Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Heffalump » 7. Jul 2013, 15:33

In diesem Text geht es um den Grafen Adam von Schwarzenberg, der von einer jungen Reporterin auf dem Gelände des Schlosses Gimborn im Oberbergischen Land interviewt wird. Schwarzenberg, ein Mann aus der Zeit des 30jährigen Krieges, ist dort geboren, sorgte später dafür, dass die Provinzen Kleve, Mark und Ravensberg an Brandenburg kamen, und wurde daraufhin enger Berater und schließlich Minister des Kurfürsten Georg Wilhelm. Als dieser 1640 starb, wollte dessen Sohn Friedrich Wilhelm (später der "Große Kurfürst" genannt) Schwarzenberg absetzen. Schwarzenberg starb aber kurz zuvor in der Festung Spandau, wahrscheinlich durch einen Schlaganfall. Lange Zeit ging das Gerücht, er sei enthauptet worden, bis König Friedrich II. ihn exhumieren ließ - der Leichnam war unversehrt.
Der Text ist Vorlage für einen Filmbeitrag zum 150jährigen Jubiläum des Bergischen Geschichtsvereins. Mich würde vor allem interessieren, ob er - die oben aufgeführten Fakten als Grundkenntnis vorausgesetzt - verständlich ist und ob man einen gewissen Eindruck von dem Mann gewinnt.

Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

PERSONEN: Adam von Schwarzenberg / Hilary Kohlgrüber, Journalistin

ADAM ist gerade darin vertieft, eine respektheischende Pose einzuüben. HILARY nähert sich ihm vorsichtig.

HILARY
Ähm… Graf Schwarzenberg?

ADAM
Mm?

HILARY
Adam von Schwarzenberg?

ADAM
Nun und?

HILARY
1583 bis 1641?

ADAM
Sie ist eine Schwatzliese. Sie entferne sich, sie stört. Ich bereite mich soeben auf eine Pressekonferenz vor. Ja ja, ich habe von dort oben wohl vermerkt, welche Register zur Herbeiführung öffentlichen Augenmerks heutigentags zu ziehen sind! In Kürze erwarte ich an dieser Stelle die wichtigsten Medien dieses Landes.

HILARY
Sehen Sie? Und da bin ich!

ADAM
Sie ist was?

HILARY
Na, das Medium.

ADAM
Das – Medium? Sie?

HILARY
Na klar. (Markiert eine Geisterbeschwörerin) Wie sonst hätte ich wohl ein Gespenst wie Sie aufspüren sollen? (Lacht) Nee, ohne Quatsch jetzt, ich bin Hilary Kohlgrüber vom Morgenmagazin „Oberberg, wach auf!“, das ist mein Kameramann, wir sind Ihrem mysteriösen Presseaufruf gefolgt – und da sind wir nun.

ADAM
Als Einzige!

HILARY
Natürlich. Die anderen sortieren nach Wichtigkeit – nur wir als lokales oberbergisches Medium berichten gnadenlos über alles.

ADAM
Wessen erfrecht Sie sich? Sie behauptet allen Ernstes, ich, Graf Adam von Schwarzenberg, erster Minister des Kurfürstentums Brandenburg, Heermeister des Johanniterordens, Träger des französischen Ordre de Saint-Michel, sei nicht wichtig?

HILARY
Nö. Schließlich sind Sie ja schon 372 Jahre tot, nicht wahr? (ADAM verschwindet.) Huch! He, wo sind Sie? (zum Kameramann) Wo ist er denn hin?

Die Kamera schwenkt und kehrt dann wieder zu HILARY zurück. Das Bild wird kurz durch ein großes Fragezeichen (oder viele kleine) überlagert.

HILARY
(verärgert) Na danke. Du bist echt keine Hilfe. Und ich brauche dieses Interview! – Graf Schwarzenberg! Wo stecken Sie?

ADAM (OFF)
Welch eine Frage! Ich bin unsichtbar, das sieht Sie doch.

HILARY
Warum?

ADAM (OFF)
Weil Sie mich schwer gekränkt hat. Damit hat Sie die Gnade meines Anblicks verwirkt. Unwiderruflich!

