Geschichten für Erwachsene

Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Chili » 17. Okt 2010, 23:23

Esperanza bedeutet Hoffnung


Das Ding ist eng. Das Ding ist verflixt eng. Es ist sogar verdammt scheißeng.
Manchmal geht es nicht anders, da muss man fluchen. Ich habe Angst. Sieht denn keiner, dass es viel zu eng ist? Niemals passe ich da hinein! In dieser Röhre werde ich hilflos sein. Unfähig, mich zu bewegen, zu drehen. Und wenn ich stecken bleibe, werden die Hände mich niemals erreichen, die darauf warten, mich ins Freie zu ziehen, ans Licht.
Eingesperrt. Noch mehr eingesperrt als vorher. In der Höhle konnte man sich drehen, das geht hier drin nicht mehr. Es ist nur noch Platz für einen. Nur ich, sonst niemand mehr. Allein mit mir selbst. Ich würde so gerne die Arme ausstrecken und nach dem Himmel greifen. Oder nach einer Hand. Nur eine einzige Hand, die nach meiner Hand greift. Noch nie war ich mir meiner Umgebung so bewusst wie jetzt. Noch nie hatte ich weniger Umgebung als jetzt. Alles ist so nah. Alles ist dunkel.

Ganz am Anfang war es dunkel. Lange Zeit war es dunkel und das ist fast alles, was man darüber sagen kann. Es war auch heiß und feucht, aber hauptsächlich war es dunkel. Ich will nicht darüber sprechen. Ich will auch nicht daran denken. Die Dunkelheit legt sich auf meine Seele, auf mein Gemüt; der Staub vernebelt meine Gedanken; die Feuchtigkeit wässert meine Augen.
Victor hat alles aufgeschrieben, damit er sich erinnern kann. Ich will mich nicht erinnern. Zu dunkel war es. In solch einer Finsternis kann man nicht denken.
Irgendwann kam das Licht. Wir waren schon alle tot. Wir lebten zwar, dennoch waren wir tot. Wir gingen umher, wir sprachen, wir weinten, und manchmal aßen wir. Wir lebten noch, während wir auf den Tod warteten. Hoffnung hält am Leben. Glaube hält am Leben, aber oft glaubten wir nicht mal an die Hoffnung.
Es ist nicht kalt hier, nein. Es ist heiß, aber auch Hitze kann kalt sein. Innendrin ist es kalt. Die Wärme der Gemeinschaft tut gut, aber sie ist trügerisch. Zerbrechlich. Alles ist so zerbrechlich, nur Wände und Decke sind massiv. Tonnen von Stein links und rechts von uns. Unter und über uns. Darüber, ganz hoch droben, ist blauer Himmel, aber ich habe ihn vergessen. Das war in einem anderen Leben.
Hier unten ist eine neue Welt. Das absolute Ende der Welt. Vorher lebte ich doch schon am Rand der Welt. Auf jeder Landkarte kann man es sehen: dahinter ist nichts mehr. Ein schmaler Streifen Land, eine Kante, die den Kontinent zusammenhält wie die Kruste das Brot. Vor langer Zeit, als die Erde noch eine Scheibe war, kam nach uns nur das Nichts.
Als Kind stellte ich mir das tatsächlich so vor: dass die Erde früher eine Scheibe war, bis Galilei eine Kugel daraus machte. Davor musste man aufpassen, dass man nicht runterfiel, aber seither, so dachte ich, kann man immer rundherum fahren und doch nie an einem Ende ankommen.
Ich fahre dem Ende entgegen. Diesmal ist der Weg nicht das Ziel. Dieses eine Mal kann ich auch nicht umdrehen und zurückkehren. Ich habe keinen Willen mehr und keine Wahl. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich umkehren. Zurück in die Höhle, zu meinen Brüdern. Dort war ich in Sicherheit. Es war eine kleine Welt und sie hatte keinen Himmel, aber ich war nicht alleine. Es war kein großartiges Leben, aber es gab alles, was man zum Überleben braucht. Nahrung, Wasser, die Liebe anderer Menschen. Wir liebten einander. Wir stritten miteinander, gingen uns aus dem Weg, gingen uns auf die Nerven, und trotzdem war eine Liebe in uns allen, wie wir sie früher nie gefühlt hatten. Wir teilten Hoffnung und Verzweiflung und einen Hunger nach Leben, so stark, dass man ihn alleine nicht ertragen konnte. Jeder einzelne Mann wurde mir so wertvoll, dass ich weinen wollte, als einer nach dem anderen in dieser grauenvollen Röhre verschwand.
Als erster fuhr Florencio nach oben. Er lachte, als er in den Lift stieg. Ihm folgte Mario. Sie fehlten mir beide schon im selben Moment. Mir fehlte jeder, hinter dem sich die Tür schloss.
