Michail Bulgakow - "Der Meister und Margarita"

Michail Bulgakow - "Der Meister und Margarita"

Beitragvon Jacob Nomus » 21. Sep 2013, 08:51

Dieses knapp 500 Seiten umfassende Buch wurde mir empfohlen von einem sehr belesenen Professor, jene Art Mensch, die gemächlich zu studierende Vergangenheit überraschender, frenetischer Gegenwart vorzieht. Knapp ein Jahr brauchte ich, um es zu lesen.
Wesentliches Hemmnis war der willkürlich zusammengeschusterte Plot. Was passiert, und in welcher Abfolge, ist unwesentlich. Wortgewandt malt Bulgakow Bilder, die die russische Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, und speziell das ihn umgebende Theatermilieu, karikieren. Mehr als einmal musste ich schmunzeln, und oft genug wurde ich mir der Vergänglichkeit von Wörtern bewusst, doch durch die kaum stringente Handlung entsteht kein Sog, im Gegenteil, es werden so viele Szenen beschrieben, un es werden so viele Charaktere aufgeführt, dass ich erleichtert war, als ich ihre Irrelevanz für den Plot erkannte und eine entfernte Erinnerung reichte, um der Geschichte folgen zu können. All diese Figuren haben allerdings einen Unterhaltungswert, und ein jede für Bulgakow sicher eine spezifische Bedeutung, die er nicht missen möchte, verweisen sie doch meist auf existierende Menschen aus seinem Leben.

Zwölf Jahre, von 1928 bis 1940, soll Bulgakow an "Der Meister und Margarita" gearbeitet und noch auf dem Sterbebett seiner Frau Inhalte diktiert haben. Diesen immensen Zeitraum sieht man dem Text auf Anhieb nicht an. Er liest sich flott, die Sprache ist unkompliziert, die Szenen sind abwechslungsreich, hinzu kommt, dass der Zeitraum der Haupthandlung kurz ist, wohl einer der Gründe, warum ich auch nach längerer Leseunterbrechung ohne Probleme zurück in den Roman fand. Er erscheint somit wie aus einem Guss geschrieben, doch wortwörtlich am Ende sieht man ihm die lange Entstehungszeit an: Schlagartig wandelt sich die bissige Satire in einen metaphysischen Text, Inhalte, die über die nackte Beschreibung von Abläufen hinausgehen, hin zu einer tieferen Sinnebene. Das Ende hat mich begeistert, nicht Bulgakows Erkenntnisse an sich, sondern die Wandlung des Romans und die damit verbundene Uminterpretierung der Charaktere, im Speziellen des Antagonisten.

Kuriosum: Zwei Personen, deren leblose Körper am Ende des Romans physisch vorhanden sind - das Auffinden eines Toten wird zudem im Text beschrieben - bleiben im Epilog verschwunden, von Delinquenten entführt, so mutmaßt die Polizei. Wohl ein Lapsus, der bei der Qualität des Werkes mehr als verzeihbar ist.

Jacob
Benutzeravatar
Jacob Nomus
 
Beiträge: 732
Registriert: 07.2010
Highscores: 132
Geschlecht: männlich

Zurück zu "Büchertisch"

 

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

cron