Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

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Beitragvon börnie » 22. Feb 2011, 10:23

Buchempfehlung: Und Nietzsche weinte, von Irvin D. Yalom

Klappentext: Im Wien des Fin de siecle: Die selbstbewußte junge Russin Lou Andreas Salome drängt den angesehenen Arzt Josef Breuer, dem suizidgefährdeten Friedrich Nietzsche zu helfen und ihn von seiner zerstörerischen Obsession für sie zu kurieren. Breuer willigt ein und unterzieht Nietzsche einer neuartigen Heilungsmethode, deren Ausgang jedoch für beide unerwartet ist...

Der junge Sigmund Freud kommt als Nebenprotag auch in dem Buch vor, als enger Freund und Ratgeber Breuers.

Der Autor ist Psychotherapeut und schrieb auch "Die rote Couch" und "Die Schopenhauer Kur".

"Und Nietzsche weinte" ist so brillant und so spannend geschrieben, dass ich es in einer Nacht auslesen musste.

Trotz der 438 Seiten g*

Dem Autor ist es gelungen, hochhonorigen und geschichtsträchtigen "Gründervätern" unserer Kultur mittels
hochintelligenter und tiefsinniger Dialoge pralles Leben einzuhauchen. Man meint direkt dabeizusitzen, wenn sie schlagfertig in Breuers Praxis oder Privatwohnung ihre Gedanken austauschen. Das Ganze vor der hervorragend zum Leben erweckten Kulisse einer Zeit des tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels, in der sich bahnbrechend neue philosophische und medizinische Strömungen in den Startlöchern befanden. Der Schreibstil ist trotzdem niemals trocken oder ernst, im Gegenteil, das Buch sprüht vor geistreichem Witz.

Obwohl sich Breuer und Nietzsche im echten Leben nie begegneten, gelingt dem Autor die fiktive Begegnung dieser beiden unterschiedlichen Männer perfekt glaubwürdig: Der brilliante, unzugängliche, depressive Nietzsche, der schwerster Migräniker ist und der angesehene, hilfsbereite, schlaue, und doch von einer veritablen Midlifecrisis geplagte, ebenfalls lebensüberdrüssige Breuer haben eins gemeinsam: sie sind liebeskrank, Nietzsche verzehrt sich nach Lou Salome, Breuer nach Bertha, einer jungen Patientin.

Wie Breuer, der zuerst nicht an Nietzsche herankommt, es mit einer List versucht, nämlich indem er diesen bittet, sein Patient sein zu dürfen, in der Hoffnung, die eigene schonungslose Offenheit möge die seines Patienten anregen,ist genial beschrieben. Und wie die beiden Männer, einander im Gespräch belauernd und umkreisend, einander fast gegen ihren Willen immer mehr enthüllen,getrieben von der Faszination und der Sogwirkung, die zwischen ihnen im Gespräch entsteht, sich einander am Ende bis in die tiefsten Tiefen offenbaren und sich so gegenseitig tatsächlich von ihren "Leiden" befreien, ebenso. Und das alles mittels der "Redekur", einer Erfindung Breuers zu einer Zeit, als von der Psychoanalyse noch nicht einmal der Schimmer einer Ahnung vorhanden war: Wie gesagt, unbedingt empfehlenswert.

Ein Buch zum Verschlingen eben.
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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon Jacob Nomus » 23. Mär 2011, 12:03

Dank chronischen Zeitmangels habe ich mir den Film angeschaut. Ein intelligentes Stück, das die Werke Breuers und Nietzsches in ironischer und intelligenter Weise miteinander verknüpft. Sollte es sich ergeben, werde ich das Buch mit viel Vorfreude lesen.

Danke für den Tipp. :)

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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon börnie » 24. Mär 2011, 00:04

@Jacob

Wusste gar nicht, dass es das Buch schon als Film gibt. Ich liebe es im Allgemeinen, "den Film zum Buch" zu schauen. Danke also auch für den Tip.

Lese gerade vom selben Autor "Die Schopenhauer Kur". Genauso brilliant. Mehr dazu, wenn ich fertiggelesen habe ;)
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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon Jacob Nomus » 24. Mär 2011, 00:14

@ börnie - Anbei der Link zur DVD auf Amazon: http://www.amazon.de/Nietzsche-weinte-A ... 347&sr=1-1

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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon börnie » 24. Mär 2011, 10:01

Danke, Bussl ;)
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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon börnie » 10. Apr 2011, 09:38

@Jacob

Hab mir jetzt den Film bei Amazon bestellt und muss dir -aus meiner Warte-sagen: Er transportiert nicht im Mindesten die Sogkraft und Brillianz des Buches. Aufgrund dieses Films tät ich nie auf die Idee kommen, das Buch lesen zu wollen.
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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon Jacob Nomus » 11. Apr 2011, 19:22

Dass die Verfilmung ein Buch meist weniger reich umsetzt, ist die Regel. Eine Verfilmung ist meines Erachtens gelungen, wenn sie auf das Hauptsächliche fokussiert und es als ein neues Ganzes wirkt, das den Geist des Buches widergibt. Ich kann das im Fall von "Und Nietsche weinte" leider nicht beurteilen, weil ich das Buch nicht gelesen habe.
Zumindest kann ich sagen, dass mich beim Film die Idee begeistert hat, Nietzsches Philosophie in der Therapie praktisch anzuwenden. Insofern transportiert der Film, in seinen Grenzen, die grandiose Idee des Autors und macht Lust aufs Buch. :)

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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon börnie » 11. Apr 2011, 20:02

Das Buch ist echt viel, viel besser, aber ja, die Idee, Nietsche ne Art Psychotherapie machen zu lassen, in der er glaubt, er sei der Therapierende,überhaupt das Verschwimmen der Grenzen zwischen Heiler und Patient und deren Rollentausch kommt rüber. Aber die Tiefenschärfe kriegt der Film einfach nicht hin, er ist vieler Nuancen und Hinweise auf innere Entwicklungsprozesse enkleidet und dadurch fast zusammenhangslos...außerdem kommen einige Passagen des Films im Buch gar nicht vor, schade, dass die vom Original so abgewichen sind.

Die größte Verstümmelung eines genialen Buches war für mich die Verfilmung von Endes "Unendlicher Geschichte".

A propos: Bin schon gespannt auf die Kinopremiere "Wasser für die Elefanten" Ende April.(Nicht nur wegen dem Christoph Waltz ;) )

Eins der besten Bücher die ich je gelesen habe, Sara Gruen, die Autorin, ist noch ziemlich jung.
Momentan lese ich auch ihr Folgewerk, "Das Affenhaus", ein gleichermaßen faszinierendes Buch.

Bei "Stadt der Blinden" bin ich auch grad mittendrin, puh, harte Bandagen. Da kann ich aber schon sagen, dass der Film sehr wohl mit dem Buch mithalten konnte. :ugeek:
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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon Lies » 12. Apr 2011, 00:15

Bin gerade fertig mit der "Schopenhauerkur" und begeistert, ich lese wegen meiner Augen nur noch wenig, aber das hat mich am Ball bleiben lassen.

Wenn Du meinst, "und Nietzsche weinte" sei noch besser, dann gehe ich da in der kommenden Woche mit hohen Erwartungen ran.

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Re: Und Nietzsche weinte-Irvin D. Yalom

Beitragvon börnie » 12. Apr 2011, 00:51

Kannste ruhig, imho ist Und Nietsche weinte sogar noch besser. Das mit den Augen kenn ich. Ich tät ja noch viel mehr lesen, wenn meine Augen mittun täten.
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