Gehören wir denn nicht zusammen? Sind wir nicht jeder dem anderen die ganze Welt? Familie und Freunde, das hatte ich früher einmal. Längst vorbei. Das war ein anderes Leben in einer anderen Welt. Dort habe ich auch gelebt und geliebt. Dort gab es so viel zu sehen, zu hören, zu fühlen, dass ich es kaum beachtete. Ich liebte meine Eltern, ich liebte meine Frau. So war das eben, und ich dachte nicht weiter darüber nach. Wer werde ich sein, wenn ich jetzt zurückkehre? Wie werde ich lieben, wenn meine Frau mich umarmt und wer wird die Frau sein, um die ich dann meine Arme lege? Ich erinnere mich kaum, wer wir früher waren.
Doch, ich kann mich erinnern.
Meine Ohren erinnern sich, wie das Lachen meiner Frau klingt.
Meine Augen sehen auch in der Dunkelheit den blauen Himmel.
Meine Haut weiß noch, wie Wind sich anfühlt.
Nur ich weiß nicht mehr. Ich will auch nicht wissen, weil ich nur hoffen kann, das alles noch einmal zu fühlen. Es war ein anderes Leben. Dahin würde ich gerne zurückkehren. Florencio ist schon dort. Claudio und Osman sind dort. Beinahe alle sind schon oben, aber sind sie wirklich angekommen?
Ich bin jetzt auf dem Weg nach oben, und ich fühle jedes Ruckeln der Kapsel. Ich höre jedes Sandkorn, das fällt. Ich höre das Scharren der Räder an den Wänden dieser verfluchten Röhre. Ich höre eine Stimme aus dem Kopfhörer. Ich atme frische Luft aus einer Flasche.
Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man Sätze nicht mit ‚Ich‘ beginnt. Hier drin bin aber nur ich, sonst niemand. Ich bin allein auf der Welt. Meine Welt besteht nur aus mir. Eine Kapsel, eine Flasche, eine Stimme. Wenn die Kapsel stehen bleibt, die Flasche leer ist, die Stimme verstummt, bleibe nur noch ich.
Ich habe Angst. Ich habe auch Hoffnung, aber vor allem habe ich Angst. Ich will hinaus ins Freie. Meine Arme ausstrecken, mich im Kreis drehen, frische Luft atmen. Die Arme um meine Frau legen, ihr Gesicht in meine Hände nehmen. Ich kann meine Arme nicht bewegen. Dieses eine Mal kann ich nicht die Tür öffnen, um ins Freie zu gelangen.
„Freu dich“, sagten sie zu mir, als sie die Tür schlossen. „Freu dich, du kehrst in dein altes Leben zurück!“
Aber ich weiß nicht. In meinem alten Leben war ich kein Held. Ich bin immer noch kein Held, und trotzdem werde ich einer sein in meinem neuen Leben.
In meinem letzten neuen Leben war ich Ariel, ein Luftgeist in der Hölle.
Es war heiß und dampfig, eine Grotte voll übler Gerüche. Genau so habe ich mir die Hölle immer vorgestellt. Miese Beleuchtung und, wie Jimmy scherzhaft meinte, nur Männer und keine einzige Frau.
Wenn ich an die Hölle glauben würde, was ich nicht tue. Ich bin zwar katholisch, aber nicht sonderlich gläubig. Trotzdem betete ich mit, wenn alle beteten, und sie haben oft gebetet. Es gab ihnen Kraft. Hoffnung. Es gab ihnen auch eine gewisse Gelassenheit, den Willen, das zu ertragen, was ihnen bestimmt ist.
Wenn ich an die Hölle glauben würde … ich brauche nicht daran zu glauben. Ich war in der Hölle.
Wenn ich an den Himmel glauben könnte … doch ich glaube ja an den Himmel. Er ist hoch und weit und klar. Man kann ihn sehen. Man kann ihn sogar fühlen. Man kann die Arme ausstrecken und atmen: tief einatmen, die Lungen füllen mit Luft, die so frisch und köstlich ist wie der Himmel. Man sagt, der Himmel sei nirgendwo so hoch wie über dem Meer. Ich habe das Meer noch nie gesehen. Meine Erinnerung endet in einer Höhle unter dem Berg. Wenn ich oben bin, werde ich ans Meer fahren. Ich werde meine Frau und meine Tochter mitnehmen, und zusammen werden wir ganz neue Luft atmen und einen neuen Himmel sehen.
Wenn ich wieder oben bin, werde ich ein neues Gesicht in meine Hände nehmen und ein neues Leben küssen und ich werde es lieben, wie ich noch nie zuvor geliebt habe.
Wenn die Kapsel still steht, werde ich die Tür öffnen.
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Lies » 18. Okt 2010, 07:44

