Vision

Re: Vision

Beitragvon Lies » 19. Okt 2010, 13:51

Nur so nebenbei Fabiana.

Natürlich war hier bei der Aufgabenstellung nie die Rede davon, dass man sich von der Vorgabe die* Enden der Welt* nicht eines aussuchen konnte, das man dann verarbeitet.

Ob geographisch wie ich, oder weltuntergangsmäßig wie Du, das war völlig anheim gestellt, also kannst Du die Idee fahren lassen, das Thema nicht bedient zu haben und deshalb Deinen Beitrag zurück ziehen zu müssen.
Keine Rede von Themenverfehlung.

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Re: Vision

Beitragvon Heffalump » 19. Okt 2010, 18:35

Also, der Reihe nach. Zunächst Lies:
"Fantasy" ist ein literarisches Genre, das durch bestimmte Kriterien gekennzeichnet ist.
http://de.wikipedia.org/wiki/Fantasy
Fabianas Text hat absolut nichts damit zu tun. Und mangelnde Recherche allein macht noch keine Fantasy.

Fabiana:

Zu den Kriegen und Massenmorden, die Du benennst, resümierst Du eingangs ganz richtig: "Der Mensch - wehe, wenn er losgelassen." Daran knüpft sich zwangsläufig die Frage: Losgelassen - von wem?

Die von Dir angeführten Beispiele (die Liste ließe sich fast endlos verlängern) haben alle eine Voraussetzung gemeinsam: Die Gier bestimmter Personen oder Gruppen nach Herrschaft, nach politischer (All-)Macht. Die Wissenschaft und die Technik als deren praktische Anwendung haben sich stets in den Dienst solcher Machtbestrebungen gestellt - zumal in den letzten 200 Jahren in weit größerem und verheerenderem Maße, als es je die religiösen Institutionen getan haben.
Dieser politische Aspekt fehlt in Deinem Text völlig. Was dort im Jahr 2040 geschieht, passiert gewissermaßen "einfach so". Denn dass ein einzelner Wissenschaftler eine Entdeckung macht (sei sie auch wissenschaftlich haltbar), bewirkt für sich allein noch gar nichts. Da braucht es schon Leute mit viel Einfluss, sehr viel Geld und frei von Skrupeln, die sie für ihre Zwecke ausnutzen, damit sich letztlich derartige Folgen ergeben, wie Du sie in Deinem Szenario schilderst.

Wenn man diesen Abschnitt (2040) liest, dann will man doch wissen: Wie ist es dazu gekommen? Und ich finde, man hat als Leser auch einen Anspruch darauf. Die Antwort bleibst Du aber weitestgehend schuldig. Denn was erfährt man?
2009 macht Frank eine bestimmte Entdeckung, die (zumindest für ihn) der Beweis für seine lange gehegte Überzeugung ist.
2015 hat er in der Funktion als einzelner Gerichtsgutachter innerhalb von nur fünf oder sechs Jahren das gesamte amerikanische Rechtssystem ausgehebelt (was, wie schon gesagt, absolut unglaubhaft ist).

Das ist alles.

Danach vergehen 25 Jahre, in denen sich "irgendwie" die Situation von 2040 entwickelt.
Gerade diese Entwicklung wäre nun das entscheidend Wichtige (und Interessante), da hättest Du als Autorin gegenüber dem Leser eine Bringschuld, der Du leider in keiner Weise nachkommst.
(Das alles gilt natürlich immer nur unter der Voraussetzung, dass es eine gute Geschichte sein soll. Ich gehe aber mal davon aus, dass das auch Dein Anspruch ist, schließlich hast Du ja schon viele sehr gute Geschichten geschrieben.)

Zu den Kritikpunkten, die Du - wie Du glaubst - zerbröselst:

"1. ständiger Personenwechsel"

Das ist schon mal falsch. Es ging nicht einfach um die "Personen", sondern um die Protagonisten der jeweiligen Abschnitte. Das ist wirklich nicht dasselbe.

Da hätten wir:
1. und 2. Abschnitt: Protagonist Frank - es wird aus seiner Perspektive erzählt.

3. und 4. Abschnitt: Protagonistin Rena - es wird aus ihrer Perspektive erzählt. Frank kommt zwar im 3. Abschnitt als Person vor, aber nicht mehr als Protagonist, sondern jetzt als Antagonist. Anschließend verschwindet er völlig aus der Geschichte.

5. Abschnitt, 1. Unterabschnitt: Protagonistin Claudia - es wird aus ihrer Perspektive erzählt.

5. Abschnitt, 2. und 3. Unterabschnitt: Protagonistin Rena - es wird aus ihrer Perspektive erzählt. Claudia kommt im 2. Unterabschnitt als Person vor, aber nicht mehr als Protagonistin, sondern nur noch als (fremdes) Gegenüber von Rena.