HILARY
(für sich) Oh Gott, was für ein Mimöschen! (Laut) Es tut mir leid! Es war nicht so gemeint! Ich bitte um Verzeihung!

ADAM (OFF)
Bußfällig.

HILARY
Okay – bußfällig. (Sie sinkt auf die Knie und beugt ihr Haupt.) Gut so?

ADAM erscheint wieder.

ADAM
In meiner unendlichen Güte sei Ihr Vergebung gewährt.

HILARY
(steht auf) Danke. Bevor Sie sich’s vielleicht wieder anders überlegen, schnell zu meiner ersten Frage: Was treibt Sie eigentlich dazu, nach so langer Zeit als Geist wieder aufzutauchen?

ADAM
Ist es nicht gerade mein Geist, der dem Lande in dieser geistlosen Zeit fehlt? Deshalb habe ich dort oben meinen Anspruch auf vorläufige Auferstehung geltend gemacht und nun dem Kurfürsten Matthias von Brandenburg angeboten, erneut die Regierung zu übernehmen.

HILARY
Äh… meinen Sie vielleicht Matthias Platzeck? Der ist Ministerpräsident, nicht Kurfürst.

ADAM
Papperlapapp! Landesherr bleibt Landesherr! Ich bin bereit, die schwere Bürde des Amtes erneut auf mich zu nehmen, sofern ich dafür die Freie Reichsherrschaft Gimborn-Neustadt zurückerhalte.

HILARY
Das heißt jetzt Oberberg.

ADAM
Ich weiß. Plebejisch. Als gäbe es einen Personalüberschuss in der Gastronomie. Oberberg, das klingt wie: Kellnerschwemme. Das werde ich als Erstes ändern.

HILARY
Dazu müssten Sie erstmal gewählt werden. An die Macht zu kommen ist heute nicht mehr so einfach, wissen Sie.

ADAM
Einfach? Glaubt Sie, zu meiner Zeit sei es einfach gewesen? Sie macht sich keine Vorstellung, welches Ausmaß an Diplomatie, Intrigen und Bündnispolitik vonnöten war, um Macht zu gewinnen, zu erhalten und zu mehren! Eine Wahl ist eine Bagatelle dagegen.

HILARY
Warum sollte Sie irgendjemand wählen?

ADAM
Das Volk lechzt nach großen Namen. Ich bin der Spross jenes berühmten Kriegshelden, dem es einst gelang, Raab zu entsetzen.

HILARY
Oh, das will was heißen. Normalerweise entsetzt Raab alle anderen.

ADAM
Was faselt Sie da?

HILARY
Sie kennen wohl Stefan Raab nicht, wie? Sonst wüssten Sie, wie entsetzlich der…

ADAM
Die vom Feinde besetzte Festung Raab zu entsetzen hieß, sie zu befreien! Versteht Sie kein Deutsch?

HILARY
(beleidigt) Ich bin Journalistin!

ADAM
Mein Vater, Adolf von Schwarzenberg, hat auf seinem ungarischen Feldzug viele glorreiche Schlachten geschlagen – aber diese, anno 1598, war die glorreichste! Der Türke wurde vernichtend geschlagen!

HILARY
Der Türke? Das sagt man nicht.

ADAM
Ich aber sage es! Denn es ist wahr!

HILARY
Dann wird’s rausgeschnitten. Und ich kriege Ärger mit meiner Redaktion. Man sagt heute: Mitbürger mit Migrationshintergrund. Das sollten Sie wissen, wenn Sie gewählt werden wollen.

ADAM
So? Welch eine Farce! Nun denn: Der Mitbürger mit Migrationshintergrund wurde vernichtend geschlagen. Dafür erhob der Kaiser meinen Vater in den Reichsgrafenstand, überall im Lande wurden ihm zu Ehren „Raabenkreuze“ errichtet mit der Inschrift: „Sag Gott, dem Herrn, Lob und Dank, dass Raab wieder kommen in der Christen Hand“, und mein Vater durfte sein Wappen erweitern. (zeigt ihr das Wappen an der Schlossmauer) Da kann Sie es sehen: Der Rabe als Symbol für das befreite Raab, und hier der abgeschlagene Mitbürgerkopf mit Migrationshintergrund im Vordergrund.

