Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Beitragvon Jacob Nomus » 21. Feb 2011, 22:22

Achtung: Spoiler-Warnung!

Sprachlich finde ich den Bestseller "Der Kindersammler" von Sabine Thiesler passagenweise flach, Wortwiederholungen beherrscht die Autorin wesentlich besser als Wortspiele. Auch die meist im aktiv gewählten und mit dem Subjekt begonnenen Sätze laden nicht ein, stilistische Lobeshymnen auf die Autorin zu singen.

Szenenwiederholungen hätte ich vermieden; der Mehrwert der Beschreibung des dem Mord in Berlin folgenden Mordes in Sylt erklärt sich mir nicht aus dem Plot. Ein einfacher Verweis hätte hier gereicht. So wie im zweiten Teil des Buchs zu oft die Meinung der Protagonistin Anne über das Haus in der Toscana zwischen Paradies und Hölle und über den enigmatischen Enrico zwischen Hochachtung und Zweifel wechselt.

Der erste Aufschrei meinerseits erfolgte, als die Autorin vergessen hatte, die beiden berliner Kids zu recyclen, die den kleinen Benjamin ausrauben wollten. Sie haben Benjamin mit dem Kindermörder gesehen und sagen es nicht der Polizei? Sollten sie von dem Mord nichts mitbekommen haben? Bei der Sensationsgier der Journalisten halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Thema "Benjamin" nicht wochenlang die Schlagzeilen der Berliner Presse zierte.

Positiv fand ich das stetige Zurückschwenken in die Vergangenheit des Mörders, das seinen Charakter wie ein Puzzle, Stück für Stück, zusammensetzte.

Der nächste Aufschrei kam mit der meines Erachtens ziemlich chaotischen Figur der Anne. Eine Frau kauft zielstrebig ein Haus und wird sich nach dem ersten Gespräch über ihren vermissten Sohn Felix plötzlich bewusst, wie unwahrscheinlich es ist, nach zehn Jahren Spuren zu finden. Haarsträubend der Passus, in dem sie ein Ungeborenes abtreibt, um Felix' Platz in der Familie nicht zu übertünchen wie seine Zimmerwand. Sollte Anne so fixiert auf ihren verschwundenen Sohn sein, dass der Leser dazu gezwungen wird, all diese irrationalen Handlungen als bare Münze zu nehmen? Ok! Also was macht Anne, als die Italienerin Allora ihr die Stelle zeigt, an der ihr Sohn zu finden ist? Natürlich nichts! Ein weiterer Schrei meinerseits.
Dass sich Annes Liebhaber Kai und ihr Ehemann Harald nicht um sie prügeln, ist so gesehen logisch.

Während ich im ersten Teil des Buchs das Handeln des Protagonisten Alfreds noch nachvollziehen konnte, war dies bei seiner Rolle des Enrico nicht mehr der Fall. Bei notariellen Akten wie einem Hausverkauf werden die Personalien aufgenommen; es mag für die Autorin logisch sein, dass ein Mensch, der versteckt und einsam leben will, alle Nase lang zum Notar rennt, zudem kontinuierlich durch fehlende Bauerlaubnisse riskiert, mit dem Gesetz in Konflikt zu treten. Stets wird das Klischee bemüht, italienische Beamte seien mit einem Grappa und vorgetäuschtem italienischen Nationalstolz erfolgreich zu bestechen und zu veräppeln.

Warum die Autorin die Figur der Kommissarin Mareike aus den ersten Kapiteln im zweiten Teil des Buchs recyclet, weiß nur sie, und warum diese ihren Sohn in einen für ihn potentiell gefährlichen Urlaub mitnimmt, weiß auch nur sie. Irgendwie erinnerte mich dieses Riskieren eines Kindes an "Es geschah am hellichten Tag", ein Satz, der auf dem Rückcover steht, aber während in Dürrenmatts Text die Handlung des Kommissars nachvollziehbar ist, ist die von Mareike einfach nur dumm.

