht.“
„Wer hätte einen Fehler gemacht? Meinen Sie etwa, die Banane ist nicht echt?“ Magnus ritzte mit dem Fingernagel in die Schale. „Doch, echt. Jedenfalls kein Plastik.“
„Natürlich nicht! Aber du solltest ihn nicht mehr kratzen. Bitte.“ Herr Lorentz streckte die Hände vor.
„Gib ihn mir.“
Der Junge kaute auf seiner Unterlippe. Bislang war ihm Herr Lorentz recht normal vorgekommen, aber 'er' zu sagen, wo es doch eindeutig 'die Banane' heißt … und überhaupt – wieso sollte er die Banane nicht kratzen? „Ich glaube, ich bring die Bananen zu Frau Gerling, die hat sie …“
„Nein!“, fuhr der alte Mann auf. „Du darfst …“ Er seufzte. „Ich seh schon, ich muss dir alles erklären. Aber nicht hier.“ Er sah sich aufmerksam um. „Wir können uns auf die Treppe von meinem Haus setzen, dort kann man uns sehen, aber nicht hören. Und niemand wird argwöhnen, dass wir was im Schilde führen.“
Im Schilde führen? Vielleicht sollte er die Bananen einfach dem Alten in die Hand drücken und machen, dass er selber nach Hause kam. Andererseits versprach es zumindest eine Abwechslung. Also nickte Magnus und folgte Herrn Lorentz zu dessen Haus.

„Es gibt da draußen noch andere bewohnte Planeten“, begann der alte Mann und deutete auf den strahlend blauen Himmel.
„Ja, klar, das glaub' ich auch“, entgegnete Magnus eifrig. „Deshalb hab ich mir ja auch zum Geburtstag dieses Teleskop gewünscht.“
Herr Lorentz nickte. „Das ist gut.“ Er lächelte. „Und ebenso wie es verschiedene Planeten gibt, existieren natürlich auch verschiedene Lebensformen.“
Der Junge starrte auf die Banane. „Sie wollen mir jetzt aber nicht erzählen, dass diese Banane in Wirklichkeit ein Alien vom Beteigeuze oder ist.“
„Natürlich nicht. Die Formwandler stammen von einem kleinen Planeten im Andromeda-Nebel. Er hat keinen Namen, wie auch seine Bewohner keine feste Form haben, sondern jedwede Gestalt annehmen können.“
„Bananen.“ Magnus zog die zweite Banane aus seiner Hosentasche. Das war doch großer Quatsch, was der alte Mann da erzählte. Oder? „Wieso sollte ein Formwandler von einem Planeten im Andromeda-Nebel als Banane in unserer Straße im Gras liegen?“
„Nun, den Formwandlern ist eine große Neugier zu eigen. Es treibt sie durch alle Teile des Universums, immer bestrebt, Neues zu entdecken und davon zu lernen. Da diese Reisen stets sehr lange dauern, kann es vorkommen, dass Nachwuchs geboren wird. Passiert dies auf dem Raumschiff, ist es kein Problem. Auf fremden Planeten jedoch … der kleine Formwandler muss getarnt werden, denn seine Fähigkeiten müssen erst wachsen und sich festigen. Also wählen die Eltern eine auf dem jeweiligen Planeten ansässige Lebensform, der Nachwuchs kommt in dieser Gestalt zur Welt und muss den Lebenszyklus dieser Lebensform durchleben, ehe er die schützende Hülle verlassen und eigenständig leben und sich tarnen kann.“
„Und Sie wollen mir jetzt tatsächlich weismachen, dass …?“
Der alte Mann nickte.
Noch einmal beäugte der Junge die Früchte. „Aber wie können Sie das erkennen?“
„Naja, weil … andere Formwandler durchaus in der Lage sind, es zu erkennen.“
Magnus klappte der Unterkiefer herunter. „Sie … Sie meinen … ich meine, Sie … wollen … allen Ernstes behaupten …?“
Herr Lorentz nickte.
„Boah, das ist ja … verwandeln Sie sich mal für mich?“
Nun schüttelte der alte Mann den Kopf.
„Ach so, klar, nicht hier. Wir können doch reingehen. Oder hinters Haus.“
Wieder ein Kopfschütteln.
„Warum denn nicht? Ich sag's auch nicht weiter.“
„Ich kann nicht“, sagte der alte Mann leise.
Ehe Magnus etwas entgegnen konnte, rief seine Mutter von gegenüber. „Magnus! Essen ist fertig!!!“
„Ich muss gehen, Herr Lorentz – Magnus, das bin nämlich ich. Darf ich nach dem Essen wiederkommen?“
„Komm nur wieder, ich würde mich freuen. Und Magnus – ich bin Albert.“