HILARY
Gruselig! Zu Ihrer Zeit brauchte man echt keine Horrorfilme – da hatte man alles live.

ADAM
Es war eine starke, eine heroische, eine wahrhaft männliche Epoche!

HILARY
Mit anderen Worten: Eine unzivilisierte.

ADAM
Was nennt Sie zivilisiert? Etwa Ihre eigene, heutige Zeit der Memmen und Weichlinge? Weiß Sie, was hier, auf meinem Schloss, in Kürze stattfinden soll? Ein sogenanntes Burnout-Seminar! Da möchte man doch jeden Teilnehmer einzeln bei den Ohren packen und in meine Zeit des großen Krieges hinüberschleifen, damit er einmal sieht, was es heißt, wirklich ausgebrannt zu sein!

HILARY
Ein Burnout-Seminar hätte Ihnen 1641 auch gut getan. Dann hätte Sie aus lauter Angst, Ihren Job zu verlieren, nicht gleich der Schlag getroffen.

ADAM
Sie weiß nicht, was sie redet. Kann Sie ermessen, was die Ungnade eines Fürsten bedeutet? Was es heißt, vom Olymp unvermittelt in den Hades zu stürzen? Mehr als 30 Jahre lang habe ich dem Staate Brandenburg treu gedient, habe ihn, als Kurfürst Georg Wilhelm sich anno 1638 nach Königsberg zurückzog, sogar zwei Jahre lang, bis zu dessen Tode, allein regiert – und dann sortiert mich dieser zwanzigjährige Grünschnabel Friedrich Wilhelm aus wie einen wurmstichigen Apfel!

HILARY
Sehr schöner Vergleich! Na, immerhin hat er Sie damals in Spandau nicht köpfen lassen.

Die folgende Passage nur, wenn eine entsprechende Bildbearbeitung möglich ist:

HILARY
… Oder etwa doch?

ADAM
Sie denkt nicht nach. (Er steht plötzlich mit seinem Kopf unter dem Arm vor ihr.) Wäre ich geköpft worden, stünde ich jetzt vermutlich so vor ihr, nicht wahr?

HILARY
Ja… vermutlich…

ADAM
Nun also. Dies ist aber nicht der Fall.

HILARY
Äh… nein…

ADAM
(verwandelt sich zurück) Eben. Logik scheint nicht Ihre Stärke zu sein.

HILARY
(beleidigt) Ich bin Journalistin!

Fragliche Passage Ende.

ADAM
Nein, (Friedrich Wilhelm hat mich nicht köpfen lassen,) aber das Gerücht hat er verbreitet – ich bin sicher, dass er es war. Ein Schnösel!

HILARY
Na, na. Sie sprechen immerhin vom Großen Kurfürsten.

ADAM
Also dann: Ein großer Schnösel!

HILARY
Wie kommt ein Oberberger… Verzeihung: Ein Gimborner wie Sie überhaupt nach Brandenburg?

ADAM
Über Düsseldorf.

HILARY
Das ist ein Umweg.

ADAM
Aber ein notwendiger. Ich weilte dort anno 1609 am herzoglichen Hofe in wichtiger Funktion…

HILARY
In welcher?

ADAM
Ich war… dort. Der Herzog Johann Wilhelm starb, ohne einen Erben zu hinterlassen. Wegen des verworrenen Erbfolgestreites blieb quasi sein Leichnam noch weitere 19 Jahre im Amt, bis er 1628 endlich beerdigt wurde.

HILARY
Puh! Daher kommt wohl die Bezeichnung „Landesverweser“. Wie hat man den Gestank denn ausgehalten?

ADAM
Bei einem Fürsten heißt das: Odeur. Und das unterschied sich nicht wesentlich von dem Odeur zu Lebzeiten – man wusch sich damals eben seltener. Es war, wie ich schon sagte, eine…

HILARY
… starke, heroische, wahrhaft männliche Epoche. Ich verstehe.

ADAM
Eben. Auch war der Kampf um politische Reinlichkeit wichtiger als der um die körperliche. Jülich-Kleve-Berg sowie Mark und Ravensberg waren verwaist, die Frage hieß also: Berlin, Neuburg, Zweibrücken, Dresden oder Wien?

