Neusprech und Gutdenk

Hier darf alles rein ...

Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Heffalump » 5. Jan 2013, 01:15

Nun sind wir mit einem Vierteljahrhundert Verspätung doch noch in Orwells Jahr 1984 angekommen:

http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ ... 75839.html

Bücher im Sinne der herrschenden Political Correctness umzuschreiben und dabei alles Missliebige durch Neusprech und Gutdenk zu ersetzen war ja dort schon der Job der Hauptfigur. Daraus könnte sich ein völlig neuer Berufszweig entwickeln, durch den man eine ganze Schar pekuniär herausgeforderte Autoren aus der Gosse holen würde. Die müssten freilich nicht nur arbeits-, sondern auch rückgratlos sein - aber ich denke, daran wird kein Mangel bestehen.
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Garlin » 8. Jan 2013, 18:48

"Mit der Zeit ist aber die Einsicht gewachsen, dass die Authentizität des Werks der sprachlichen Weiterentwicklung untergeordnet werden muss"

Na bravo! Bin gespannt, wann unsere Klassiker dann endlich dem lächerlichen Denglischgequake unserer Werbefuzzis angepasst werden. Übrigens weiß ich nicht genau, was an 'Neger' diskriminierend ist. Untereinander reden sie sich selbst mit 'Nigger' an, wie ich in den USA feststellen konnte.
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Heffalump » 8. Jan 2013, 19:39

Mir graut schon vor einem "Shakespeare in geschlechtergerechter Sprache". Eine Bibel dieser Art gibt's ja seit einer Weile. Seit ich erfahren habe, dass Frau Käßmann daran beteiligt war, ist sie bei mir endgültig unten durch.
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Lies » 9. Jan 2013, 09:53

wie geht das denn, Wörter nicht neu zu übersetzen, sondern sie wegzulassen?
Damit entstehen doch beim Vorlesen der Kinderbücher Löcher im Text.

Da wäre ich doch für *ersetzen* egal wie blöd und auch nicht nachvollziebar das bei Begriffen wie Neger oder Zigeuner klingen mag.
Kind etwickelt sowieso seine eigene Jugendsprache, da dürfte es nicht so graffierend sein, diese angeblich so diskriminierenden Bezeichnungen gleich zu ersetzen und seis durch Wortkonstruktionen wie Südseeherrscher:-)
Kind wird es gar nicht merken, das interessiert sich in dem Alter nicht für die Sprache, sondern für den möglichst aufregenden Inhalt einer Geschichte und die Erwachsenen werden es überleben, denn allzu lange müssen sie ja nicht vorlesen.

Was die Klassiker betrifft, kann man doch dem Generationenwechsel der Leser Rechnung tragen und ein sowohl als auch praktizieren. Neufassungen für die Nachfolgegenerationen und die klassische Fassung für Leser, die genau darauf Wert legen.
Das könnte sogar dazu führen, dass die jungen Leute mehr Klassiker lesen, als sie das tun würden, wenn sie die gestelzte Sprache gar nicht verstehen.

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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Garlin » 9. Jan 2013, 10:43

Ja und nein, Lies. Ich habe nichts dagegen, wenn aus Gründen der Lesbarkeit die Rechtschreibung behutsam angepasst wird, z.B. das vielfach vorhandene h, wie in 'Thal' weggelassen wird. Aber die Sprache muss erhalten werden! Gerade deshalb lese ich doch so etwas. Oft bleibt bei den Klassikern nur eine triviale Story übrig, wenn man sie in Neusprech umsetzt.
"Gewicht'ge Umständ haben mich bewogen, zu glauben, Sire, Ihr wärt mein Feind." Ist das nicht ein herrlicher Satz?
Und bei Ödipus will ich wirklich nie lesen:
"Ey, du hass deine Mudda gefickt, Digga?" 8-)
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Lies » 9. Jan 2013, 14:02

Und bei Ödipus will ich wirklich nie lesen:
"Ey, du hass deine Mudda gefickt, Digga?" 8-)


Aber, aber Garlin, Dein Beispiel ist aber eines der schrecklichsten und würde von keinem Lektor und keinem Verlag akzeptiert.
Aber interessant zu erfahren, dass ohne die verschnörkelte Sprache früherer Zeit auch nur eine triviale Handlung übrig bliebe.

"Gewicht'ge Umständ haben mich bewogen, zu glauben, Sire, Ihr wärt mein Feind."


Aber für jemanden der sich nicht durch Schnörkelsprache durchwursteln will, wäre doch mit der Übersetzung:

die Ereignisse machen deutlich, dass ich Euch gewiss nicht zu meinen Freunden zu zählen habe

alles klar, ohne aus dem Ruder zu laufen.

Du gönnst Dir also bewusst die alte Sprache, kannst dasselbe aber nicht unbedingt von jugendlichen Lesern erwarten.

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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Heffalump » 9. Jan 2013, 14:05

Beklemmend finde ich eben vor allem, dass sich engherzige Kleingeister ungestraft als Gedankenpolizei aufspielen und betätigen können (das wäre doch der ideale Job für unseren Capt'n Georg, fällt mir gerade ein). Die Ideologie der Political Correctness wird zu einer Seuche, die auf dem Weg einer Vereinnahmung der Sprache in einer Weise das Denken zu kontrollieren und gleichzuschalten versucht, die haarsträubend ist, und die Medien machen sich zu willfährigen Erfüllungsgehilfen - so gab es zu dem verlinkten Artikel auf Spiegel Online ursprünglich ein Forum mit zahlreichen Beiträgen, die von einhelliger Ablehnung geprägt waren; nach gerade mal anderthalb Tagen wurde dieses Forum von der Redaktion nicht etwa nur geschlossen, sondern komplett gelöscht. Erbärmlich.

Um darüber aber eins nicht zu vergessen, Garlin: Wir brauchen noch ein Thema für den nächsten Scriptathlon.
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Jacob Nomus » 10. Jan 2013, 15:07

Aus "ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie" wird "ein Dunkelhäutiger mit Gazelle zagt im Regituähleknud nie"?

Mögen es die Verantwortlichen verantworten. Derweil kaufe ich auf Ebay die Originalversion der Texte. :)

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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon börnie » 12. Jan 2013, 20:55

Bei uns in Österreich (vor allem im Raum Wien) heißt "I bin nega" übrigens "Ich bin pleite" ...

Das Hauptwort dazu, also ein Mensch der pleite ist: Der Negarant :)
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Re: Neusprech und Gutdenk

Beitragvon Heffalump » 12. Jan 2013, 21:26

Und der, dem das Geld aus allen Poren quillt, sagt dann: "I bin posi"? Oder spricht man nicht über Geld?
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