Die Kunst zu sterben

Die Kunst zu sterben

Beitragvon Fabiana » 13. Mai 2011, 22:46

'NUR NOCH ACHT MINUTEN'
Dann ließ sie mich allein.
Vier Worte, achtzehn Buchstaben, fast liebevoll ausgesprochen, nein, eher in diesem sanften Ton, in welchem Mütter ihre Kinder ermahnen. Dieser Ton ist es auch, der mich packt, mir die Luft abschnürt und mich meiner Situation bewusst werden lässt.
Mir wird kalt und ich beginne zu zittern, ziehe die Beine ganz eng an den Körper, hebe die Unterarme an die Brust und etwas warmes spritzt mir ins Gesicht. So viel Bewegungsfreiheit, war sie geplant? Sollte ich mich bis zuletzt am eigenen Blut wärmen? Der Balken drückt mir hart ins Kreuz, das kratzige Hanfseil schneidet in die Haut der Oberarme. Keinen Millimeter lässt sich mein Oberkörper bewegen, ich versuche es dennoch. Stöhne laut Angst und Schmerz ins Dunkel des Kellers, in der Hoffnung, meine Pein ist erkennbar. Wer immer mich hört und auch sieht, dem soll das Unbehagen ins Gedärm kriechen.
'NUR NOCH ACHT MINUTEN'
Mein Blick wandert langsam, fast widerwillig, auf meinen linken Unterarm. Wie präzise der Schnitt ist. Nicht lang, aber lang genug um mein Leben herausfließen zu lassen.
Meine Lippen beginnen zu beben, in meinem Brustkorb staut sich Druck auf, bis mir die Augen fast aus den Höhlen springen. Mein verzweifelter Schrei lässt mein Begreifen erkennen, muss es erkennen lassen, denn es ist von Bedeutung. Vorsichtshalber ein zweiter Schrei, in der Hoffnung, er dringt ganz tief ein und lässt jeden mit mir leiden, der ihn hört.
"Die eigene Schwester." Heiser flüstere ich es in die Dunkelheit, und finde, der Klang verstärkt die Dramatik gekonnt. Das ist gut so, ich muss sie erreichen. Also noch einmal, lauter, verzweifelter: "Du bist meine Schwester, das kannst Du nicht tun!"

Sie täuschte Verzeihen vor, nutzte mein Vertrauen und schlug mich nieder. Band mich und zog mir heulend ein Messer durchs Fleisch. Fühlte sich dazu berechtigt, weil ich zu mordlüstern bin. Soviel zur Vorgeschichte.
Ich muss nun weinen, schluchzen, bitten und betteln um mein Leben. Also tue ich es. Dann horche ich in die Dunkelheit. Nichts rührt sich, warum auch, wenn ich noch nicht fertig bin mit sterben. Darum geht es schließlich. Ich sitze hier, gefesselt, die Pulsader am linken Arm ein bisschen aufgeschnitten, um abzukratzen. Nicht übermäßig langsam, das braucht keiner, aber langsam genug, damit es genossen werden kann.
'NUR NOCH ACHT MINUTEN'
Ich muss allmählich zeigen, dass ich verstanden habe. Sie hätte mich erschlagen können, oder mir die Kehle durchschneiden. Grund genug hatte ich geliefert. Aber dann wäre ja keine Zeit für das Verstehen geblieben. Einsicht und Reue verstärken tragische Momente.
Also lasse ich den Kopf auf die Seite fallen und stiere ins Nichts. Weiß, dass ich gesehen werde, lasse die Lider zittern. Ich presse ein wenig und langsam füllen sich die Augen mit Tränen, laufen über. Eine tropft auf meine Schulter, die andere von meiner Nasenspitze, sehr gekonnt. Nun nicht mehr stieren, sondern Verstehen aufblitzen lassen. Es wird Zeit, denn sie ist gleich um, meine Zeit. Ich werde schwächer, lächle leicht, nehme ihn an, meinen Tod, hoffentlich überzeugend. Denn nur Überzeugung bringt mich ans Ziel. Ich lächle noch immer dieses einsichtige Lächeln, welches der Beweis dafür ist, dass ich begriffen habe. Ich verzeihe ihr, der Schwester, dass sie mich ermordet hat. Ich war ein Miststück, habe es verdient. Mein Kopf rollt dramatisch auf die Brust, ein Wort entringt sich derselben, gehaucht nur: "Verzeih".
Ein letzter Seufzer, nicht zu laut, ein Keuchen noch und ...

Ein Rütteln an der Schulter. Ich öffne die Augen und blicke in ein Gesicht. Es ist Jack, in seiner Hand die Klappe.
"Um Himmels Willen, Mädchen", sagt er leise, "Du sollst Deine Rolle SPIELEN, und Dich nicht in ihr verlieren."
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Re: Die Kunst, zu sterben

Beitragvon Lies » 14. Mai 2011, 00:27

Gekonnt Fabi.
Ist das Dein Beitrag zum Scripthalon?

Lies
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Re: Die Kunst, zu sterben

Beitragvon Fabiana » 14. Mai 2011, 01:16

Ja, Lies, das ist er. Ich war heute fleißig. ;-)
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon Lies » 1. Jun 2011, 09:12

Ich klinke mich wieder ein und hoffe, an der Wertung komplett noch teilnehmen zu können.
Es war ratsam, die Beiträge nun doch noch einmal nachzulesen und ich sehe den hier nach wie vor ganz oben.

Ich muss mir mal einiges von Deiner Schreibweise abgucken, denn Du schreibst sehr präzise, ich schmücke noch viel zu viel aus und die Beiworte sind auch zu reichlich.
Das machst Du nicht, Du führst den Leser ins Geschehen und hälst ihn darin, bis er dann bei der unvermeidlichen Pointe abstürzt, um entweder mit einem Lachen oder mit Schrecken zu landen.


3 Punkte
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon Buchhexe » 1. Jun 2011, 14:17

Eine wunderbare Kurzgeschichte, spannend bis zum Schluß und mit Überraschungseffekt!
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon börnie » 3. Jun 2011, 20:56

Melodramatisch, zum Ausgleich gespickt mit einer gehörigen Portion Ironie, gewohnt gekonnt geschrieben und eine ausgesprochen gelungene Pointe. Das alles in einer Kürze, die trotzdem nichts vermissen lässt, im Gegenteil, sie dient der Dichte und Unmittelbarkeit.

Hat mir sehr gut gefallen, daher 4 Punkte ;)
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon Crimson » 5. Jun 2011, 14:45

Hier wird eine wirklich gute Szene aufgebaut, beklemmend und intensiv beschrieben. Ich war von der Auflösung und der Entdeckung, dass es eben nur eine gespielte Szene war, ein wenig enttäuscht, wirft einen irgendwie aus genau der vorher aufgebauten Stimmung raus.
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon Fabiana » 5. Jun 2011, 15:56

Dann hast Du meine kleinen Hinweise übersehen. Für während dem Lesen soll es zwar so sein, aber am Ende sollte klar werden, dass einige Gedanken der Prot nicht zu einem realen Sterben passen. ;-))
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon murkele » 5. Jun 2011, 17:47

Hat mir gut gefallen. Hat sich die Hauptdarstellerin in ihrer Rolle verloren, so hab ich mich lesenderweise in deiner Geschichte verloren. :)
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Re: Die Kunst zu sterben

Beitragvon Crimson » 5. Jun 2011, 20:34

Ich kann mich heute auch nur schwer konzentrieren, irgendwie, kann also sein, das ich was überlesen habe. Ich schau an einem geistig fitteren Tag nochmal rein, versprochen. :)
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