HILARY
Sonnenklar.

ADAM
Sonnenklar war auch die Antwort: Der Ehemann der Tochter des Gatten der Schwester des Herzogs hatte das erste Anrecht. Und das war…?

HILARY
Tja… das war…

ADAM
Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg.

HILARY
Es lag mir auf der Zunge.

ADAM
Und mir war Erfolg beschieden! Der Kaiser schäumte! Hätte er doch das Herzogtum gern als erledigtes Lehen behandelt und sich selbst einverleibt! Haha! Fehlgeschossen! Aus Rache verhängte er die Reichsacht über mich und ließ mehrere meiner Güter verwüsten – ein Schaden von 18.000 Reichsthalern.

HILARY
Wieviel macht das in Euro?

ADAM
1.159.610 – grob geschätzt. Aber es hat sich dennoch gelohnt! Dem König von Frankreich gefiel meine Parteinahme gegen den Kaiser so ausnehmend gut, dass er mir den St.Michaelsorden verliehen hat. (zeigt ihn) Ist er nicht prachtvoll?

HILARY
Hm, der ist nicht von Pappe! (befühlt ihn) Oh… ist er doch…

ADAM
Das ist nur eine Atrappe. Als frommer Christ darf man ins Jenseits keinerlei Wertgegenstände mitnehmen – leider. Oh, wie viele Päpste und Bischöfe habe ich dort oben schon seufzen und jammern hören, dass sie sich zu Lebzeiten nicht dem Heidentum verschrieben haben.

HILARY
Ach – haben sie nicht?

ADAM
Nicht de jure. Aber wir schweifen ab. Jedenfalls durfte ich der Dankbarkeit des Hauses Hohenzollern gewiss sein!

HILARY
Ausgerechnet Sie als Katholik.

ADAM
Warum nicht? Wer es vermag, das Licht des einzig wahren katholischen Glaubens ein wenig unter den Scheffel zu stellen, der kann sogar Herrenmeister des in Brandenburg protestantischen Johanniterordens werden – ein Amt, das bis dahin nur Mitgliedern der Fürstenfamilie vorbehalten war und mir jählich 10.000 Reichsthaler einbrachte.

HILARY
Wieviel macht das…

ADAM
644.228.

HILARY
Grob geschätzt.

ADAM
So ist es. Überdies konnte ich durch die Gnade des Kurfürsten mein Gimborner Land vorteilhaft arrondieren und mählich zu einem eigenen Staat ausbauen, zu einer europäischen Mittelmacht… nun ja… zumindest annähernd… immerhin gab es Staaten, die noch kleiner waren…

HILARY
Und Gimborn City war Ihre Metropole!

ADAM
Meine Residenz, in der Tat. Meine gute Mutter hatte nach dem Tode meines Vaters anno 1599 die alte Burg zu einem Schloss ausbauen lassen, und ich fügte später den großen Turm mit Schießscharten hinzu – wie ich schon damals so treffend schrieb: “…auf dass man daraus schießen und beide Seiten des Hauses befreien kann“.

HILARY
Schießscharten, die nach beiden Seiten offen sind und aus denen man schießen kann! Geniale Idee!

ADAM
Nicht wahr? Ja, ein strategischer Kopf war ich immer, das muss ich mir lassen!

HILARY
Und obendrein ein ziemlich brutaler Regent, wie man liest.

ADAM
Ich war stets ein strenger, aber gerechter Landesherr!

HILARY
Ich glaube, das sagen alle Despoten.

ADAM
Sie gibt Widerworte?

HILARY
Ist mein Job als kritische, investigative…

ADAM
Dies Land ist mein Land! (Man hört unvermittelt die ersten Takte von „This land is your land“ von Woody Guthrie.) Ruhe! Frechheit! (Musik aus.) Ich habe dieses Land ehrlich, im Schweiße meines Angesichts, ererbt, erworben und erdient! Es steht mir zu, und deshalb will ich es zurück.

HILARY
Und dann? Führen Sie die Leibeigenschaft wieder ein?