Sehr gut und vor allem rasend aktuell.

Es wurde viel geschrieben um die Männer in Chile, hier wird es jedermann eingängig aufgearbeitet zu einer Geschichte, die in jeder Phase glaubwürdig klingt. So kann es gewesen sein, so wird es gewesen sein.

3 Punkte
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon börnie » 18. Okt 2010, 22:57

Atmosphärisch sehr dicht geschrieben (war (Zeit) Druck im Spiel? Scherz am Rande, unter Druck entstehen ja auch Diamanten* und Verschüttete erleben auch enormen Druck, innerlich wie äußerlich), mit viel emotional Bildhaftem,grade verfremdet genug, um nicht allzu plakativ auf Chile hinzudeuten.Im Dich-Reinfühlen in deine Protags hast du alles gegeben, es ist so nachvollziehbar, dass das Mit-gehen praktisch von selbst passiert. Sogar das Abgleiten in das rein Rührende muss hier verziehen werden, denn in Grensituationen, wos um Leben und Tod geht, hat nüchterne Distanz keinen Auftrag mehr. Da sind Tränen und noch mehr Tränen kein Kitsch, sondern Ausdruck tiefsten Menschseins.

Außerdem die Form der Geschichte: Wie aus einem Guss geschrieben, eine stilistische Einheit ohne Brüche und Längen.

Mich lesend auf so durch und durch Gefühlsdurchtränktes-in Ö sagen wir "vü zvü Gfüü"-einzulassen, fällt mir sonst nicht so leicht. Gern flücht ich mich normalerweise in ironisierende Distanz.

Aber hier vergeb ich drei Punkte. Das mach ich nur, wenn mich ein Text in jeder Hinsicht überzeugt.

:fooli007:
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Heffalump » 19. Okt 2010, 02:49

Ich gebe zu, ich bin etwas befangen, weil wir beide gemeinsam stundenlang vor dem Fernseher gesessen und die Rettung miterlebt haben. Diese Erinnerung kann ich natürlich nicht völlig ausblenden, wenn ich die Geschichte lese. Trotzdem bemühe ich mich, bei der Beurteilung so distanziert wie möglich zu sein.

Niemand kann wissen, was in den Männern wirklich vorgegangen ist. Aber dieser Versuch einer Annäherung hat eine hohe Glaubwürdigkeit. Ein Durcheinander von widerstreitenden Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen, scheinbar chaotisch, und doch hat dieser ganze Text eine Struktur, eine Linie, man kann (überspitzt gesagt) an seinen Äußerungen, seiner jeweiligen Bewertung der Situation, beinahe ablesen, an welcher Stelle seines Weges der Mann sich gerade befindet (erscheint ihm der unterirdische Stollen am Anfang der Fahrt noch geradezu als ein Ort der Geborgenheit, ist er an deren Ende schon die Hölle, der er nun entrinnt).