„Was hast du denn mit dem alten Herrn Lorentz zu schwätzen?“ Seine Mutter stellte einen Teller mit Spaghetti vor Magnus auf den Tisch. „Du hast dich doch noch nie mit ihm unterhalten.“
„Er weiß total viel über das Weltall – ist übrigens mein Teleskop gekommen?“
Seine Mutter schüttelte den Kopf. „Wo hast du die Bananen her?“ Sie deutete auf die Früchte, die Magnus neben seinen Teller gelegt hatte.
„Ach die. Die gehören Herrn Lorentz, er hatte sie verloren, aber weil er so interessant erzählt hat, hab ich ganz vergessen, sie ihm zu geben. Darf ich nach dem Essen noch mal rüber?“
„Geh ruhig, dann nervst du wenigstens nicht wegen des Teleskops.“
„Danke!“ Magnus drehte Spaghetti auf seine Gabel und wollte sie gerade in seinen Mund befördern, als ihm ein Gedanke kam. „Mama, wie lange leben Bananen eigentlich?“
„Meinst du jetzt die Bäume?“
„Nein, die Früchte. Die leben doch jetzt noch, oder?“
„Keine Ahnung, irgendwie schon, denke ich. Na, ein paar Tage werden sie wohl überleben. Die sind ja noch recht grün. Warum fragst du?“
„Och, nur so.“

Magnus drückte dem alten Mann die Bananen in die Hand. „Ich glaube, bei Ihnen sind sie besser aufgehoben.“
„Danke – aber sag ruhig du zu mir.“ Albert lächelte.
„Die Jungs haben ja echt Glück gehabt, die sind in ein paar Tagen durch mit dem Thema – im Gegensatz zu Ihnen, äh, dir.“
„Ich wusste, du verstehst, was ich dir sagen wollte. Aber glaub mir, auch ich habe durchaus noch Glück gehabt. Ich kenne jemanden, der lebt schon seit etwa tausend Jahren als Baum.“
„Aua, da haben die Eltern aber total daneben gegriffen. Wie läuft das denn ab, wenn die Lebenszeit abgelaufen ist?“
„Nun, dann verlassen wir die Hülle der gewählten Lebensform und können fortan jede Gestalt annehmen, die wir möchten.“
„Hast du nie daran gedacht, deinen Kollegen zu fällen?“
„Er ist ein Riesen-Mammutbaum und steht in Kalifornien. Da bin ich nie hingekommen. Außerdem kannst du einen tausendjährigen Baum nicht mal eben so fällen. Aber ich hab mir schon was überlegt, lass mich nur erst mal endlich diese Hülle abschütteln.“

Die nächsten Tage waren alles andere als langweilig, denn auch wenn Albert bislang nicht selber reisen konnte, so wusste er doch viel von den Besuchern seiner Heimat. Und obwohl das Teleskop längst angekommen war, verbrachte Magnus lieber seine Tage mit Albert. Die Sterne konnte er auch später noch anschauen.