ADAM
Das Volk strebt nach Sicherheit und Geborgenheit – warum also nicht? Vor allem, wenn ich später auch die Regierung in Brandenburg übernehme, dürfte der Gedanke auf fruchtbaren Boden fallen, denn wie ich weiß, wurde dort eine Form der Leibeigenschaft bis anno 1989 praktiziert – und nicht wenige sehnen sich heute dahin zurück.

HILARY
Sie verstehen die heutige Zeit kein bisschen.

ADAM
Ganz im Gegenteil. Es sind immer gerade die Zeitgenossen, die ihre Zeit nicht verstehen. Mich freilich ausgenommen. Ich stand fest zu Verfassung, Legitimität und Zusammenhalt des Reiches und hielt deshalb das protestantische Brandenburg an der Seite des katholischen Kaisers im Kampf gegen die Schweden… sagt man heute noch Schweden?

HILARY
Ja, Schweden darf man sagen. Die gehören ja irgendwie zu uns, deshalb ist das keine Diskriminierung.

ADAM
Nun, damals gehörten sie ganz und gar nicht zu uns. Deshalb widersetzte ich mich jeder Verhandlung und jeder Kumpanei mit ihnen, gegen alle Widerstände kleiner Geister, von denen ich umgeben war. Und ich hatte Erfolg.

HILARY
Hab’ ich gelesen. Der Erfolg sah so aus, dass nach wenigen Jahren fast ganz Brandenburg von Schweden besetzt war.

ADAM
Sie sagt es: Fast. Ich darf mir als unbestreitbares Verdienst zurechnen, dass bei meinem Ableben die Kurmark nicht vollständig in schwedischer Hand war.

HILARY
Wie Sie die Sache schönreden, haben Sie wirklich Anlagen zum modernen Politiker.

Man hört mehrfach Händels „Hallelujah“ im Stil eines Handyklingeltons. ADAM hält sich sein Johanniterkreuz ans Ohr. Das „Hallelujah“ bricht ab.

ADAM
Ja? – Was? – Das ist doch nicht möglich! Dieser elende Haderlump! – Nein, aufhalten! Unbedingt aufhalten! Ich werde schleunigst Maßnahmen ergreifen! – Ja. (Er nimmt das Kreuz vom Ohr.)

HILARY
Was war das denn?

ADAM
Ein Anruf von oben. Man sagt, Steffen von Neuhoff, genannt Ley, werde es mir gleichtun. Er will zurückkehren und seine Burg Eibach wieder in Besitz nehmen.

HILARY
Aber Eibach ist eine Ruine.

ADAM
Das wundert mich nicht bei dieser Familie. Weiß Sie, was er anno 1619 getan hat? Er ließ auf seinem Land den Weg von Gimborn nach Köln mit einem Schlagbaum versperren! Ich klagte, er wurde verurteilt, den Schlagbaum zu entfernen, tat es aber nicht – auf seinem Lande könne er Schlagbäume errichten, soviel er wolle. Ich nannte ihn einen Schelmen. Er verklagte mich wegen Beleidigung. Das Verfahren erstreckte sich über drei Instanzen, bis zum Reichskammergericht.

HILARY
Und dort?

ADAM
Dort wurde es eingestellt. Denn Steffen von Neuhoff, genannt Ley, starb. Mit Recht!

HILARY
Und nun will er…

ADAM
Zurückkehren nach Eibach, dort einen neuen Schlagbaum errichten und den alten Prozess wieder aufrollen! Diesmal will er ihn führen bis zum Jüngsten Gericht!

HILARY
Oh Gott, ein deutsches Nachbarschaftsgezänk! Da soll noch einer sagen, in diesem Land gäbe es keine Traditionen mehr!

ADAM
Ich muss ihm nun zuvorkommen. Mein Land in Besitz nehmen, Soldaten ausheben, nach Eibach marschieren und es besetzen. Und wenn er dann wirklich kommt, setze ich ihm einen Schlagbaum vor die Nase! Haha!

HILARY
Ähm… ich fürchte, das wird so nicht funktionieren. Vergessen Sie nicht, wir leben in einer schwachen, unheroischen, wahrhaft weiblichen Epoche. Das heißt, wir sind zivilisiert.