So kann man selbstverständlich in einer langen Erzählung oder einem Roman verfahren, dort wäre es gar nicht zu beanstanden. Aber der Rahmen einer Kurzgeschichte wird dadurch gesprengt.

Was den zweiten Punkt betrifft: Ich fand es lediglich schade, dass Rena nicht auf die Idee kommt, Franks logischen Denkfehler anzusprechen. Das war in dem Sinne keine "Kritik" wie die anderen Punkte, schließlich ist jede Autorin und jeder Autor frei darin, die Intelligenz der Figuren so zu bemessen, wie sie/er es wünscht und braucht.
Was Du allerdings nun darauf erwiderst, finde ich zum Teil ein wenig erschreckend.
"richter richten nicht nach natürlichem empfinden, bzw. unter berücksichtigung der natur des menschen" - wenn das wahr wäre, brauchten wir überhaupt keine Richter, sondern könnten sie durch mit Gesetzestexten gefütterte Computer ersetzen. Zum Glück (manchmal, bei Fehlurteilen, leider auch zum Unglück) ist es nicht so, im Gegenteil: Strafgesetze und Strafprozessordnung (in Deutschland) sind unter anderem auch gerade darauf ausgerichtet, die Natur des Menschen sehr wohl zu berücksichtigen, und zwar die Natur jedes einzelnen Angeklagten. Von der Feststellung der Schuldfähigkeit über die Frage (bei jungen Erwachsenen), ob nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht geurteilt wird, bis zur Urteilsfindung und -begründung fließt das in den Prozess mit ein, und das "natürliche Empfinden" des Richters ist hier sehr wohl gefordert.
In den USA, wo schwere Straftaten vor einer Jury verhandelt werden, spielt bei den juristischen Laien (die die Geschworenen naturgemäß sind) das "natürliche Empfinden" zweifellos eine noch größere Rolle.

Ich glaube, was Du übersiehst, ist der Unterschied zwischen Nachweis der Tat und Feststellung der Schuld. Aufgabe der Rechsprechung ist ja nicht einfach bloß das "Bestrafen" (sozusagen als "Rache" im Namen des Volkes), sondern vor allem auch der Schutz der Gesellschaft. Deshalb wird jemand, der eines Tötungsdelikts überführt wurde, nicht einfach freigesprochen, nur weil man seine Schuldunfähigkeit festgestellt hat. Er kommt lediglich nicht ins Gefängnis, sondern in eine psychiatrische Anstalt. Daran würde auch die noch so geniale Entdeckung eines Mr.Hyde nichts Grundsätzliches ändern.

Zu einem weiteren Punkt: Du sagst "Science-Fiction - mir war nicht klar, dass in diesem Genre alle Punkte einer wissenschaftlichen Untersuchung standhalten müssen."

Diesem Genre gehört Deine Geschichte nicht an. "Science" kommt nur an einer Stelle vor, wenn Hyde seine Entdeckung macht. Daran habe ich keinen Anstoß genommen - selbstverständlich kann er entdecken, was immer Du willst.
Insgesamt handelt es sich aber um eine gesellschaftliche Vision, keine wissenschaftliche. Und da vier der fünf Abschnitte nicht in einer ferneren Zukunft liegen, bei deren Gestaltung Du weitgehend frei wärst, sondern in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart (2015 kann man hier wegen der großen zeitlichen Nähe durchaus mit einbeziehen), muss das, was dort geschildert wird, eben auch stimmen, das heißt, glaubwürdig sein. Bei 1970 und 1980 ist das der Fall, bei 2009 und 2015 in wesentlichen Punkten nicht.

Das Maß an Glaubwürdigkeit, das man von einer Geschichte verlangen muss, hängt immer davon ab, in welchem Maß sie ernst genommen werden will. Es wäre lächerlich, etwa von einem James Bond "Glaubwürdigkeit" zu erwarten, weil er eben erkennbar nicht ernst gemeint ist.
Dein Text hingegen ruft mir praktisch mit jeder Zeile zu: "Nimm mich ernst!", und Deine Kommentare dazu belegen das ja auch. Deshalb muss er sich in punkto Glaubhaftigkeit einen entsprechend hohen Anspruch gefallen lassen und dort, wo er die Glaubwürdigkeit eines James Bond nicht oder zu wenig übersteigt, auch entsprechende Kritik.

Zum Schluss noch:
Wenn Du ernsthaft glaubtest, ich kritisiere nicht den Text, sondern Dich, fände ich das sehr traurig, denn Du müsstest eigentlich wissen, dass das nicht stimmt.