Eine Woche später wurde Magnus von seiner Mutter geweckt. „Magnus, Schatz, es ist etwas passiert.“
„Was denn?“ Er setzte sich auf und rieb sich die Augen.
„Heute Nacht ist Herr Lorentz gestorben. Heute Morgen haben sie ihn auf seiner Veranda gefunden, er lag neben den Schalen von zwei Bananen. Vermutlich ist er ausgerutscht und …“
Magnus sprang aus dem Bett und lief ans Fenster, doch es war nichts mehr zu sehen.
„Es tut mir leid.“ Seine Mutter legte eine Hand auf seine Schulter.
„Es ist okay, Mama, er war … lange genug auf dieser Welt.“
Seine Mutter schluckte.
„Was denkst du, wie bringt man einen Mammutbaum am besten um?“

„Ich verstehe ihn nicht. Er tut so, als mache ihm der Tod des alten Mannes nichts aus.“ Magnus' Mutter setzte sich zu ihrem Mann auf die Couch. „Stattdessen fragt er mich ständig nach irgendwelchen Mammutbäumen.“
„Mammutbäume?“ Magnus' Vater senkte die Zeitung. „So ein Zufall. Heute hab ich noch gelesen, dass in Kalifornien einer gefällt werden musste, weil er von einem bislang unbekannten Pilz befallen war, der die Rinde und das darunterliegende Holz verfaulen ließ. Der Baum war über tausend Jahre alt – und wird binnen eines Tages von einem wesentlich kleineren Schmarotzer dahingerafft. Ich rede mal mit Magnus.“ Der Vater erhob sich. „Vielleicht will er sich einfach nur ablenken, um nicht an den alten Mann denken zu müssen – da wird ihm die Geschichte sicherlich gefallen.“

Als sein Vater gegangen war, löschte Magnus das Licht und richtete sein Teleskop auf den Andromeda-Nebel. „Gute Reise“, murmelte er, „und hoffentlich auf Wiedersehen.“
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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon Joringel » 14. Mai 2012, 10:16

Jungs in dem Alter. War ich anders? Nicht viel, glaube ich mich zu erinnern.
Es ist schon toll, was die Fantasie bewirken kann, wenn man an "Unglaubliches" zu glauben beginnt. Sogar das Sterben erscheint in einem anderen Licht. Und warum sollen Kinder nicht in ihrer "Traumwelt" leben dürfen? Die Realität holt sie bald genug ein.

Eine schöne Geschichte.

Liebe Grüße
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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon börnie » 14. Mai 2012, 10:30

Ach was, Traum ... *

Hab vor kurzem erst wieder Men in Black eins und zwei geguckt. Sie sind unter uns, als Handtücher, als Bananen, Murkele weiß das und muss uns dann aber blitzdingsen, wenn wir alle die Geschichte fertig gelesen haben :)

Ansonsten: Eine (wie immer) ansprechend geschriebene, humorvolle und herzerwärmende Geschichte über die KIndheit mit all ihren großen Fragen und ihrer Offenheit für das Wunderbare, Erstaunliche und Unerwartete. Und auch über eine ungewöhnliche Freundschaft. Schön das.
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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon Lies » 14. Mai 2012, 12:54

gefällt mir sehr, meine Bananen im Korb sind viel zu realistisch. :D :D

Ich wusste doch schon immer, dass Claudia eine außergewöhnliche Fantasie hat.
Hier ist einer der zahlreichen Beweise für diese Fantasie zu lesen.

Prima Claudia

Lies
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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon StefanieMaucher » 14. Mai 2012, 18:54

Cool! Hat mir gut gefallen! Herrje ... so gut, dass ich nächstes Mal in der Gemüseabteilung besonders genau hinsehen werde! :D
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Re: Eine Banane ist eine Banane ist ...

Beitragvon Crimson » 20. Mai 2012, 15:40

Sehr gelungener Text, in dem die ganze Zeit mit der Wahrheit der Aussagen gespielt wird. So kann man das Ende als eine auffallende Verkettung von Zufällen lesen, oder aber auch wortwörtlich, wie es der Text vorgibt. Hat mir hier sehr gut gefallen, da der Text keine der beiden Versionen präfererriert, wie ich finde. Handwerklich wie immer gut geschrieben, der 10-Jährige spricht in einfachen Sätzen, dass ist ja auch immer eine Kunst, eine junge Figur glaubhaft klingen zu lassen.
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