ADAM
Humbug! Ich werde dafür sorgen, dass…

Es ertönt wieder das „Hallelujah“. ADAM geht ans Johanniterkreuz.

ADAM
(unwirsch) Was denn noch? (Sein Ton verändert sich plötzlich) Oh… du bist es, meine Liebe… bitte? Wen? Ähm… ja… (Er reicht HILARY das Kreuz) Für Sie. Meine Frau.

HILARY
Für mich? (Sie geht dran) Hilary Kohlgrüber vom Morgenmagazin „Oberberg, wach auf!“, guten Tag… ja… ja, das stimmt… Oh… so ist das? Nein, das hat er mir… ja… ich verstehe… ich danke Ihnen sehr. Auf Wiederhören. (Sie reicht das Kreuz zurück) Sie haben mich belogen.

ADAM
Nun, so würde ich das nicht…

HILARY
Belogen haben Sie mich. Sie sind nicht vorzeitig auferstanden, Sie haben bloß Urlaub vom Jenseits.

ADAM
So groß ist der Unterschied nun auch wieder…

HILARY
Und Sie sind auch nicht gekommen, um hier die Herrschaft wieder zu übernehmen.

ADAM
Ich habe insgeheim oft mit dem Gedanken gespielt…

HILARY
Sie sind aus einem ganz anderen Grund hier. (zum Kameramann) Schnitt! Wir müssen noch mal ganz von vorne anfangen. (Sie sammelt sich kurz und wendet sich dann unvermittelt an ADAM) Graf Adam von Schwarzenberg! Sie hier? Welche Überraschung! Ich bin Hilary Kohlgrüber vom Morgenmagazin „Oberberg, wach auf!“ und freue mich, Sie zu sehen.

ADAM
Äh…

HILARY
(zwischen den Zähnen) Ganz Ihrerseits.

ADAM
Ja… ganz meinerseits.

HILARY
Sie haben ja vor kurzem Ihren 430. Geburtstag gefeiert, und ich muss sagen, dafür haben Sie sich sehr gut erhalten.

ADAM
Vielen Dank…

HILARY
Nun haben Sie, wie ich vermute, Urlaub vom Jenseits genommen und sind sozusagen als guter Geist von Gimborn an Ihren Geburtsort zurückgekehrt. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

ADAM
In der Tat. Meine geliebte Gattin Margaretha, die leider schon im zweiten Jahr unserer Ehe starb, hat zu Lebzeiten mit mir nur einen einzigen Hochzeitstag verbringen dürfen – und dies war ihr doch ein wenig… ein wenig…

HILARY
Wenig.

ADAM
Wenig. Richtig. Darum hat sie mich, wie schon anno 1713, 1813 und 1913, auch jetzt wieder vorausgeschickt, um in diesem Jahre unseren 400. Hochzeitstag vorzubereiten, den wir an dieser Stätte feierlich und in aller Stille zu begehen gedenken.

HILARY
Rührend! Das nenne ich wahre Liebe! Ich bin sicher, der Platz, den Sie in den Herzen der Oberberger bis heute einnehmen, wird durch diese schöne Geschichte noch ein wenig größer werden.

ADAM
Oh… das…

HILARY
(zwischen den Zähnen) Das würde Sie sehr freuen.

ADAM
Das würde mich sehr freuen.

HILARY
Graf von Schwarzenberg, ich danke Ihnen für dieses Gespräch. (zum Kameramann) Schnitt!

ENDE
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Jacob Nomus » 8. Jul 2013, 12:40

@ Michael

Der Text ist unterhaltsam und liest sich flüssig, selten wirken die Fakten wie vorgetragen, nur bei den Jahreszahlen wird es zunehmend enzyklopädisch. Die inhaltliche Abfolge des Interviews finde ich gelungen, da sie natürlich wirkt und nicht wie mit einer Brechstange in die gewünschte Richtung gebogen.

Schmunzeln musste ich öfters; sei es die Kellnerschwemme, der abgeschlagene Mitbürgerkopf mit Migrationshintergrund, der Prozess bis zum Jüngsten Gericht, der Ausspruch "Ley, starb. Mit Recht!" (vielleicht besser "zu Recht", oder gibt Schwarzenberg zu, dass Neuhoff Recht habend starb?), der große Schnösel, die Umrechnung in Euro oder die "treffende" Beschreibung der Schießscharten.