Der Text ist gut geschrieben, mit einem sicheren Gespür für das richtige Maß, vor allem, was "Gefühligkeit" angeht. Die kommt punktuell vor, wo sie passend und glaubhaft ist, aber es wird niemals darin "gebadet".

Nur ein paar wenige Details stören mich. Vor allem die zu deutlichen Hinweise auf einen bestimmten dieser Bergleute (nämlich Ariel, dessen Tochter einen Monat vor seiner Befreiung geboren wurde und die deshalb Esperanza heißt).
Jeder dieser Männer kann so empfunden haben, wie es hier geschildert wird. Deshalb ist es ganz unwichtig, welcher von ihnen es ist. Die Fokussierung auf einen bestimmten von ihnen beeinträchtigt die Allgemeingültigkeit. Außerdem erscheint es dann doch befremdlich, dass ein Vater an seine Tochter, die er noch nie gesehen hat, in dieser Situation keinen Gedanken verschwendet. Deshalb finde ich, "Esperanza" sollte aus dem Titel verschwinden.
So ist es auch mit dem Satz "In meinem letzten neuen Leben war ich Ariel, ein Luftgeist in der Hölle". Entweder der Leser weiß, dass einer der Männer Ariel hieß, dann haben wir wieder die Einschränkung der Allgemeingültigkeit. Oder er weiß es nicht (was viel wahrscheinlicher ist), dann wirkt der Satz wie eine unverständliche und deplazierte Bildungshuberei.
Unpassend auch: "Diesmal ist der Weg nicht das Ziel". Denn das war er ja auch sonst nicht, wenn er in die Grube einfuhr (oder wieder hinaus). Und Buddhist ist der Mann ja nun nicht. Der Satz passt einfach nicht zu ihm.
Und schließlich noch eines: Der Text schildert sehr anschaulich die Empfindungen, deshalb sind Sätze, in denen sie direkt benannt werden ("Ich habe Angst", "Ich habe auch Hoffnung, aber vor allem habe ich Angst") überflüssig und störend.

Trotz der Ausführlichkeit: Das sind Punkte, die nicht sonderlich ins Gewicht fallen und nichts daran ändern, dass dies ein sehr gelungener Text ist.
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Crimson » 20. Okt 2010, 17:39

Mir hätte der Text durchaus noch etwas schneller sein können, oder aber etwas langsamer. Damit meine ich, dass ich mir versuche, vorzustellen, was jemandem durch den Kopf schießt, der 20 Minuten in dieser engen Kapsel sitzt, eine Erfahrung, die die Wochen unter Tage wahrscheinlich nochmal toppt. Entweder, so einem Menschen schießen dann wirklich tausend Sache durch den Kopf (in diese Richtung gehst du ja), oder aber, er ist kaum noch in der Lage, etwas zu denken, auch durch die Situation davor. Im ersten Fall hätte mir der Text noch ein wenig abgehackter sein dürfen, so in der Art wie Arthur Schnitzler seine inneren Monologe schrieb. Im zweiten Fäll hätte man mehr Wiederholungen einbauen können, schwerfälligere Gedanken, die noch nicht so ganz fließen wollen.

Aber allein dadurch, dass ich hier darüber nachdenke, wie ich diesen Text geschrieben habe, wird deutlich, dass er mir an sich gut gefallen hat. Der Text hat eine Geschwindigkeit und wirkt glaubhaft, wenn auch die Gedanken meiner Meinung nach zu deutlich durch eine Erzählinstanz gefiltert sind. Gestört habe ich mich irgendwie nur an dem Namen Jimmy, der mir irgendwie nicht ins Setting passt, aber ich gehe mal davon aus, das einer dieser Bergleute wirklich so hieß.
Ansonsten stimme ich Heffa zu, dass entweder die Überschrift überarbeitet werden sollte, oder aber der Name Esperanza noch einmal im Text präsenter sein sollte, um klar zu machen, dass hier eine Doppeldeutigkeit vorliegt.
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Lies » 20. Okt 2010, 18:46

Esperanza Doppeldeutigkeit? Ist das hier gemeint?

Jeder weiß doch, dass es Hoffnung bedeutet.
Dennis, die Gazetten bundes- und auch weltweit haben diese ganze Sache vorundrückwärts berichtet und die Bedeutung von Esperanza war dabei immer wieder Thema.