Die Überdosis an Zufällen ließ mich hibbelig werden. Anne kauft zufällig das Haus, in dem Felix begraben liegt. Das hätte doch schon gereicht. Was habe ich darauf gehofft, dass Anne in ihrer ersten Nacht in der Mühle ein schmutziges Tuch findet, auf dem ein Eifelturm zu erahnen war, das Motiv auf dem T-Shirt, das Felix am tag seines Verschwindens getragen hatte. Das Szenario wäre klasse gewesen. Aber nein, lieber soll Mareike aus Zufall eine Sendung über vermisste Kinder in Italien sehen, in der genau die drei genannt werden - als ob in Italien nur zehn Kinder pro Jahr verschwinden würden. Und Mareikes Freundin Bettina muss sich mit ihren Kindern verlaufen und genau zu Enricos Haus laufen; logisch, deswegen sind ja all die beschriebenen Täler so einsam. Wäre ich in Enricos Situation gewesen, hätte ich dort eine Imbissbude aufgebaut. Er bräuchte keine Werbung zu machen, die Autorin sorgt schon für genügend Kundschaft.

Enrico kümmert sich erst nach dem Verkauf seines Hauses um eine neue Ruine. Zufälligerweise steht eine im nächsten Tal, für die er 30.000 euro bereit ist auszugeben. Der Immobilienagent Kai, obwohl nicht wissend, ob das Haus überhaupt zum Verkauf steht, bemüht sich um Enrico - er hat ja sonst nichts zu tun - und vernimmt von Fiamma, einem typischen Mamma Napoli-Klischee, mit der Zunge im Ohr exakt diesen Preis. Was die Szene mit dem Plot zu tun hat, weiß ich nicht. Die Autorin wollte wohl etwas Lokalkolorit einfließen lassen, und Deutschland weiß jetzt, dass in der Toscana alle Menschen triebgesteuerte Bauern oder Espresso trinkende, gut gebräunte Hobbyarbeiter sind.

Das im Telex-Stil zusammengeklatschte Ende fand ich in seiner Kürze persönlich sehr entgegenkommend.

Es wird nun vielleicht überraschen, dass ich das Buch trotz der langen Liste von Kritikpunkten nicht schlecht finde. In meinen Augen ist es ein mittelmäßig ausgearbeiteter Thriller, aber eine hervorragende Analyse des deutschen Lesermarktes. Das Buch will nichts mitteilen, sondern wie ein "Tatort" unterhalten. Ich hatte zwar von Seite 200-400 einen Durchhänger, aber ich verstehe vollkommen, wenn jemand sagt, dass das Buch spannend und mitreißend ist. Einige Passagen sind hervorragend. Besonders entzückt war ich von der finalen Suche nach Jan, als sich die beiden Polizisten über die zu durchsuchende Gegend stritten: Wunderbar, wie die Meinung des Lesers über die "richtige Entscheidung" hier hin und her geschüttelt wird.

Insgesamt ein Buch, dass meiner Meinung nach nicht aufgrund literarischer Ansprüche, sondern aufgrund der Konsumgewohnheiten der Leser/Fernsehzuschauer den Bestseller-Rang verdient hat.

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Re: Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Beitragvon Fabiana » 21. Feb 2011, 22:32

willst du uns hier nun ein buch empfehlen oder ausreden? :D
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Re: Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Beitragvon Jacob Nomus » 21. Feb 2011, 22:51

Ach, "Büchertisch" ist ein Buchempfehlungsforum? Ne ne, dann ist mein Beitrag eher eine Warnung, denn es gibt meines Erachtens bessere Bücher. :)

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Re: Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Beitragvon börnie » 21. Feb 2011, 23:15

Aber ein parallel geführtes "Warnung vor dem Buch"- Forum, "Cave Librum" oder so, hätte durchaus auch seinen Reiz, Jacob :mrgreen:
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Re: Sabine Thiesler - "Der Kindersammler"

Beitragvon Heffalump » 22. Feb 2011, 00:06

Auf einem Büchertisch ist Platz für gute und schlechte Bücher - warum denn nicht?
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