Auch meine letzte Kritik bietet dafür keinen Anhaltspunkt. Da ging es um eine Zwei-Personen-Geschichte: Eine egozentrische, nervtötende Protagonistin mit moraltriefender Fassade und nix dahinter und eine Ich-Erzählerin, die sie dafür rückhaltlos bewundert hat. Eine innere Distanz der Autorin war an keiner Stelle dieses Textes auch nur zu erahnen. Wenn es Dein Ziel war, durch Verschleierung Deiner eigenen Haltung zu provozieren, dann ist Dir das gelungen, und ich bin darauf hereingefallen, das habe ich ja dann auch zugegeben. Aber bei allem, was ich dazu geschrieben habe, ging es immer nur (genau wie diesmal) um den Text und um Dich allenfalls als Autorin in diesem konkreten Fall (das ist ja nun mal nicht zu trennen) - aber niemals um Dich als Autorin generell noch gar um Dich als Person.
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Re: Vision

Beitragvon Lies » 19. Okt 2010, 19:11

Heffa schrieb:
Da braucht es schon Leute mit viel Einfluss, sehr viel Geld und frei von Skrupeln, die sie für ihre Zwecke ausnutzen, damit sich letztlich derartige Folgen ergeben, wie Du sie in Deinem Szenario schilderst.
Ende Auszug

Das betraf dann Fabianas Text, aber genau so endet mein Text - die Protag hatte die entsprechenden Kontakte und zog aus, dort einzugreifen wo sie Erfolg haben würde. Trotzdem wurde Ganglien als * keine Geschichte* bezeichnet, das verstehe wer will.
Und was Fantasy ist weiss ich wohl Heffa, erlaube mir aber, die gute deutsche Fantasie einfach einzubeziehen. Literaturpolitisch korrekt oder nicht.:-)))

Vielleicht würde das Problem lösbar, wenn Fabis Geschichte ins Jahr 3000 verlegt würde, dann wäre es vielleicht Fantasy, obwohl es auch dann Fantasie bleiben wird.

amüsiert Lies
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Re: Vision

Beitragvon Heffalump » 19. Okt 2010, 19:41

Lies hat geschrieben: Das betraf dann Fabianas Text, aber genau so endet mein Text


Gerade das ist das Problem, weshalb Dein Text nicht wie eine Geschichte, sondern wie eine Exposition auf mich wirkt: weil er genau so eben endet.
Ich schließe mich Jacobs Darstellung an und würde es so formulieren:
Erst wird ein Fass aufgemacht - dann wird ausführlich erklärt, was es bis dahin zu trinken gab - und dann ist Sperrstunde. Ein Ausschank findet nicht statt.
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Re: Vision

Beitragvon Crimson » 24. Okt 2010, 18:19

Ich glaube, dass diese Geschichte durchaus Potential für einen Roman hätte, dass da viele Leeräume drin stecken, die gefüllt werden wollen und auch die erzählten Stellen durchaus länger spannend bleiben würden. Die ersten beiden Absätze beispielsweise sind unheimlich intensiv, schockierend. Sie zeigen sehr pointiert "Geisteskrankheiten" im Sinne von übersteigerten Gewaltpotentialen. Ich denke, dass diese Passagen auch funktionieren würden, wenn sie länger ausgearbeitet werden würden. Unter anderem finde ich auch das mitschwingende Thema der Vererbung ganz interessant, was im wissenschaftlichen Kontext eigentlich auch eine glaubhafte Rolle spielen könnte.
Ich glaube, aus den Figuren könnte man viel machen: Ist der innere Antrieb von Hyde wirklich der Beweis seiner These, sieht er die Folgen, wünscht er sie sich herbei? Oder ahnt er innerlich nur, dass mit seiner eigenen Psyche etwas nicht stimmt und unternimmt er seine Forschung nur, um sich selbst zu legalisieren? Genau in diesen Fragen und in den Figurenbeziehungen könnte ein deutlich längerer Text gut aufbauen.
Allerdings müsste dafür dann entschieden werden, ob der Fokus dann auf Hydes Forschung und damit mehr auf seiner Person liegen soll, oder aber auf den Folgen seiner Forschung und damit globaler gesehen auf der ganzen Welt und nicht mehr so sehr auf seiner Person. Stephen King zeigt in "The Stand" wie ein Buch zweigeteilt funktionieren kann, erst mit der globalen Katastrophe und dann mit der Konzentration auf Einzelpersonen. Aber ich glaube, diese Trennung gekonnt hinzukriegen, ist eine Riesenleistung und andersrum (erst Einzelpersonen - dann Katastrophe), noch schwieriger zu bewerkstelligen.

Für den Wettbewerb: Tatsächlich denke ich auch, dass hier eher das eine Ende der Welt verhandelt wird. Aber, könnte eine Gegenargumentation lauten, wird dieses Ende eben global an ganz vielen unterschiedlichen Orten eingeläutet, die Welt zerfrisst sich selbst durch ihre Bewohner. Es ist also gar nicht so völlig verfehlt.
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Re: Vision

Beitragvon murkele » 25. Okt 2010, 21:48

Mir hat die Geschichte beim ersten Lesen bereits gut gefallen, doch auch ich finde, hier ist Potential für einen Roman vorhanden. Vor allem der zweite Teil, das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ist mir persönlich zu kurz gekommen.
Also, Fabi, mach hinne und schreib. :)
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