Sollte das also gemeint sein mit Deiner Bemerkung dann keine Sorge, den Leser, der das nicht kapiert hat, wirds nicht geben.:-)))

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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Crimson » 21. Okt 2010, 00:01

Nein, ich meine damit, dass Esperanza Hoffnung heißt, also Übersetzung und zweitens, dass das eine persönliche Aussage des Protagonisten sein könnte, dessen Tochter Esperanza heißt. Ich zum Beispiel wusste dieses Detail nicht, weil ich mir die Rettung nicht live angesehen habe und auch im Vorfeld Nachrichten über dieses Thema eher gemieden habe.
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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Jacob Nomus » 21. Okt 2010, 08:41

Diesem Text würde meines Erachtens ein Untertitel, z.B. "Chile 2010: Gedanken eines eingeschlossenen Minenarbeiters", nicht schlecht stehen.

Als ich folgende Zeile las:

"Das Ding ist eng. Das Ding ist verflixt eng. Es ist sogar verdammt scheißeng."

sah ich Bridget Jones in der Umkleidekabine von H&M bei der Anprobe einer Jeans.
Nach dem ersten Passus war aus der Jeans ein Hochzeitskleid geworden. Das "Drehen und Wenden" bezog ich auf einen eventuellen Tanz mit dem Bräutigam. Dann plötzlich das Wort "Höhle" - ein kurzer, ergebnisloser Gedanke meinerseits ans Höhlengleichnis - und der dramatische Stil, der so gar nicht zu Bridget Jones passen wollte. Ich schwamm.
Also las ich weiter. Bei den gebrauchten Wörtern weiß der Leser nicht, welche von ihnen Metaphern, Synonyme oder Fakten darstellen. Unfähig, eine nachvollziehbare Geschichte zu erkennen, sammelte ich die Bilder in dem temporären mentalen Verzeichnis "Am Ende der Geschichte zuzuordnende Details". Das Verzeichnis wurde ziemlich voll.

"Irgendwann kam das Licht. Wir waren schon alle tot. Wir lebten zwar, dennoch waren wir tot."

Waren sie nun tot oder waren sie es nicht? Vor meinem geistigen Auge schwebte eine Gemeinschaft von Sündern durch die Flammen der Vorhölle. EIn zutreffendes Bild, wenn man an Silkes Intention denkt, aber eine haltlose Situation für den Leser. Was hatte die Vorhölle mit H&M zu tun?

Irgendwann dämmerte es mir, den Text auf die Bergung der Minenarbeiter zu beziehen. Endlich passten Inhalt, Form und Bogen. Ich las den Text ein zweites Mal und verneigte mich vor einer solch intensiven Darstellung des Geschehenen. Dann gedachte ich der Leser, die sich nicht an die Rettung der chilenischen Minenarbeiter erinnern würden - bei der Geschwindigkeit der Informationsübertragung also alle Leser ab dem 12. Dezember 2010 - und empfand tiefes Beileid.

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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Lies » 21. Okt 2010, 09:46

Dann gedachte ich der Leser, die sich nicht an die Rettung der chilenischen Minenarbeiter erinnern würden - bei der Geschwindigkeit der Informationsübertragung also alle Leser ab dem 12. Dezember 2010 - und empfand tiefes Beileid.


Ich nicht, ich beglückwünschte sie zu der Spannung mit der sie zur Aufschlüsselung gelangten, denn da würden sie dann unweigerlich ankommen.

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Re: Geschichten für Erwachsene

Beitragvon Jacob Nomus » 21. Okt 2010, 09:50

@ Lies - Ich bezweifle, dass jeder Leser unweigerlich zur Aufschlüsselung gelangt. Denn mit keinem Wort wird in dem Text der Bezug zum realen Geschehen in Chile 2010 angedeutet. Der Ort "Chile" wird allein enigmatisch in Verbindung mit dem Ende der Erdscheibe angedeutet; eine Eigenschaft, die Chile mit jedem anderen Land an der Westküste Amerikas teilt. Deswegen mein Hinweis, einen Untertitel zu nutzen, um den Bezug klar herzustellen.

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