Interessant und spaßig fand ich die Information, dass wegen des verworrenen Erbfolgestreites Herzog Johann Wilhelms Leichnam quasi noch weitere 19 Jahre im Amt blieb, bis er beerdigt wurde; dieser Satz ist übrigens einer jener Fälle, wo ich die Jahreszahl als "aufgedrückt" empfinde.

Meiner Meinung nach ist der Text/Vortrag auch verständlich, wenn der Leser/Zuhörer kein Vorwissen besitzt.

Bezüglich des Eindrucks, den ich von Schwarzenberg bekam: Ein Mann, der seine Ziele verfolgte, auf Ruf und Stellung Wert legte, vielleicht auch ein gläubiger Mensch. All dies wird zum Schluss allerdings karikiert, als er bei der "Aufschneiderei" ertappt wird. Klein beizugeben und der Interviewpartnerin nach dem Mund zu reden ridimensioniert den guten Schwarzenberg, lässt ihn gewöhnlich werden, nah, greifbar, und am Ende auch ein wenig sympathisch.

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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Heffalump » 8. Jul 2013, 17:51

Danke für die ausführliche Besprechung.
Ich bin eigentlich auch kein Jahreszahlen-Fetischist, die Anführung der Daten ist vor allem ein Zugeständnis an den Geschichtsverein. Andererseits könnten sie natürlich die jeweilige zeitliche Einordnung etwas erleichtern - gerade weil im Interview die einzelnen Ereignisse im Leben Schwarzenbergs nicht chronologisch abgehandelt werden, ist schwer zu sagen, welcher Eindruck sich ergäbe, wenn man sie wegließe.
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Lies » 10. Jul 2013, 18:03

Text mitgenommen, scheint höchst unterhaltsam zu sein..melde mich wenn verdaut.

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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Lies » 11. Jul 2013, 09:28

Von der Geschichte unbeleckt, habe ich mir Adam und seine Interviewerin zu Gemüte geführt und mich köstlich amüsiert.

Den Charakter des sich selbst überschätzenden und dann von der Ehegattin zurück gepfiffenen Angebers toll getroffen, die Dialoge witzig und nicht selten in pure Komik gleitend.

Das hat mich keine Sekunde gelangweilt, was immer Du damit vor hast, das wird gelingen.

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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Heffalump » 11. Jul 2013, 19:28

Schönen Dank für die freundliche Bewertung. Aus dem Interview wird Ende Juli oder Anfang August ein Filmchen gemacht, in dem ich den Schwarzenberg spiele (muss mir dringend noch eine Perücke besorgen - festgetackert wird sie aber nicht, dann schon eher mit Heißkleber befestigt).
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon börnie » 12. Jul 2013, 17:40

@Michael

"Graf Adam von Schwarzenberg-Popanz und Pantoffelheld" könnte man deinen Text ebenfalls überschreiben - ich fand ihn auf alle Fälle sehr amüsant.

Vergiss auf alle Fälle nicht, den Film dann hierher zu verlinken, wir wollen ja auch dich einmal mit falscher Haarpracht bewundern :)
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Heffalump » 13. Jul 2013, 17:59

börnie hat geschrieben:Vergiss auf alle Fälle nicht, den Film dann hierher zu verlinken, wir wollen ja auch dich einmal mit falscher Haarpracht bewundern :)


Ich habe zwar keine Ahnung, wie das geht, aber in dem Punkt hoffe ich mal auf Silke (mein alter Computer erkennt sowieso keine DVDs mehr).
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon Jacob Nomus » 5. Aug 2013, 16:20

@ Michael - Wie kam Schwarzenberg nun an?

Sag nicht: "Mit dem Zug".
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Re: Interview mit Graf Adam von Schwarzenberg

Beitragvon sissi » 6. Aug 2013, 12:32

Bin ein wenig spät. Denke, das Stück ist bereits gespielt.
Ich fand es äußerst kurzweilig und mußte bei einigen Passagen mächtig schmunzeln. Klasse geschrieben, lieber Heffa.... laß uns daran teilhaben.
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